Olli Schulz - Feelings aus der Asche

Olli Schulz- Feelings aus der Asche

Trocadero / Indigo
VÖ: 09.01.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schlicht und ergreifend

Früher wurde ja immer gewitzelt, Olli Schulz fehlte zwar nicht das Format, letztlich aber das Aussehen fürs TV. Spätestens nachdem seine NDR-Late-Night-Show nach der Pilotfolge abgesetzt wurde, hatte man das Thema "Olli im Fernsehen" eigentlich abgehakt. Ein paar Jährchen später jedoch tauchte er mit einem Mal als blödelnder Sidekick von Joko und Klaas im Spätprogramm auf. Als "Charles Schulzkowksi" begeisterte nicht er nur das Publikum, sondern auch das Feuilleton. Und schließlich bekam er doch noch seine eigene Show. Nach einer Staffel "Schulz in the box" allerdings verkündete der Hamburger plötzlich wieder seinen Rückzug aus der Flimmerkiste. Sogar die InTouch berichtete. Als Schulz-Gönner der ersten Stunde wusste man nicht so recht, wohin das Pendel zwischen Mitfreude und Mitleid für die Schulzschen TV-Eskapaden ausschlagen sollte, jetzt aber ist ja wieder alles beim Alten.

Mit "Feelings aus der Asche" verabschiedet sich er also von der Mattscheibe. Angesichts der Tatsache, dass seine Konzert-Tickets sich mittlerweile im Hochpreis-Segment wiederfinden, könnte man dennoch erneut mürrisch werden. Nach dem ersten Hördurchlauf der neuen Schulz-Scheibe aber wird klar, dass die Preise schlicht als Asi-Schutzgebühr zu verstehen sind. Die Platte ist Schulzes bestes Solo-Album! Und außerdem sein ernsthaftestes überhaupt. Klar ließ Schulz immer wieder durchblicken, dass er mehr als der frisch entlaufene Blödelheimer ist, aber so wahrhaftig trat er noch selten auf. Womöglich ist das auch eine Nebenerscheinung des in der Glotze verschossenen Lachpulvers, des Daseins als ewiger "Klapskalli".

Die Platte eröffnet mit jeder Menge Esprit und karibischem Flair. Es folgt eine klare Forderung ans Leben: "Ich möchte kostenloses Popcorn für jedes Kind in dieser Stadt!" Im Chorus überschlagen sich Schlagzeug und Gitarre vor Freude über den tollen Indie-Pop-Track. In der Tat: "So muss es beginnen." Wie schon an dieser Stelle, besingt der norddeutsche Schlaks in "Als Musik noch richtig groß war" seine alten Helden und nicht zuletzt die Musik selbst. Am Ende des Stücks, wenn die "Musik nicht mehr ganz so groß ist", stört Schulz' Tochter seine nächtliche Jam-Session und fragt "Papa, was machst Du für einen Krach?" Vom Punk-Rocker zum Vater in vier Minuten – das gelingt wenigen so galant. Schulz' Stimme fügt sich der wechselnden Atmosphäre des Titels, mal swingt das Piano nach vorne, dann ergreifen die geviertelten Gitarren das Zepter. "Ich bin und bleibe ein Junge / Schreibe Songs in der Nacht", lässt Schulz sein höchsteigenes Angekommensein durchblicken.

"Phase", die erste Single des neuen Albums, spielt er schon seit längerem live. Er besingt dort das Ende einer Liebe und ein Mädchen, das ihn (seelisch) bis auf die Buchse auszog. Hier zeigt sich einmal mehr die verletzliche Facette des Entertainers, und sie steht ihm gut zu Gesicht. Dass Schulz sich nach wie vor von den Richtigen beraten lässt, erscheint zudem deutlich, wenn Gisbert zu Knyphausens Stimme in "Mann im Regen" ruhig über den Dingen schwebt oder dieser Schulz im Refrain von "Kinder der Sonne" unterstützt. Das Titelstück "Feelings aus der Asche" schließt den Reigen: Ätherisches Gesäusel leitet das Stück ein, bevor der Bass ihm Schwung einverleibt und die gezupfte Akustische übernimmt. Schulz erklärt so schön nie nicht mehr seit "Schon lange was defekt" von "Das beige Album", wie ein Beziehungsende nicht mehr zu verhindern ist, und wie in all dem doch ein Neubeginn herannaht. Kat Frankie singt die letzten zwei Zeilen des Titels, bevor der Vorhang fällt. Gänsehaut!

Dass Schulz einer von den Guten ist, steht heute so fest wie nie. Mit "Feelings aus der Asche" sollte er sich selbst gegenüber den übelsten Indie-Hardlinern rehabilitiert haben, sollte das denn wirklich nötig gewesen sein. "Das kann hässlich werden" mit seinen Achtziger-Elektro-Pop-Anklängen kommt anfangs vielleicht ein wenig schräg daher. Dennoch hat der Song Charakter, genauso wie das düster-anzügliche "Boogieman" und jeder einzelne Song auf Schulz' neuer Platte. Depression und Manie, Genie und Wahnsinn, Freude und Leid so nah beinander, in ehrlicher Manier ausgedrückt, in zehn Titeln und glatten 36 Minuten – so etwas gab das deutsche Singer-Songwritertum zuletzt selten her: Schlicht und ergreifend schlicht und ergreifend!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • So muss es beginnen
  • Phase
  • Als Musik noch richtig groß war
  • Feelings aus der Asche

Tracklist

  1. So muss es beginnen
  2. Phase
  3. Kinder der Sonne
  4. Passt schon!
  5. Boogieman
  6. Als Musik noch richtig groß war
  7. Dschungel
  8. Das kann hässlich werden
  9. Mann im Regen
  10. Feelings aus der Asche

Gesamtspielzeit: 36:00 min.

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User Beitrag

BibaButzemann

Postings: 80

Registriert seit 15.06.2013

2016-01-12 17:05:31 Uhr
Ist erstaunlich gelungen (fast alle Songs).
Höre ich zur Zeit wieder ab und an.
aaron zerbilke
2015-12-29 20:45:26 Uhr
langweiliger albumtitel und lahme musik und alles
Sportfreund Stiller
2015-03-25 19:44:37 Uhr
das Wortspiel im Albumtitel finden wir jedenfalls klasse. Könnte glatt von uns sein
Feeling aus der Asche
2015-03-25 19:29:47 Uhr
Hat er ohne es zu wissen den "Soundtrack" zum Germanwings-Absturz geschrieben?

Shitesite

Postings: 16

Registriert seit 01.03.2015

2015-03-25 19:23:31 Uhr
Sehr feine Platte. Das Beste an seinen Konzerten sind aber trotzdem die Ansagen. http://www.shitesite.de/2015/03/20/olli-schulz-haus-auensee-leipzig/
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