Pianos Become The Teeth - Keep you

Pianos Become The Teeth- Keep you

Epitaph / Indigo
VÖ: 24.10.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Freischwimmer

Pianos Become The Teeth? Ach, das sind doch diese Mitschwimmer, die es einst im Zuge der hektischen Euphorie um die so genannten "The Wave"-Bands mit an die Oberfläche gespült hat, die zwischen den Touché Amorés und La Disputes dieser Welt eben auch irgendwie da waren. Dabei waren sie weitaus weniger omnipräsent – worüber manche durchaus dankbar waren. Aber eben auch weniger herausragend. Der Makel des Durchschnitts, er haftet an dieser Band. "Old pride" und "The lack long after" waren zwar gute Alben, ganz oben mitspielen konnten sie aber nie. Eine Bürde, mit der nun "Keep you" zu kämpfen hat.

Ein Kampf, der schon im Vorfeld verloren geglaubt war. Glaubte man den vorab veröffentlichten Stücken, sollten Pianos Become The Teeth einmal mehr genau den Weg gehen, der von den "großen Brüdern" vorgezeichnet worden war. Ein bisschen weniger Krach, ein wenig dosiertere Ausbrüche, etwas mehr Atmosphäre. Die Regler alle ein kleines Stück nach unten eben. Hört man "Keep you" jedoch in voller Länge, wandert die Kinnlade schnell unter die Tischkante. Hier entledigt sich eine Band kurzerhand sämtlicher Vorurteile. "The Wave" wird als leere Worthülse demaskiert, der Hardcore wird vom Hof gejagt. Was bleibt sind zehn geradezu nackte Stücke, frei von jeglicher Effekthascherei oder sonstigen Ablenkungsmanövern. In ihrer Konzentration auf das Wesentliche ziehen sie an ihren Hörern vorbei. Wieder und wieder, unbemerkt. Das Fehlen von halsbrecherischen Breaks, von stimmbandzerrenden Ausbrüchen, ja von Tempowechseln im Allgemeinen macht es schwer, dieses Album zu greifen. So sehr man sich in dieser glatten Oberfläche festzukrallen versucht, schlittert man doch stets an "Keep you" vorbei.

Und gerade wenn man das Etikett "eintönig" aus der Hemdtasche nesteln will, packt einen diese Platte mit Nachdruck. Alles, was man bislang auf diesem Album vermisst hat, entpuppt sich als überflüssiges Blendwerk, das den Blick verstellt. Auf die schwer zu ertragende Intensität, die "Keep you" auszeichnet. Auf das feinsinnige Songwriting. Auf die Songs, die mit zum Besten gehören, was diese Band bislang vollbracht hat. "April" etwa, das geradezu verschwenderisch mit seinen wunderschönen Gitarrenfiguren umgeht und Schicht für Schicht ein akzentuiertes Finale aufbaut. Oder "Say nothing", das über sieben Minuten läuft und keine Sekunde an atemberaubender Atmosphäre verliert. Im Gegenteil, dezent verzerrte Gitarren ziehen immer enger werdende Kreise um ihre Hörer, Kyle Durfey darf zwischendurch andeuten, dass er sich im Metier des Schreihalses mal ziemlich wohl fühlte. Und doch macht die Band nicht das Erwartbare, lässt den Song niemals komplett von der Leine. Und sorgt für eine Spannung die greifbar in der Luft liegt.

Das gelingt "Keep you" bemerkenswert oft. Allen voran in "Repine", das über weite Strecken auch akustisch funktionieren würde und schon kurz nach Halbzeit die ganz großen Gefühle evoziert. Das ist zwischen unsagbarem Schmerz und rar gesäten Lichtblicken bisweilen so intensiv, man hält es kaum aus. Und so verkehrt sich alles, was man diesem Album anfangs vorwerfen wollte in sein Gegenteil. "Keep you" funktioniert als in sich geschlossenes Gesamtwerk. Es ist zu clever und subtil, um viel Wirbel um sich zu machen. Seine Songs sind so hintersinnig, man nimmt sie zunächst kaum wahr. Und doch lässt einen dieses Album auf absehbare Zeit nicht nur nicht mehr los, es nötigt einem auf höchsten Respekt ab.

Pianos Become The Teeth haben die Nummer durchgezogen. Den Hardcore abgeschafft, die eigenen Trademarks über Bord geworfen. Sie haben sich freigeschwommen, haben bei der eigenen Emanzipation gleich drei Schritte auf einmal gemacht. Mit den La Disputes und Touché Amorés dieser Welt haben sie nach dieser Platte nicht mehr wirklich viel gemein. Sie sind ihnen nunmehr einen Schritt voraus. Und bevor wir es vergessen zu erwähnen: Sie haben so ganz nebenbei mit Abstand ihr bestes Album geschrieben. Unser Forum hat das schon immer gewusst. Wir wissen es jetzt auch. Wurde auch Zeit.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • April
  • Repine
  • Enamor me
  • Say nothing

Tracklist

  1. Ripple water shine
  2. April
  3. Lesions
  4. Old jaw
  5. Repine
  6. Late lives
  7. Enamor me
  8. Traces
  9. The queen
  10. Say nothing

Gesamtspielzeit: 43:25 min.

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User Beitrag

Der Untergeher

Postings: 984

Registriert seit 04.12.2015

2016-11-08 22:06:20 Uhr
Aber ganz so traurig und runterziehend finde ich das Album gar nicht, vielmehr löst das für mich eine tiefe Ruhe aus.

Bei mir schwankt die Scheibe in ihrer Wirkung zwischen zu tiefst melancholischer, kotemplativer Ruhe und bis in die Knochen dringende Schwermut, die mich aufgewühlt zurücklässt. Ruhe und zu tiefst erschütternde Traurigkeit gehen hier d'accord.

ms nobody

Postings: 104

Registriert seit 28.04.2014

2016-11-07 15:18:38 Uhr
Ich glaub ich hab das einfach beim ersten mal glücklicherweise direkt in der richtigen Stimmung gehört weil schon da hat es mich gefangen genommen. Irgendwie ganz unaufgeregt und trotzdem unglaublich intensiv und schön.
Aber ganz so traurig und runterziehend finde ich das Album gar nicht, vielmehr löst das für mich eine tiefe Ruhe aus.

Euroboy

Postings: 96

Registriert seit 14.06.2013

2016-11-05 00:28:15 Uhr
Die Platte passt wieder perfekt in den trüben Herbst. Unglaublich tolles, trauriges unprätentiös Werk. Mit dem Übersong "Say Nothing" hat die Platte auch ihren perfekten Abschluss.

Bin mal gespannt wohin die Reise auf der nächsten "Pianos become the teeth" Platte geht.

Affengitarre

Postings: 1964

Registriert seit 23.07.2014

2016-08-15 23:39:28 Uhr
Heute erst wieder daran gedacht. Das ist so todtraurig und tonnenschwer, ohne irgendwie auf Härte setzen zu müssen. Man hört schon, dass den Anwesenden etwas Schlimmes passiert ist. Habe es, wie so viele andere hier ja auch, anfangs etwas unterschätzt, weil es irgendwie nicht so direkt und offensichtlich ist, aber wenn es dann zündet, dann auch richtig. Ein Grower wie er im Buche steht, da hast du recht.

The MACHINA of God

Postings: 9120

Registriert seit 07.06.2013

2016-08-15 23:33:14 Uhr
Meine Güte, bläst einen das Album in der richtigen Stimmung um. Wir sind uns wohl alle einig: unfassbarer Grower. 8,5/10
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