Tetema - Geocidal

Tetema- Geocidal

Ipecac / Soulfood
VÖ: 19.12.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das ist Wahnsinn

Man könnte glauben, Mike Patton wäre angesichts der Reunion von Faith No More ausgelastet. Dass ein Mike Patton eigentlich nur dann ausgelastet ist, wenn ein Elefant auf ihm liegt, wird allzu oft vergessen. Der Mann, der gefühlt zwanzig Projekte am Laufen hält, hatte trotz eines vollen Terminkalenders genug Zeit, sich mit dem australischen Avantgarde-Komponisten Anthony Pateras zusammenzutun und das Projekt Tetema aus der Taufe zu heben. Das Resultat dieser Kollaboration ist ein verstörendes Album namens "Geocidal", das sich wunderbar in die lange Liste von Ipecac-Releases einfügt, die verdammt großartig und gleichzeitig fast unhörbar sind. Schon die ersten Takte haben das Zeug zur Totenerweckung. Trommeln werden geschlagen, Obertongesänge angestimmt. Danach steigert sich die Musik in einen fiebrigen Wahn, wie besessen wird gesungen und gehämmert, bis folgerichtig der Kollaps eintritt. So eröffnet man keine Kompromissalben.

Der stimmliche Tausendsassa präsentiert sich in gewohnter Form: Egal ob liebliches Falsett oder kreissägenartiges Gekeife - Patton macht es, Patton kann es. Trotz des experimentellen Charakters der Musik darf der Vokalist jedoch auch oft genug seine Melodiebegabung zeigen. Dass selbstverständlich nur selten länger als zwanzig Sekunden in einem Register geblieben wird, ist Ehrensache. Dass der einen an der Waffel hat, ist ja nicht unbedingt eine Neuigkeit. Die Beharrlichkeit, mit der er dem Wahnwitz Methode gibt, nötigt aber noch immer Respekt ab. Die extrem dichten Klangteppiche, die Anthony Pateras zu erzeugen im Stande ist, geben dem Sänger genau den Entfaltungsraum, den er und seine Stimme brauchen. So zeigt etwa "Irundi", dass eine nicht für möglich gehaltene Kombination von Tribalgetrommel und elfenzartem Chorgesang eben doch realisierbar ist.

Diese Zusammenführung eigentlich inkompatibler Stilelemente ist die größte Stärke von "Geocidal". Zwar ist die Form der ADHS-Avantgarde mittlerweile sattsam bekannt, reizvoll ist sie immer noch. "Pure war" erinnert in seinem kompletten Irrsin gar an goldene Mr.-Bungle-Zeiten. Der Song springt wie von der Tarantel gestochen zwischen wüstem Screamo-Geballer und schamanischem Beschwörungsraunen hin- und her, ehe er genüsslich per Trommelwirbel in seine Einzelteile zerfetzt wird. "Infiltrate" knurrt der Maestro hundegleich, und die Nackenhaare stellen sich auf. Und dann gibt es jene besonderen Momente, in denen nicht der Krach, sondern dessen Abwesenheit angenehmes Unwohlsein in der Magengegend erzeugt. Die geisterhaft durch "Ten years tricked" irrende Trompete weckt zum Beispiel Erinnerungen an frühere Großtaten von Künstlern wie Miles Davis oder Peter Brötzmann.

Zugänglicher ist die Single "Tenz", die nicht nur einem nachvollziehbaren Strophe-Refrain-Schema folgt, sondern auch nicht einer gewissen Tanzbarkeit entbehrt. Auch das von einem drängenden Breakbeat angetriebene "3-2-1 Civilisation" nimmt bereits beim ersten Hördurchgang gefangen. Pattons aggressiver Gesang steht in scharfem Kontrast zu den immer wieder nach oben gespülten Streichern, die dem hassbefeuerten Lärm mit Melancholie zu begegnen versuchen. Teilweise überholen sich Patton und Pateras allerdings ein wenig selbst. So besitzt "Kid has got the bomb" zwar jede Menge Bösartigkeit und keuchende Beats, einen roten Faden jedoch nur mit viel Fantasie. Zum Schluss nimmt das Duo den Hörer jedoch bei der Hand – und hackt sie ab. "Death in Tangiers" ist gemein. Hundsgemein. Verminderte Klavierakkorde, schauderhaftes Pfeifen und summende Chöre machen jeder Partystimmung den Garaus. Bräuchte die Apokalypse einen Soundtrack, wäre "Geocidal" ein heißer Kandidat.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Invocation of the swarm
  • Irundi
  • Ten years tricked
  • Death in Tangiers

Tracklist

  1. Invocation of the swarm
  2. Pure war
  3. Irundi
  4. The hell of now
  5. Ten years tricked
  6. 3-2-1 Civilisation
  7. Tenz
  8. Suishaman
  9. Kid has got the bomb
  10. Emptiness of ecstacy
  11. Death in Tangiers

Gesamtspielzeit: 38:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-02-13 12:57:28 Uhr
nicht wirklich hart, eher von der Gesamtstimmung... Gitarren gibt's nicht wie bei Fantomas, es wird viel getrommelt, hin und wieder wird es etwas jazzy, manchmal ist es etwas fragmentarisch und sprunghaft, hin und wieder gibt es auch Melodien... von der Atmosphäre gefällt es mir sehr gut, vielleicht ist es treffender als Mischung aus Fantomas (ohne Gitarrenriffs) und dem Romances-Album von Kaada/Patton zu beschreiben.

The MACHINA of God

Postings: 17784

Registriert seit 07.06.2013

2015-02-13 12:46:04 Uhr
Also schon eher härter?

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-02-12 20:41:06 Uhr
schön geworden... Fantomas nicht unähnlich

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-01-03 18:35:04 Uhr
https://www.youtube.com/watch?v=CwTP0vk0iPU

Kommt erst am 16. Januar raus, soweit ich sehen kann. Kann man die Zeit bis zur neuen FNM gut überbrücken.

The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2014-12-11 14:42:54 Uhr
Ha. Nur dank des FB-Posts gemerkt, dass da Patton mitmischt. Dann werd ich wohl mal reinhören.
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