Liquido - At the rocks

Liquido- At the rocks

Virgin
VÖ: 31.07.2000

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das alte Lied

Bringen wir es gleich hinter uns: es hat auf dieser großen, weiten und manchmal ungerechten Welt ohnehin nie einen Artikel über Liquido gegeben, in der dieser Titel nicht erwähnt war und wird es vermutlich auch nie. Die Rede ist natürlich von "Narcotic", und damit von der Keyboardmelodie, die Liquido vor gut einem Jahr in alle Ohren und einen heißen Sommer lang auf alle großen Festivalbühnen brachte. Das eilig nachgeschobene, selbstbetitelte Debütalbum durfte sich dann immerhin als "nett" oder "catchy" betiteln lassen. Alles keine Attribute, die ein Album zum großen Klassiker glorifizieren, aber hoffen ließen, daß noch nicht alles verloren ist. "At the rocks" heißt nun der Nachfolger, und auch wenn das dreiste Wortspielchen die grammatikalische Höchststrafe bedeutet, soll es allen, die immer noch nicht verstanden haben, zeigen: hier wird gerockt, was das Zeug hält. Leider hält das Zeug nicht immer, was es verspricht. Selbst die neuen Ideen sind geklaut: "The joke is on you" und "California" springen auf den Punkzug gen Kalifornien auf, während "Courtainfall" den erklärten Vorbildern Smashing Pumpkins die letzte Ehre erweist. Wenn Liquido dann noch so weit gehen, und den "Wooo Hoo"-Brunftschrei aus Blurs "Song 2" ohne rot zu werden derart offensichtlich plagiieren, ist das Maß für mich übervoll.

Man bedient sich fleißig, wo man kann und schreibt schamloserweise mit "Play some rock" auch noch ein Liedchen darüber, das ich trotz des albernen Kinderchors und dem verflucht eingängigen Keyboardmuster (Wer hier schon wieder "Narcotic" schreit, schreie bitte noch lauter!) lange nicht so schlecht finden kann, wie ich eigentlich möchte. Mit "The opera" hält man immerhin ein ausgefeiltes Stück Indie-Rock bereit, das selbst beim zwanzigsten Hören noch frisch klingt. Leider verkommen die meisten anderen, teilweise recht ambitionierten Stücke wie das sechsminütige "Tired" schnell von der Rockoper zur Lachnummer und sind höchstens gut gemeint statt gut gemacht. Nicht mal gut gemeint, sondern jenseits von Gut und Böse sind über weite Strecken die Texte. Keine Banalität ist zu banal, und der Wortwitz wird umzingelt, bis die Schwarte kracht. Es gibt bestimmt Menschen, die Elaboraten wie "My girl is looking like James Bond now / My girl is looking like James Dean" oder nichtssagenden Kinderreimen Marke "We'll make it / Legal chance to break it / On the other side who's faking / Ain't no need to fake it" etwas abgewinnen können, aber ich gehöre definitiv nicht dazu.

"Unser neues Album ist ganz anders" oder "Wir haben nochmal ganz von vorne angefangen" - ich brauche gar keinen Blick ins Info zu werfen, um zu wissen, daß dort Worthülsen wie diese lauern. Und tatsächlich: "Wir streben nicht an, ein zweites 'Narcotic' zu schreiben" lassen Liquido verlautbaren, und schieben nach "Play some rock" mit "Park drive 31" gleich ein drittes hinterher. Ein netter Witz wird bekanntlich nicht besser, wenn man ihn wiederholt. Daß dasselbe auch für Songideen gilt, scheint leider noch nicht bis nach Heidelberg vorgedrungen zu sein. Die drei Kollegen von Tocotronic räumten mit ihrem zweiten Album unmißverständlich ihren Standort in der deutschen Rockszene ein und sangen "Es ist einfach Rockmusik". Bei Liquido hingegen handelt es sich um aus einfachsten Mitteln zusammengewürfelte Rockmusik, die dennoch (oder gerade deswegen) des öfteren die Kurve kriegt, um das Stirnrunzeln des Zuhörers in ein unfreiwilliges Mitwippen zu verwandeln. Ob in "At the rocks" nun ein Dutzend Ohrwürmer oder doch nur der eine sprichwörtliche Wurm drin ist, sollte daher jeder für sich selbst entscheiden.

(Armin Linder)

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Highlights

  • The opera
  • Play some rock

Tracklist

  1. The joke is on you
  2. Park drive 31
  3. Catch me
  4. Tired
  5. The opera
  6. California
  7. Play some rock
  8. Radio
  9. Suzanna
  10. Finally fine
  11. Courtainfall

Gesamtspielzeit: 46:19 min.

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