Herbert Grönemeyer - Dauernd jetzt

Herbert Grönemeyer- Dauernd jetzt

Grönland / Universal
VÖ: 21.11.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Unerschütterliches Geschick

Wäre es besser gewesen, Herbert Grönemeyer direkt zu fragen? 2014. Fußball-WM. Deutschland wird Weltmeister. Und als zugehörige Songs bleiben hängen: Mark Forster und Sido, die ausgeschiedenen Gegnern "Au revoir" entgegneten und Andreas Bourani, dessen Song über Freundschaft zum Wir der Fanmeile wurde. Bourani machte sich dabei Grönemeyers typische Intonation und Phrasierung zu Eigen und hinterließ eine laue Nummer für lauwarme Nächte. Herbert Grönemeyer indes hatte zur WM 2006 mit "Zeit, dass sich was dreht" eine internationale und ganz und gar unpeinliche Nummer aufgenommen. Nun, fast in der Nachspielzeit des Jahres, holt der 58-Jährige mit "Der Löw" seine Würdigung der sportlichen Leistung nach. Abgesehen von einem Reim wie "Der Löw war los / Sie war'n grandios", der eher an das Niveau des damaligen WM-Maskottchens "Goleo" erinnert, erspart sich Grönemeyer textliche Plattitüden. Er gibt sich aber allzu heroisch und verpackt Götzes Finaltor in etwas überschwängliche Poesie, spricht vom "Hand-Gottes-Gefüge" und konkludiert: "Der Sommer hat getanzt, der Sommer hat romanzt, der Moment der Ewigkeit."

Zugegeben: Dazu reiben sich keine flaggenbemalten Wangen und es wird glücklicherweise auch nicht das Stück von "Dauernd jetzt" bleiben, das die Jahre überdauert. Auf einem Album, das den Moment schätzt, ist "Der Löw" ein nachvollziehbarer, wenngleich fragwürdiger Schritt Grönemeyers. "Dauernd jetzt" zeigt aber auch, dass der gebürtige Göttinger, wenn er von "Unser Land" singt, Deutschland meint – obwohl er inzwischen überwiegend in London lebt. Der Song beschreibt charakteristische deutsche Wesenszüge: Die Achterbahn subjektiven Wohlbefindens, die stete Sorge um den Verlust des Status Quo, die Kluft zwischen Arm und Reich, den Habitus der Wohlstandsgesellschaft und das vage Voranschreiten wegen der omnipräsenten Vergangenheitsbewältigung. Grönemeyer trägt den Song scharfkantig vor, wirft Wortfetzen hin, spricht von dem Land als Liebe auf den zweiten Blick, schließt sich immer in der Wir-Form mit ein.

Optisch nähert sich Bochums berühmtester Musiker-Sohn inzwischen dank neuer Brille einer Mischung aus Udo Lindenberg und Heinz-Rudolf Kunze an, inhaltlich aber überwiegt auf seinem 14. Studioalbum Zusammenhalt, Zufriedenheit, gar ein kurzfristiger Zustand der Sorglosigkeit – wenn man die Flüchtlingsthematik von "Feuerlicht" und die sozialen Netzwerke ausklammert. Der 58-Jährige verzichtet privat auf Facebook, denn auf "verlacht und zerteilt" hat er keine Lust, und so kritisiert "Uniform" folgerichtig die Darstellungslust und den Identitätsverlust im zusehends digitalisierten Leben: "Wir zerfleddern unsere Seele für ein bißchen Bewunderung nur / ... / Verteidige Deine Grenzen / Du bist das, was keiner sieht." Aber das kann Grönemeyer eben auch ausblenden, weshalb der Annette-Humpe-Song "Einverstanden" sowie "Wunderbare Leere" erneut das Momentum feiern. Da heißt es mal "So wie es ist, ist es gut" und zu "We will rock you"-Rhythmik: "Heute mache ich mir keine Sorgen, ich fass' sie morgen wieder an."

Grönemeyer zeigt sich nach "12" und "Schiffsverkehr" ausgeruht und in jedem Falle aufgeräumt. Die Single "Morgen" spricht über den Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft, Fran Healy spielt dazu Gitarre und das Outro zieht eine ähnlich wohlige Schlinge, wie es einst das Schifferklavier bei "Land unter" tat. Grönemeyers präsentiert auf "Dauernd jetzt" luftigen Pop-Rock, wie er in dieser Klarheit in seiner Diskografie zuletzt Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre auftauchte, malt mit Piano und Streichern die feine Ballade "Verloren", mit Akustik-Gitarre den Grönemeyer-typischen Neologismus "Ich lieb mich durch" und setzt auf leicht knurrende Riffs in der Bergbau-Symbolik von "Unter Tage". Dass die Rhythmik des Songs sonst auch bei einer Lorde-Nummer funktioniert hätte, liegt an Grönemeyers Langzeit-Arbeitspartner Alex Silva. Der tröpfelnde Beat fügt sich nahtlos in Grönemeyers Bild des im Nacken sitzenden roten Mondes. Es greifen eben viele Momente ineinander auf "Dauernd jetzt". Högschd interessant.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Morgen
  • Roter Mond
  • Unser Land
  • Feuerlicht

Tracklist

  1. Morgen
  2. Wunderbare Leere
  3. Uniform
  4. Fang mich an
  5. Roter Mond
  6. Der Löw
  7. Unter Tage
  8. Verloren
  9. Unser Land
  10. Ich lieb mich durch
  11. Einverstanden
  12. Feuerlicht

Gesamtspielzeit: 45:24 min.

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Shitesite

Postings: 16

Registriert seit 01.03.2015

2015-04-06 16:21:01 Uhr
Die Extended Version ist ein bisschen zweifelhaft, aber der darauf enthaltene Konzertmitschnitt zeigt ganz gut, wie die neuen Songs funktionieren. Auch wenn die meisten Fans aussehen wie direkt vom CDU-Parteitag importiert. http://www.shitesite.de/2015/04/03/hingehoert-herbert-groenemeyer-dauernd-jetzt-extended/
Gesäß
2014-12-02 15:21:38 Uhr
Herbert G. ist Gastsänger auf dem neuen Gang of Four-Album, welches im Februar erscheint.

seno

Postings: 2858

Registriert seit 10.06.2013

2014-12-02 15:20:34 Uhr
Für mich ist Grönemeyer für die deutsche Musik das, was der Tatort fürs deutsche Fernsehen ist.
Eigentlich nichts besonderes, manchmal sogar richtig schlecht, aber der Großteil meint, es gut finden zu müssen.
So kommt es mir zumindest vor.
moni
2014-12-02 15:14:51 Uhr
da stimm ich dir zu musie, um Längen schöner als Schiffsverkehr.. Roter Mond: wow

musie

Postings: 1785

Registriert seit 14.06.2013

2014-11-26 13:06:05 Uhr
es ist das beste grönemeyer album seit langer langer zeit. Pilot nicht auf die normale version zu packen ist sehr fragwürdig.
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