Aufbau West - Zweitbester

Aufbau West- Zweitbester

Fleet Union / Indigo
VÖ: 21.11.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mittendrin statt nur dagegen

Ob Pop, Deutsch-HipHop, Indierock und -pop, Elektro-Trash oder Dance-Punk – ob Deichkind, Egotronic, Frittenbude oder auch Thees Uhlmann, Kraftklub, Casper und Cro: Das Geschäft mit deutschsprachigem Kulturgut ist in den letzten Jahren schnelllebig und wendefreudig gewesen, aber auch lukrativ. Mit Aufbau West, einer Band aus dem Ost... nein, aus Ostwestfalen, schicken sich nun die nächsten an, diese Szene aufzumischen und machen dabei vor allem das Hipster- und Mitläufertum der "Generation Merkel", wie der "Spiegel" kürzlich titelte, zu einem zentralen Thema ihres Debüts. Da ist man recht schnell bei ihnen. Denn in der Tat kann einem angst und bange werden, wenn heute Millionen Facebook-Selfies zum Spiegelbild einer ganzen Generation werden und das Herausstellen von Style, Auftreten und Attitüde dem Lebensziel "Wandelde Fassade werden" mehr und mehr Kontur geben. Und ja, die potenzielle Zielgruppe scheint heute tatsächlich noch zielloser umherzuirren als damals, bei Deichkinds zweitem Frühling.

Ziemlich genau wollen Aufbau West das Trend-Treiben ihrer Mit-Heranwachsenden in den letzten Jahren beobachtet haben, und da man sich gerne in der Position "Wir sind die anderen" sieht, schallt es den Großstadt-Opinion-Leadern in "Von Hellersdorf bis Rotterdam" entgegen: "Gerade erst Emo überlebt / Und heute kleinkariert und großstadtreif." Frei Schnauze dissen, hier funktioniert es und erinnert ein bisschen an Kraftklubs gute Momente. Immerhin schickt sich auch der Vorab-Track "& das ist erst der Anfang" mit großer Klappe (aber leider auch dünnen Worthülsen) an, sich zu positionieren. Schade bloß, dass das Finale des Songs nicht etwa Anfang oder Aufbruch, sondern wohl zum frühen Zeitpunkt schon einer der kreativsten Momente dieser Platte ist. Ansonsten bekommt man es in der Folge wie im nervigen "Deine Mutter" schon mal mit einem unsäglichen Kinderchor-Intro und platten Zeilen wie "Oh Du Armer, man hat mir erzählt / Dass Deine Mutter sich ein Leben lang schon für Dich schämt" zu tun – und das dann leider auf Endlos-Repeat. Dabei versammelt die Band auf "Zweitbester" HipHop-Beats, Indie-Gitarren, Synthies, Chöre und neben Jennifer Weist alias Rostock irgendwie auch sonst noch Etliches, was in den letzten Jahren so aufkam.

Sänger Florian Berres und seine Mitstreiter erkennen zwar, dass es sich eben nicht konsequent aus der Perspektive der "Anderen" berichten lässt, wenn man selbst so nah dran ist und irgendwo auch mit drin hängt, in dieser Generation. Und klar, Abgrenzung ist wichtig und birgt künstlerisches Potenzial, aber was in den Augen der Band im Argen liegt, das deuten die Texte auf "Zweitbester" höchstens silhouettenhaft an, statt es an die Wände zu schmieren. Was der Platte fehlt, um ein wirklich erfrischender, emporgestrekter Mittelfinger zu sein, sind nicht einmal Punkrock oder Härte – aber sehr wohl zu häufig Tiefe, Witz und Schlagfertigkeit. Über Instagram-Foto-Hipness, "Jutebeutel voller Grausamkeit" und gedrehte Zigaretten lästern oder feststellen, dass Spießigkeit überall lauert, nur um selbige dann mit Cardigans- oder R.E.M.-Hören und der Lindenstraße gleichzusetzen, löst beim Hörer nicht viel mehr als ein hilfloses "Aha." aus – zumal die Band selbst bei Instagram postet. Musikalisch ist "Zweitbester" schon gefälliger und ausgestattet mit Gespür für den ein oder anderen guten Popsong wie etwa "Die sicher schlimmste Wahl", der die Kleinstadt-Ödnis anprangert.

Immerhin: Gute Ansätze sind da. Das zeigt das ohrwurmige Titelstück trotz beim Text erneut hängender Plattennadel oder der weniger aufgeregte letzte Teil des Albums mit annehmbaren Songs wie "Lichter aus". Das Problem bleibt aber: Dieses Album will sich auflehnen, möchte das Salz in der faden, aufgewärmten Suppe namens Pop-Szene sein – vergisst bis auf wenige Ausnahmen aber sowohl Salzstreuer als auch Pfeffermühle. Die erste Platte der Ostwestfalen nervt nicht, ist aber auch weit weg vom angekündigten Stinkefinger. Anti-Trend-Ansagen wie "Was sind schon kiloweise Realness / Wenn man nur einer von so vielen ist?" stehen kurz im Raum, werden aber dort von etlichen Plattitüden beinahe unkenntlich gemacht. Und sowieso bis zum Erbrechen wiederholt. Und wenn das Gesamtpaket deswegen dann ein bisschen konstruiert und irgendwie auch gewollt-trendy daherkommt, dann passen Aufbau West doch vielleicht besser zur ungeliebten Adressatenschaft, als ihnen lieb sein kann.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Die sicher schlimmste Wahl (feat. Jennifer Rostock)
  • Zweitbester

Tracklist

  1. Vietnam
  2. & das ist erst der Anfang
  3. Von Hellersdorf bis Rotterdam
  4. Die sicher schlimmste Wahl (feat. Jennifer Rostock)
  5. Deine Mutter
  6. Zu jung für R.E.M.
  7. Zweitbester
  8. Lindenstraße und Cardigans
  9. So große Gegenstände
  10. Lichter aus
  11. Kiloweise Realness

Gesamtspielzeit: 36:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
René
2014-11-19 15:25:26 Uhr
Die zwei Videos gefallen mir gut, der Titelsong was besser als der Rap-Song. Mal gucken.

Jennifer

Postings: 1423

Registriert seit 14.05.2013

2014-11-18 21:10:13 Uhr
Frisch rezensiert. Meinungen?
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