Von Spar - Streetlife

Von Spar- Streetlife

Italic / Rough Trade
VÖ: 24.10.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kommando zurück

Haben Von Spar einen Plan? Falls ja, hat das Quartett bisher sein Bestes getan, ihn nicht zu sehr an die Oberfläche dringen zu lassen. Zu oft wirkte es, als seien die Dinge in der Bandbiografie einfach so passiert: Zunächst rissen die Kölner auf "Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative" mit viel Gekreische und karikiertem Post-Punk die Tanzböden auf, wie man das Mitte der nuller Jahre eben so machte, und als Sänger Thomas Mahmoud plötzlich weg war, versuchten sie sich an Psychedelia und Krautrock. Auf "Von Spar" noch einigermaßen ratlos, mit "Foreigner" schon zielstrebiger, wenngleich längst nicht über alle Zweifel erhaben. Knapp viereinhalb Jahre später wissen Von Spar anscheinend besser, was sie tun oder wenigstens was sie wollen: eine ganze Menge. Und die Liste der Anknüpfpunkte ist lang.

Denn der Albumtitel verweist nicht umsonst gleichzeitig auf Roxy Music und den von Randy Crawford gesungenen Hit der Crusaders. Und auch wenn Von Spar zuletzt zusammen mit Stephen Malkmus live komplett "Ege bamyasi" von Can nachspielten, heißt es "Kommando zurück" auf "Streetlife": kosmisch-komisches Wirrsal raus, Pop-Vibe wieder rein. Natürlich ohne Mahmouds hektisches Gejapse, was den acht entspannt daherpumpenden Songs gut zu Gesicht steht. Zumal sich Von Spar vorab wohlstrukturierte Gedanken über gleichwertigen Ersatz gemacht haben: Ihr ehemaliger Tomlab-Labelkollege Chris Cummings alias Mantler und Marker Starling gastiert auf gleich vier Stücken, und auch für die rheinische Elektronikerin Michaela Dippel alias Ada und die stachelige Alternative-Folkerin Scout Niblett ist ein Plätzchen frei.

Das alles liest sich disparater, als es ist. Wie zum Beweis groovt sich die Single "Chain of command" ausgesprochen infektiös in Ohr und Bein, lässt bis auf ein paar Knarz-Einwürfe sämtliche Disharmonien links liegen und macht sich mit unaufdringlichem Piano-Thema und klug gesetzten Streichern nicht viel strubbeliger als unbedingt nötig. Was im Grunde für das ganze Album gilt – etwa wenn "Hearts fear" eine Exkursion in die frühachtziger New-Age-Epen von Neu!-Gitarrist Michael Rother wagt. Oder "V.S.O.P." sich in gediegenem DFA-Records-Midtempo so wohlig im elektronisch schmatzenden Rhythmus wiegt, dass nicht einmal der Cognacschwenker überschwappt, mit dem Von Spar gerade noch den dudeligen Keyboards des Metronomy-Hits "The look" zuprosteten. An der kölschen Riviera schwoft es sich nämlich ebenso gut.

Doch so einladend und gefällig "Streetlife" über weite Strecken auch ist: Dezidierte Aussagen oder gar kämpferische Ansagen sollte man hier nicht erwarten. Das Instrumental "Ahnherr der Schwätzer", zu dem die Band früher vermutlich mehrteilige Traktate verfasst hätte, gefällt sich lediglich als improvisierte Fingerübung und kommt erst verspätet in Wallung. Zudem muss der Hörer gelegentlich mit schmierigen Softrock-Ausfällen wie "Try though we might" rechnen, bei dem es sowohl Indie-Soul-Crooner Cummings als auch das marmeladene Saxophon haltlos übertreiben. Doch Schwamm drüber: Mit dem fricklig-zwingenden House-Dance von "One human minute" hört dieses Album genauso gut auf, wie es begann. Und Von Spar können Plan B bis auf weiteres wieder in der Schublade verstauen. Falls sie einen haben.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Chain of command
  • One human minute

Tracklist

  1. Chain of command
  2. Breaking formation
  3. Hearts fear
  4. V.S.O.P.
  5. Ahnherr der Schwätzer
  6. Try though we might
  7. Duvet days
  8. One human minute

Gesamtspielzeit: 47:42 min.

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ummagumma

Postings: 693

Registriert seit 15.05.2013

2014-12-01 20:59:05 Uhr
Also da das Album doch in der einen oder anderen Liste auftaucht(vorne an Randwer) führe ich mir das doch mal zu Gemüte

Im Jahr 2014 so einen Song zu machen wie try though we might ist schon gewagt.Ist nah am puren Schmalz eigentlich.Aber eingebettet in das Album mit seiner Tangerine Dream/Klaus Schulze frühe 80er Stimmung und sowieso 80er passt das schon wieder ganz gut.
Insgesamt eine angenehme Stimmung aber ohne jetzt tief zu berühren
Highlights für mich auf Anhieb V.S.O.P und Ahnherr der Schwätzer.
Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass da insgesamt einiges an Potential liegen gelassen wird insbesondere was die jeweilige Songentwicklung angeht.Da sind einfach kleinere Plätscherphasen drin.
Das ganze erinnert mich übrigens auch stark an Destroyer Kaputt.Da hatte ich das gleiche Problem, dass da eigentlich gute Melodien sind und eine schöne Atmosphäre,aber eben leider auch Durchhänger...

Ansonsten freu ich mich weiter auf die Tips in den Listen,gibt sicher noch einiges zu entdecken

ahaahaahaahaaha
2014-11-23 22:43:32 Uhr
aha
aha
2014-11-23 20:32:48 Uhr
und "von spar" ist eine anspielung auf einen berühmten discounter?

Randwer

Postings: 951

Registriert seit 14.05.2014

2014-11-23 19:25:50 Uhr
Was die Benennung der Titel angeht, so rätsel ich auch darüber, ob sich hinter "Hearts Fear" eine politische Botschaft versteckt. ;)

sumsar

Postings: 13

Registriert seit 10.04.2014

2014-11-23 14:12:14 Uhr
"Anherr der Schwätzer" ist nicht nur ein geiler Name, sondern auch verdammt guter Krautrock. Kann dem Rest aber nicht viel abgewinnen
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