Herbert Grönemeyer - Mensch

Herbert Grönemeyer- Mensch

Grönland / EMI
VÖ: 02.09.2002

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Schmerztherapie

Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, das sich breitmachte, als die Meldungen vom kurz aufeinanderfolgenden Tod von Herbert Grönemeyers Bruder und seiner Ehefrau durch die Medien geisterten. Betroffenheit machte die Runde. Selten nahm die eigentlich eher indifferente Öffentlichkeit soviel Anteil am Schicksal eines ihrer Stars. Dem Überzeugungsbochumer aber, der sich schon auf dem kurze Zeit vorher erschienenen "Bleibt alles anders" eindrucksvoll mit Abschied, Schmerz und Trauer auseinandergesetzt hatte, wurde der ganze Rummel zuviel. Die Flucht nach London erschien als Ausweg. Das Ende des öffentlichen Herberts?

Doch Zeit, pflichtbewußt wie immer, heilte auch diesmal die meisten Wunden, und so sah es auch der Vorzeige-Nichtsänger der Nation schließlich ein: "Bin viel zu träge, um aufzugeben / Es wär' auch zu früh, weil immer was geht" ("Der Weg"). Also setzte er sich auf den Allerwertesten und zog sich selber aus dem Tal der kalten Tränen heraus. Wortreich wie immer schildert er auf "Mensch" seine Niedergeschlagenheit. Oft wandern seine Texte an ungewohnten Abgründen entlang. "Es tropft ins Herz / Der Kopf unmöbliert und hohl" metaphorisiert er in "Unbewohnt". Kein Soundtrack für den Sommer.

Doch es schmeckt nicht alles salzig. Aus dem Verlust der Geliebten erwächst die Freude an der Erinnerung. Wenn die Geigen zu molligen Harmonien singen, klingt in den Zwischentönen immer die Hoffnung durch. "Mensch", die unvermutete Ohrwurm-Single, findet die Stärke in seiner Schwäche wieder. "Und der Mensch heißt Mensch / Weil er vergißt, weil er verdrängt." Die Narben verheilen, aber die Erinnerung an das, was war, verschwindet nicht. "Du fehlst." Zwei Worte, die soviel sagen.

So findet Grönemeyer mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück zu seinen Markenzeichen: in Melancholie badende Balladen und zwischen den Zähnen hindurchgepreßte Lyrik dies- und jenseits der Kitschgrenze. Bisweilen vorhersehbar, doch nicht ohne Überraschungen. "Dort und hier" krächzt beschaulich durchs Grammophon. Und sogar seine heiseren Rocker läßt Grönemeyer wieder los. Treibend wie zu NDW-Zeiten prescht "Neuland" nach vorne und teilt in Richtung Politik aus: "Paß auf Neuland / Du brauchst keinen rechten Weg."

Die routinierte, mitunter etwas altbackene Produktion läßt einmal mehr Platz für Grooves, Geigen, Gitarren und ganz viel Grönemeyer. Der ist trotz aller Trauer ganz in seinem Element. Mal bedrückt, mal ganz anschmiegsam. Und manchmal gar zickig. Da ahnt man fast, daß der Herr auch mal zur Neuen Deutschen Welle gezählt wurde. Und doch ist "Mensch" ein vornehmlich düsteres Statement: "Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht." Ein Blick in das Seelenleben des Herbert Grönemeyer.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Mensch
  • Neuland
  • Unbewohnt
  • Blick zurück

Tracklist

  1. Mensch
  2. Neuland
  3. Der Weg
  4. Viertel vor
  5. Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht
  6. Unbewohnt
  7. Dort und hier
  8. Blick zurück
  9. Kein Pokal
  10. Zum Meer
  11. Demo (Letzter Tag)

Gesamtspielzeit: 66:09 min.

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