Damien Rice - My favourite faded fantasy

Damien Rice- My favourite faded fantasy

Warner
VÖ: 31.10.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Als der Sturm vorbei war

Acht Jahre. Fast genau acht Jahre hat Damien Rice sich Zeit gelassen. Sogar ganze elf Jahre sind vergangen, seit er sich 2003 das erste Mal in die Herzen gespielt, gefleht, gebrüllt hat, mal laut, mal leise, mal fragil wie eine Seifenblase, mal hart wie ein Stein. "I saw a spaceship fly by your window / Did you see it disappear?", "It's not hard to grow when you know / That you just don't know", "And so it is / Just like you said it should be / We'll both forget the breeze / Most of the time" – "O" war mehr als nur das Debütalbum eines Singer-Songwriters, es war eine Zitatesammlung für vergangene und zukünftige Augenblicke, der aussetzende Herzschlag in besonderen Momenten, traurigen wie glücklichen. Der zwei Jahre später erschienene Nachfolger war auch gut, sogar großartig, hatte aber nicht mehr die gleiche Wucht. War "O" noch der alles entrückende Sturm, der das gewohnte Leben gehörig durcheinander brachte, befand man sich auf "9" mittendrin, im Auge des Tornados, man spürte das Getöse, sah es, hörte es, wurde aber nicht direkt davon berührt. Acht Jahre ist das her.

"My favourite faded fantasy", das dritte Album des mittlerweile 40-jährigen Rice, ist die Folge nach dem Sturm. Es herrscht Chaos, Verzweiflung, die Aussicht auf Hilfe und Hoffnung scheint noch fern. Der Ire stolpert nicht, gerät aber kurzzeitig ins Taumeln. Das liegt nicht an der Qualität der Songs, auch nicht unbedingt am Weggang von Lisa Hannigan, die längst weitergezogen ist und solo zu überzeugen weiß. Es liegt vielmehr daran, dass Damien Rice im Jahr 2014 längst nicht mehr die Wirkung hat, oder haben kann, wie es noch 2003 oder 2006 der Fall war. Die damalige Hörerschaft, aus deren Seele er sprach, steht mittlerweile mit beiden Beinen auf dem Boden, sie weiß, wie man mit den Stürmen des Lebens umzugehen hat. Mit 51 Minuten Spielzeit bei gerade mal acht Songs braucht er zudem viel Zeit, um auf den Punkt zu kommen. Schon der Titeltrack, der erste Vorbote des Albums, ist nach "Accidental babies" von "9" der längste Song in seiner Karriere – und es sollen sich auf "My favourite faded fantasy" sogar noch ein paar längere finden.

Das alles macht natürlich nichts, wenn der Rest stimmt. Trotzdem ist das Titelstück und gleichzeitige Opener nicht ganz das, was man sich nach der langen Wartezeit erhofft hatte. Der Falsettgesang wirkt ungewohnt, das Intro hätte gern etwas knackiger ausfallen dürfen, die zweite Hälfte scheint vollkommen gelöst von der ersten zu sein. Es braucht ein paar Anläufe, gar mehrere Durchgänge – anders als "Delicate" und "9 crimes", die beiden Opener der Vorgänger –, entfaltet sich dann aber nach und nach etwas. Das tumultartige Ende erinnert schließlich doch noch an früher, an "I remember", sogar an den operettenhaften Ausgang von "Eskimo", an "Rootless tree" oder auch "Me, my yoke, and I". Rice, der nie ein Freund vom Ruhm und der ihm entgegengebrachten Erwartungshaltung war, macht auch hier, was er will. Das zeigt auch das fast zehnminütige "It takes a lot to know a man", das direkt im Anschluss folgt und einen beinahe sinnlichen Einschlag hat, und dessen Streicher mehr im Vordergrund stehen als der eigentliche Gesang. Das kann, muss in Anbetracht des Co-Produzenten Rick Rubin aber sicher keine Absicht sein. Zur Mitte des Stücks scheint der Abschluss desselbigen eingeläutet zu werden. Rice und Rubin üben sich aber in Wiederbelebungsmaßnahmen, zweimal sogar, das Ende wird in die Länge gezogen, bis "It takes a lot to know a man" im Himmel voller Geigen endlich zur Ruhe kommen darf.

Es gibt sie aber auch, die Songs, die man so nach acht Jahren auch erwartet hat. Da wäre etwa das akustisch startende "The box", in dem sich ein am Boden liegender Rice langsam erhebt, von der Niedergeschlagenheit zurück ins Leben spielt, wütet und schreit, nur um sich im ultrasensiblen "Colour me in" wieder nach einem festen Platz zu verzehren: "What do I know / About all these useless dreams of living alone / Like a dogless bone / So come let me love you." In "The greatest bastard", dem Herzstück des Albums, geht er mit sich selbst hart ins Gericht und zweifelt offen an seinen eigenen Verhaltensweisen: "I made you laugh / I made you cry / I made you open up your eyes / Didn't I?", der anhaltende Herzschmerz von "O" ist vorbei, ebenso die Wut von "9". Was übrig bleibt, ist die Selbstreflexion eines Mannes, der gelernt hat, sich seine eigenen Fehler einzugestehen, wie es auch im Abschlusstrack "Long long way" geschieht, einem scheinbar letzten Gruß an die Vergangenheit, dicht und sphärisch aufgebaut. Seine Sturm-und-Drang-Phase hat Rice längst hinter sich, das wahre Abenteuer, das eigentliche Leben, wartet nicht mehr lange, und sicher keine acht Jahre. Bitte nicht.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • The greatest bastard
  • Colour me in
  • Long long way

Tracklist

  1. My favourite faded fantasy
  2. It takes a lot to know a man
  3. The greatest bastard
  4. I don't want to change you
  5. Colour me in
  6. The box
  7. Trusty and true
  8. Long long way

Gesamtspielzeit: 50:31 min.

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User Beitrag
Aber
2015-12-24 00:08:31 Uhr
Ja, "süffisant-neckisch" wäre in diesem Kontext auch meine erste Idee gewesen (was?).

lego

Postings: 1299

Registriert seit 13.06.2013

2015-12-23 22:53:01 Uhr
wurde sich nicht erst kürzlich drüber beschwert, dass das forum so langweilig ist...
@lego
2015-12-23 22:36:33 Uhr
die zeit, die du in deine antwort-postings investiert (was für ein blödes kommerziell behaftetes wort...) hast, hättest du auch in dein nachforschen nach den ticketpreisen stecken können, du lächerlicher knabe.

lego

Postings: 1299

Registriert seit 13.06.2013

2015-12-23 21:23:38 Uhr
man kann so etwas auch süffisant-neckisch aussprechen. wenn dir solche sprecharten jedoch fremd sind, dann tut es mir leid.
Harald Schmidt
2015-12-23 18:22:24 Uhr
lego bemüht sich redlich um den Titel "Scrooge des Jahres".
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