Vladislav Delay - Visa

Vladislav Delay- Visa

Ripatti / Boomkat
VÖ: 10.11.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Störquelle

"Visa" von Vladislav Delay ist ein sehr ungewöhnliches Ambient-Brett. Radikal anstrengend zu jeder Zeit. Im strengen Gegensatz zu Brian Enos fein ausgeschmückten, zärtlich-anschmiegsamen Wolkenpalästen, die beinahe still und lautlos wie ein Schaumstoff-Hubschrauber an einem vorbei zischen. Im letzten Drittel vom Opener "Viaton" lärmt nicht nur monoton ein Rotor vor sich hin, nein: Da scheint außerdem ein Quietschen durch. Die Formel "Ambient = Entspannung" greift hier in keinem Moment. Die Vertonung des mechanisch-technischen Momentums menschlicher Innovation deutet sich auf "Visa" an. Natürlich nicht in Form von harsch getaktetem Industrial. Dieses Album macht vielmehr die Konsequenzen für den Menschen, der vom penetranten Lärm der rauschenden Autobahn quer durch die Stadt gestört wird, spürbar. Der Eindruck verfestigt sich: Die Stadt wird von einem neon-grauen Lärmpegel überzogen - bei Tag und Nacht. Gerade im Eröffnungsstück macht sich die Überzeugung breit, dass dieses Paradoxon des "Stress-Ambient" ins Leben gerufen wurde, um zu verstehen zu geben, dass der Künstler Schönklang negiert, um den Hörer mit negativen Verheißungen wie Bedrängnis und streckenweise verstörender Angst zu konfrontieren.

Ins Extrem sich richtend verschiebt Vladislav Delay so die Erwartungen, die dem Genre Ambient in großen Teilen grundsätzlich inhärieren, ihm eingeschrieben sind. Das Erwartete wird unsanft aufgerissen – durch sich anlagernde Störfrequenzen und seinem unkonventionellem Ansatz. Hier wird Repetition zum Taktgeber, aber nicht im Sinne einer vernebelt-erhabenen Kompositionsverheißung wie William Basinski durch klassisch-instrumentierte Großbauprojekte in seine fast romantischen "Disintegration loops" verwoben hat. So entwickelt sich auf "Visa" die Assoziation, es verhandle beengende urbane Systeme. Diese ist nicht in Stein gemeißelt und könnte sich in subjektiver Auseinandersetzung ganz anders ausnehmen. Man kommt mithin nicht um den Verdacht herum, Entindividualisierung sei ein Teilaspekt seiner Intention.

In seinen geschichteten und verschachtelten Sound-Verwebungen wirken schräge Laptop-Ästheten wie Tim Hecker und Fennesz wie der heißeste Scheiß neuester Populärmusik. Hier bahnt sich eher ein Merzbow-Vergleich an, den zu ziehen per se misslingt. Doch genauso wie dem japanischen Dissonanz-Terroristen gebührt auch Vladislav Delay ein Alleinstellungsmerkmal. Mit seiner detailliert ausgearbeiteten Strukturreform herkömmlicher Hörgewohnheiten entspannt sich in "Visa" stellvertretend für sein Gesamtwerk ein feingliedriges Netz wortloser, vereinzelt missklingender Lebensweis(heit)en. In immensen Umwegen stößt er dem Hörer brutal vor den Kopf. Ohne lauten Knalleffekt. In Teilen mithilfe von rauschhaften Störfrequenzen.

Vladislav Delay ist Übrigens nur eins der vielen Alter Egos des 1976 geborenen Sasu Ripatti, einem enorm produktiven Produzenten aus Finnland, dessen seit 1999 nahezu im Jahres-Turnus erscheinender Output von fast avantgardistischer Prägung ist. Seine musikästhetische Wandelbarkeit offeriert nicht ausschließlich den destruktiven Klang der Jetzt-Zeit, wie in diesem Text angenommen, sondern ist häufig beatbasiert und neigt mithin sogar zu Schönklang, wie in der Gemeinschafts-Arbeit mit seiner Lebenspartnerin Antje Greie "Explode" von 2005 bewiesen. "Visa" allerdings ist nicht gerade in gemütlicher Zweisamkeit entstanden. Und das hört man.

(Henrik Beeke)

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Highlights

  • Viimeinen

Tracklist

  1. Visaton
  2. Viaton
  3. Viisari
  4. Vihollinen
  5. Viimeinen

Gesamtspielzeit: 53:33 min.

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Armin

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2014-10-28 22:45:06 Uhr
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