Lagwagon - Hang

Lagwagon- Hang

Fat Wreck / Edel
VÖ: 31.10.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Was zählt

Joey Cape ist etwas grauer geworden. Über 20 Jahre sind seit den ersten Lagwagon-Meilensteinen "Duh" und "Trashed" vergangen. Beide Alben prägten eine ganze Ära und machten Lagwagon spätestens mit dem 1995er Erfolgsalbum "Hoss" zur gefragtesten Cali-Punk-Band neben den Spaßvögeln von NOFX. Lautstärke, Geschwindigkeit, Spaß – das waren natürlich Markenzeichen der Melodycore-Dekade. Kaum ein Lagwagon-Konzert ohne die sympathischen Scharmützel zwischen den beiden bis heute verbliebenen Gründungsmitgliedern: dem Riesen Chris "The Big Bitch" Flippin an der Gitarre und Cape, dem Mini-Mann am Mikrofon – 160 cm gegenüber fast zwei Metern Gardemaß. Situationskomik at its best.

Cape war allerdings nie ausschließlich Spaßvogel. Immer war das Songschreiben für ihn Passion und half bei der Verarbeitung sämtlicher Stimmungslagen. Auch nach Abklingen des Punkrock-Booms schrieb er unaufhörlich Songs, ob für sein bemerkenswertes Nebenprojekt Bad Astronaut oder gemeinsam unter dem Namen Scorpios mit seinem besten Freund Tony Sly, Sänger von No Use For A Name. Und seine Hauptband sollte mit der Zeit nicht nur Spaß und Gesellschaftskritik verhandeln, sondern auch zu einem Ventil für persönlichere Themen werden, wie nach dem Suizid von Ex-Drummer Derrick Plourde Lagwagons letztes reguläres Album "Resolve" zeigte. Dass Cape mit dem plötzlichen Tod von Tony Sly im Jahr 2012 den großen Schicksalsschlag noch vor sich haben sollte – geschenkt. Denn vielleicht hat genau jener Schock die Erlebnisse der gemeinsamen Karriere und die Momente der langen Freundschaft erst so richtig in Stein gemeißelt. Und nebenher ein lange aufgeschobenes Vorhaben beschleunigt: die Wiederbelebung seiner Band, mit der alles begann.

Obwohl mit Flippin und Cape die musikalischen Säulen noch immer an Bord sind, klingen Lagwagon 2014 natürlich nicht unbedingt wie in den Anfangstagen. "Hang" ist kein bloßes Lagwagon-Mikrowellen-Mahl, ist weder aufgewärmt, noch wurde arg kopiert. Diese Platte ist kraftvoll, aber nicht immer überschwänglich im Tempo. Oft kritisch und nachdenklich, aber gleichzeitig voller Wucht und Energie – und damit ziemlich zeitgemäß. Ok, die Sache mit dem Tempo gilt nicht für das fantastische "Reign", das nach dem ruhigen Intro "Burden of proof" von der ersten Sekunde an lospoltert und mit Melodie-Achterbahn und rhtythmischen Widerhaken glänzt, als wäre "Hoss" gerade frisch erschienen. In ähnlicher neunziger Straight-Forward-Rille bewegen sich der Arschtritt "Poison in the well" und das vorab veröffentlichte, leicht metallisch angehauchte "The cog in the machine". Aber Lagwagon können auch komplex. Denn die für das Genre äußerst experimentellen sechs Minuten von "Obsolete absolute" vergehen wie im Flug und wirken auf dieser ohnehin äußerst abwechslungsreichen Platte keineswegs wie ein Fremdkörper.

Der kräftig-verschwurbelte Rocker "You know me" knallt zum Ende hin noch mal ordentlich, "In your wake" dagegen wird die Singalong-Freunde bei der kommenden Tour selig stimmen. Und es gibt weitere lautstarke Überraschungen, wie etwa kleine Hardrock-Elemente und Metal-Soli, die man so zuletzt auf dem rohen "Duh" vernahm. "Nicht alle Songs, die ich schreibe, funktionieren für Lagwagon. Da braucht es manchmal eine gewisse Zeit", meint Cape und fügt mit Nachdruck an, man sei sich dieses Mal in der Band einig, "dass wir diese Lieder auch live spielen wollen." Aufgelöst oder erhängt? Nein, diese Band lebt. Tony Slys Tod aber hinterlässt auch auf diesem Lebens-, oder besser: Ausrufezeichen offensichtliche Narben. "One more song" greift Slys Solostück "Liver let die" auf und garniert die durch Zeilen wie "We'll always long for one more song, Tony" ohnehin schon wuchernde Gänsehaut mit einer zarten Piano-Haube. Ja, Cape ist grauer geworden. Doch seine Songs strahlen. Vielleicht mehr denn je.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Reign
  • Poison in the well
  • One more song
  • In your wake

Tracklist

  1. Burden of proof
  2. Reign
  3. Made of broken parts
  4. The cog in the machine
  5. Poison in the well
  6. Obsolete absolute
  7. Western settlements
  8. Burning out in style
  9. One more song
  10. Drag
  11. You know me
  12. In your wake

Gesamtspielzeit: 38:57 min.

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User Beitrag

Obrac

Postings: 1040

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-02 16:54:08 Uhr
Mit Obsolete Absolute und Reign sind zudem zwei der besten Lagwagon-Songs ever dabei.

Das öde "Obsolete Absolute" ist für mich exemplarisch für dieses Album. Das sind so Songs, die Cape im Schlaf schreibt, weil er sie schon dreißigmal geschrieben hat.

Autotomate

Postings: 923

Registriert seit 25.10.2014

2014-12-01 11:01:44 Uhr
Du bist mit deinem Lob ja nicht der Einzige, die Platte wird eigentlich überall gefeiert. Bei mancher Bewertung sind vielleicht die 2 Bonuspunkte eingerechnet, die es pauschal für alte Helden gibt, wenn sie keine komplette Scheiße abliefern - aber mir gefällt das Album auch ganz gut. Mit Obsolete Absolute und Reign sind zudem zwei der besten Lagwagon-Songs ever dabei.

eric

Postings: 1950

Registriert seit 14.06.2013

2014-11-27 10:25:09 Uhr
Vielleicht waren eure Erwartungen nach meinem Lob auch zu hoch. ;) Ich höre die Platte sehr gerne und halte sowohl "Blaze" als auch "Resolve" für schwächer.
leider
2014-11-27 05:22:07 Uhr
leider, leider kann ich hierzu nichts sagen.
leider.

Obrac

Postings: 1040

Registriert seit 13.06.2013

2014-11-26 20:12:30 Uhr
Blaze hatte noch Herz und die Lockerheit, die Resolve überhaupt nicht mehr hatte. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Cape die großen Momente und die Schönheit für Bad Astronaut und sein Soloprojekt aufgehoben und Lagwagon nur noch mit kalten Riffs und politischen Lyrics versorgt hat. Das ist für mich aber nicht Lagwagon.
Die Neue hat überhaupt kein Herz. Das ist Musik von einer Band, der man die enorme Erfahrung anmerkt, sonst aber auch nichts mehr.
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