Ben Howard - I forget where we were

Ben Howard- I forget where we were

Island / Universal
VÖ: 17.10.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Keiner von vielen

Er hätte einer von ihnen werden können. Einer jener jungen Männer Mitte 20 mit Gitarre in der Hand und boygrouptauglichen Aussehen, die in den letzten Jahren immer wieder angeschwemmt wurden. Die in ultrahippen Klamotten vor einer ultrahormongesteuerten (und zumeist weiblichen) Fanschar ihre ultrasensiblen, aber relativ x-beliebigen Songs zum Besten geben. Die als wurstegale Gesichtslose wieder in der Versenkung verschwinden und von denen man irgendwann mit Verwunderung liest, dass sie schon ihr siebtes Album veröffentlichen. Ben Howard ist keiner von diesen Jungs. Man ahnte es bereits nach seiner "Old pine"-EP, mit dem für einen Mercury Prize Award nominierten Debüt "Every kingdom" legte er vielversprechend nach – und mit seinem Zweitling "I forget where we were" macht er endgültig deutlich, dass die Erwartungen an ihn gerechtfertigt sind – und er sie sogar noch übertreffen kann.

Der mittlerweile 27-Jährige ist eben auch mit dem nicht müde gewordenen Erstlingswerk gewachsen – über eine Million Exemplare hat er davon verkauft, die ganze Welt betourt und betört, zwei Brit Awards eingeheimst und mit "The Burgh Island" eine weitere EP veröffentlicht, die jene Kritiker, die in ihm eben nur einen von vielen sehen wollten, zum Schweigen brachte. Mit "I forget where we were" muss Howard eigentlich nichts mehr beweisen – und macht es trotzdem. Schon der erste Vorabsong, das hochambitionierte "End of the affair", ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, ohne dass er sich es zu einfach machen würde. Das Stück, mit knapp acht Minuten das mit Abstand längste des Albums, ist nicht die typische Single, nicht der markante Radiohit. Im Sekundentakt entfaltet es sich vom launischen Anfang als Akustikballade über die herzerweichende Folknummer bis zum großen Finale als Singer-Songwriter-Epos, das so ganz anders endet, als es begonnen hat. Es ist die erste Überraschung von vielen.

Da wäre etwa auch der staubige Wild-West-Einstieg im Opener "Small things", der zumindest in abgespeckter Form schon bekannt war. Ungleich düsterer klingt der Brite hier im Vergleich zu "Old pine", dem ersten Song des Vorgängers, die immer wieder aufkehrenden Zweifel und Ängste sind jedoch geblieben: "Is it all so very bad? / I can't see / All these small things, they gather 'round me / I can't see my love." Einen kurzen Hoffnungsschimmer gibt es im fast schon souligen Titeltrack, während das verspielte "Conrad" womöglich der beruhigendste Song des Albums ist und ohne Probleme auch auf "Every kingdom" gepasst hätte. Dennoch klingt Howard auf "I forget where we were" etwas selbstsicherer und ist sich seiner Stärken und Schwächen bewusst – was sicher auch daran liegt, dass er das Album gemeinsam mit seinem Schlagzeuger Chris Pond im heimischen Devon aufgenommen und produziert hat.

Dazwischen probiert er sich immer wieder aus, experimentiert, stellt sich selbst vor neue Herausforderungen. Im pulsierenden "In dreams" präsentiert er seine Fähigkeiten an der Gitarre, die er in den letzten Jahren offensichtlich noch weiter ausbauen konnte. Zappenduster wird es im melancholischen Rückblick von "Evergreen", wohingegen das gemütlich-poppige "She treats me well" den Raum in einem warmen Licht flutet, das man an dieser Stelle dringend brauchte. Mit "All is now harmed" endet das sonst berüchtigte zweite Album, das so schwierig gar nicht war, mit einem letzten großen Highlight. In fünf intensiven Minuten und einem fulminanten Abschluss verdeutlicht Howard schließlich noch mal, was für Welten zwischen ihm und den anderen liegen, diesen vielen Egalen, die in ein paar Jahren niemand mehr kennt. Er ist keiner von ihnen. So viel ist klar.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Small things
  • I forget where we were
  • End of the affair
  • All is now harmed

Tracklist

  1. Small things
  2. Rivers in your mouth
  3. I forget where we were
  4. In dreams
  5. She treats me well
  6. Time is dancing
  7. Evergreen
  8. End of the affair
  9. Conrad
  10. All is now harmed

Gesamtspielzeit: 54:14 min.

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