Matthew - Everybody down

Matthew- Everybody down

Ryko / Zomba
VÖ: 26.08.2002

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Nächste, bitte

In immer mehr amerikanischen Arztpraxen spielen sich die gleichen Szenen ab. Verzweifelte junge Männer klagen über manische Depressionen, Hang zur Melancholie und gemeinen Ausschlag, wenn sie ein Lied von Nickelback im Radio hören. Viele der Patienten gestehen außerdem, heimlich in Union-Jack-Bettwäsche zu schlafen und erst vor kurzem eine Band gegründet zu haben, um der Trauer ihren guten Namen zurückzugeben. Die Medizinmänner sind ratlos, die Krankenkassen bankrott und einzig der gemeine Musikhörer darf sich freuen.

Die jüngsten Neuzugänge im Lazarett heißen Matthew, sind trotzdem zu viert und haben sich früher mal als Jesus-Rocker versucht. Ob sie deshalb nun der ganzen Welt ihre Psychosen präsentieren, ist indes nicht bekannt. Wohl aber, daß das Debüt der Schwarzmaler aus Chicago "Everybody down" betitelt wurde und die Matthewsche Vertonung schlechter Laune darbietet. Und das mit derartig viel Herzblut, daß man fast die Floskel "im wahrsten Sinne des Wortes" bemühen möchte. Hier sind dramatische Slow-Motion-Stücke noch wirklich dramatisch, hoffnungslos verheulte Schnulzen tatsächlich hoffnungslos verheult und wenn sich eine Ex-Geliebte wütende Haßtiraden gefallen lassen muß, dann wird's auch in der Tat häßlich. Mit ordentlich hackenden Gitarren, großem Geschrei und allem was sonst noch dazu gehört.

Klar, wer mit so deutlichen und vor allem so langgezogenen Worten lebt, liebt und leidet, wie es Matthew tun, der vollführt einen gewagten Hochseilakt. Da unten warten nämlich weder Netz noch doppelter Boden, sondern die gefürchteten Selbstmitleids-Sümpfe, von denen schon die ein oder andere Band verschluckt wurde, die sich ihrem Leiden allzu plakativ hingegeben hat. Zumindest hier besteht bei Matthew jedoch keine Gefahr. Zwar mögen die Köpfe hängen und die Augen tränen, den Blick für das Wesentliche, die schönen Songs, vernebelt das dem Quartett aber noch lange nicht.

Schon im eröffnenden Titeltrack stecken Matthew ihr Revier mit klagenden Gitarren und sehnsüchtigem Gesang ab. Was folgt sind Stücke wie der Trauerkloßkitzler "Never", sein wundervoller Seelenverwandter "In the wonder" oder das ruppig-böse "Streams", die sich klammheimlich in Beerdigungs-Songs-Listen oder auf Liebeskummer-Tapes einschleichen. Schon deshalb ist es gut, daß es Bands wie Matthew gibt. Bands, die Tränen aus Augen herausquetschen können, die eigentlich längst vertrocknet sein müßten. Mann kann eben immer noch mehr weinen. Neben der Tatsache, daß es in Amiland wieder Bands gibt, die in der Gitarre mehr als ein Phallussymbol sehen, die schönste Erkenntnis dieses Albums.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Everybody down
  • Never
  • In the wonder

Tracklist

  1. Everybody down
  2. Open wide
  3. This time
  4. Never
  5. In the wonder
  6. Streams
  7. The darkest night
  8. Where did you go
  9. Breathing
  10. You thought
  11. Overbroad

Gesamtspielzeit: 49:48 min.

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