Billy Idol - Kings & queens of the underground

Billy Idol- Kings & queens of the underground

Bfi / Rough Trade
VÖ: 17.10.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der ewige Stenz

Was musste Billy Idol nicht alles einstecken! Einst war der muskelbepackte Blondschopf ein gefeierter Star, Mitte der Achtziger lagen ihm die Fans scharenweise zu Füßen. Danach folgte der Absturz, Drogeneskapaden und gesundheitliche Probleme nach einem schweren Unfall prägten den Billy der Neunziger. Erst im Jahr 2005 hatte sich der Mann mit den notorisch verzogenen Mundwinkeln so weit wiederhergestellt, dass ein richtiges Comeback möglich wurde. "Devil's playground", das Album zum Neustart, verkaufte sich gut, alte Fans waren zufriedengestellt, neue eigentlich gar nicht nötig. Wie in Stein gemeißelt blickte der austrainierte Idol vom Cover, fast so als wollte er sagen: "Seht mich an. Ich bin immer noch hier, und Ihr könnt mich alle mal." Das Image vom sympathischen Stehaufmännchen wusste er danach einigermaßen zu kultivieren. Obwohl er sich das Weihnachtsalbum "Happy holidays" auch hätte sparen können - gerade, wenn man bedenkt, dass Idol ohnehin nur alle Jubeljahre einen neuen Longplayer auf den Markt bringt.

Mit "Kings & queens of the underground" kehrt der 1955 geborene Londoner zu seinen Wurzeln zurück. Stammgitarrist Steve Stevens ist wieder mit an Bord, und der musikalische Kurs ist unmissverständlich: "Volle Kraft zurück" lautet das Motto. Idol verlässt sich auf Bewährtes, wohl wissend, dass er nie für künstlerische Innovation, sondern für Schnodderigkeit und souveränes Auftreten geschätzt wurde. Das Jahrzehnt seiner größten Erfolge ist daher auf seinem neuen Werk omnipräsent. Schon soundtechnisch hätte das Album genausogut im Jahre 1988 erscheinen können. Kompakt und klebrig klingen die Drums, hallgetränkt und seifig der Rest. Vor allem die Gitarren sind größtenteils so mit Effekten zugekleistert, dass sie kaum noch nach echten Instrumenten klingen. Aber genau diese von Trevor Horn zu verantwortende Hochglanzproduktion ist es, die so perfekt zu Idols unnachahmlichem Gesangstil passt. Zwischen überheblichem Croonertum und kreischender Rockröhre beherrscht er immer noch alle wesentlichen Register seiner Kunst. Sein Gesicht mag verwittert aussehen, seiner Stimme haben die schwierigen Jahre nur relativ wenig anhaben können.

Und so singt er sich lässig durch das größtenteils harmlose Repertoire von "Kings & queens of the underground": Offensichtlich auf Hit getrimmte Nettigkeiten wie "Can't break me down" meistert er ebenso mühelos wie härteres Material. Leider sind manche Songs derart traditionsbewusst, dass sie zur Selbstpersiflage werden. Besonders das eigentlich passbel vor sich hinrockende "Postcards from the past" nimmt im Refrain eine unheilvolle Wendung. Mit jeder vergehenden Sekunde scheint es wahrscheinlicher, dass Idol plötzlich "in the midnight hour" statt "like a memory that will last" singt. Überhaupt, die Selbstreferenz: Durchaus augenzwinkernd nimmt der Brite immer wieder Bezug auf die eigene Historie. So ist der von Lagerfeuerkadenzen angefachte Titelsong eine nette Erinnerungstour in jene Tage, als Idol noch kein Schwein kannte und er sich als Sänger der Punkband Generation X verdingte. Da dies jedoch nicht mit rotzigen Akkorden, sondern streicherbesudeltem Geklimper begangen wird, bleibt ein schaler Geschmack zurück. Wobei man eine Sache Billy Idol definitv zugute halten muss: Mit "Love and glory" hat er den besten U2-Song seit bestimmt zehn Jahren im Gepäck. Das stark an "All I want is you" erinnernde Lied dürfte bei kommenden Konzerten seine mit ihm gealterten Fans zum Feuerzeug- und Smartphoneschwenken animieren.

Billy Idol wirkt, als wäre er aus der Zeit gefallen. Was keinesfalls despektierlich zu verstehen ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der er immer noch den testosteronbetriebenen Rocker mit Herz gibt, ist eine Leistung, die Anerkennung verdient. Und manchmal passen auch die Songs zur sonoren Stimme. Wenn etwa "One breath away" nach fast schon triphoppigem Einstieg sich mehr und mehr zur bombastischen Rockoper aufbläht und schließlich in einem wunderbar überkandidelten Gitarrensolo kulminiert, ist das beste Unterhaltung. Der Entertainer Idol hat von seinem ursprünglichen Charme auch nur wenig eingebüßt, seinen Humor lässt er sich sowieso nicht nehmen: Im schweinerockenden Closer "Whisky and pills" zieht die Mensch gewordene Stachelfrisur Bilanz: "My life is going down the drain / My wife, you know, she went insane / My kids are messed up in the brain / But when I'm high I feel no shame". Der Mann weiß nicht nur, wovon er da singt, ihm gelingt es auch, den schmalen Grat zwischen reumütigem Sündertum und lausbübischer Clownerie schwindelfrei zu beschreiten. So kann es weitergehen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • One breath away
  • Whisky and pills

Tracklist

  1. Bitter pill
  2. Can't break me down
  3. Save me now
  4. One breath away
  5. Postcards from the past
  6. Kings & queens of the underground
  7. Eyes wide shut
  8. Ghosts in my guitar
  9. Nothing to fear
  10. Love and glory
  11. Whiskey and pills

Gesamtspielzeit: 47:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Elizabeth II
2015-07-18 06:27:13 Uhr
http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/royals/6548665/Their-Royal-Heilnesses.html

Frank Shankly

Postings: 374

Registriert seit 26.10.2013

2014-10-23 17:39:15 Uhr
habs mir auch schlimmer vorgestellt, die Vorabsingle ist für mich einer der grausigsten Songs seit langem.
Ansonsten bietet das Album nicht weiter aufregenden PopPunk (kann man das so sagen?), der niemanden interessieren würden, wenn nicht ein großer Name darüber stünde.
One Breath Away und auch Save me Now finde ich aber recht ordentlich.
el duce
2014-10-23 17:16:45 Uhr
bin angenehm überrascht! 7/10

Frank Shankly

Postings: 374

Registriert seit 26.10.2013

2014-08-30 19:11:20 Uhr
Lies,schwarztroll!
die bisherigen Aufnahmen des neuen Materials ließen einfach wenig Hoffung auf ein neues tolles Album zu.
Außerdem ist das letzte Album ja nicht alles, oder? ;)
PT-Logiker
2014-08-30 16:16:23 Uhr
Ich erwarte auch nichts mehr von dem Typen. Obwohl ich eigentlich alles, was der bislang gemacht hat, wahnsinnig gut fand.
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