Alexander Marcus - Kristall

Alexander Marcus- Kristall

Yuppie / Kontor
VÖ: 03.10.2014

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Raffinationsstufe 3/10

Vorweg ein Kompliment: Das neue Alexander Marcus-Album "Kristall" ist sicherlich einem Einlauf vorzuziehen. Das war's aber auch schon. So wird hier unter anderem "gestern" stilecht auf "gestern" gereimt und vieles weiteres läuft daneben. "Kristall" tobt sich vernünftig in Siebzigerjahre-Disco-Anleihen aus, denn schließlich, so Marcus' Vater in weise-erleuchteter wie pessimistischer Manier im Refrain: "Egal was passiert / Es wird niemals besser." Geht man davon aus, dass Marcus seinem alten Herrn beipflichtet, früher sei alles besser gewesen, dann ist es dementsprechend schon ironisch, dass er musikalisch ständig an gestern denkt. Diese Konsequenz zieht sich durch das komplette Album. Besonders in "Die Zeit war geil" und in "Der Punkt wo's nicht zurück geht", in welchem er klagt: "Oh ich würd' alles tun und alles geben / Um die Zeit zurückzudrehen." Nahestehende Vermutung: Er bedient sich an allem, was schon war und impliziert damit die Frage, warum zum Teufel sich dann alles so seltsam anhört auf "Kristall". Wenn er doch auf einen nicht mehr zu verbessernden Fundus an Text und Musik zurückgreifen kann, quasi der Crème de la Crème des künstlerischen Schaffens, warum ist das Ergebnis dann so halbgar?

Durch "Kristall" zieht sich eine Diskrepanz zwischen dem, was Marcus textlich aussagen möchte, und dem, was er musikalisch repräsentiert. Trotz der Aufforderung im Songtitel von "Denk nicht an gestern", zitiert gerade das Musikalische aus den vergangenen Jahrzehnten der Popmusik anstatt den Anspruch auf Innovation zu formulieren. "Elektriker" wird, inspiriert von 2 Live Crew, von TR-808-Drums getragen, wie zuletzt auch Nicki Minajs "Anaconda" oder schon im Jahre 2000 in "Türlich, türlich (sicher, Dicker)" von Das Bo. In "Ich bin ich" bekommt der Chefdenker österreichicher Pop-Kultur, Falco, seine gesamte stimmliche Prägnanz vor den Latz geknallt. Die Intonation ist stark angeleht und der Titel des Stücks erscheint als überpassend, wenn man auf den alpenländischen Sturkopf verweisen will. Das Fast-Instrumental "Stop... und weiter" suhlt sich in Anleihen von Acid House, beinahe sind Goa-Fragmente zu erkennen. Interessanterweise zeichnet sich diese Komposition weiterhin dadurch aus, dass der Text, bestehend aus ganzen drei Worten, von Christopher Hans und nicht Marcus selbst verfasst wurde. Hans ist zwar wohl ein Multi-Instrumentalist, Sounddesigner und noch vieles mehr – nur ganz offenbar kein Texter. Die erste Single-Auskopplung "Hundi" erweckt den Eindruck, Marcus habe sich an seine Kindheit erinnert und seine Eltern hätten ihm ein Fisher-Price-Klavier zum Geschenk gereicht, so sehr gemahnt das gepitchte Hundegebell im Refrain an dieses "Instrument", welchem anstatt konventioneller Töne klinische Tierlaute zu entlocken sind. Wau-Miau-Grunz!

Marcus bedient sich der Sprache von Pop, Schlager und Volksmusik und reizt diese bis zur Schmerzgrenze (im R'n'B-schwangeren "Der Punkt wo's nicht zurück geht") und darüber hinaus ("Denk nicht an gestern") aus. Jedoch erreicht diese Parodie entweder nicht ihre Zielgruppe – denn wer Musikantenstadl schaut, der hört höchstwahrscheinlich nicht Alexander Marcuss – oder es ist anzunehmen, dass das subversive Element in Marcus' Musik verloren geht. Wer auf Mallorca mit zwei Litern Sangria im Schädel "Hundi Wauwau" singt, wird dies nicht als Kommentar der vollkommenen Sinnentleerung zeitgenössischer Popularmusik verstehen. Denn abzüglich der grenzdebilen Selbstdarstellung in seinen Videos fällt Alexander Marcus in der gegenwärtigen Schnittmenge von Volksmusik, Schlager und Pop kaum auf. Entweder er versucht sich an neuen musikalischen Ideen oder er bleibt bei Altbewährtem. Er entscheidet sich für Zweiteres. Und bleibt dadurch zumindest konsequent.

(Henrik Beeke)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Der Punkt wo's nicht zurück geht
  • Bis zum Frühstück

Tracklist

  • CD 1
    1. Elektriker
    2. Denk nicht an gestern
    3. Hast du Bock?
    4. Die Zeit war geil
    5. Hundi
    6. Ich bin ich
    7. Auf jeden
    8. Der Punkt wo's nicht zurück geht
    9. Stop... und weiter
    10. Bis zum Frühstück
    11. Dein Scirocco
  • CD 2
    1. Reise zum Kristall (Alexander Marcus über das Album "Kristall")
    2. Hundi (Super Spezialmix)
    3. Glanz + Gloria (Charity Extended Mix)
    4. Papaya (Blaskapelle Feat. Alexander Marcus)
    5. Papaya (live)
    6. Hawaii Toast Song (live)
    7. Guten Morgen (live)
    8. Elektriker (Instrumental)
    9. Mega (Instrumental)
    10. Pitschi Pitschi Popo (Instrumental)
    11. 1,2,3 (Instrumental)

Gesamtspielzeit: 85:46 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
es kommt darauf an,
2014-11-12 06:06:21 Uhr
was Pitchfork hiervon hält.
llop
2014-10-06 13:26:29 Uhr
Macht echt Bock!
AufnPunkt
2014-10-05 00:20:29 Uhr
Wie gehabt, großes Damentennis.

Hätte nichts dagegen wenn vor allen Dingen "Hast du Bock?", "Der Punkt, wo's nicht zurück geht" und "Dein Scirocco" fest ins Live-Repertoire übernommen werden würden.



Produkt deiner Phantasie
2014-09-03 20:59:58 Uhr
Hm.. oke
Jutebeutelverachter
2014-09-03 14:06:58 Uhr
nicht wenn man sich hipster nennt, Alex Marcus ist leider kein Mainstream.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum