Julian Casablancas + The Voidz - Tyranny

Julian Casablancas + The Voidz- Tyranny

Cult / Kobalt / Rough Trade
VÖ: 10.10.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Is this it?

Hört, hört: Bei Julian Casablancas ist jetzt alles anders. Nicht nur, dass der 36-Jährige ein zweites Album präsentiert, das er ohne The Strokes aufgenommen hat – er hat sogar eine neue Band. Oder zumindest so etwas in der Art. Den Nachfolger seines 2009er Solodebüts "Phrazes for the young" veröffentlicht er nicht nur unter seinem eigenen Namen, sondern mit dem Zusatz "+ The Voidz" und macht damit deutlich, dass nicht nur zwischen seinem alleinigen Schaffen und dem der Strokes zwei Welten liegen, sondern es sich auch bei seinen beiden Solo-Ausflügen um zwei eigenständige Werke handelt. Auf "Tyranny" klingt Casablancas, Backing-Band hin oder her, tatsächlich auch weniger nach den Strokes als bisher. Allerdings irgendwie auch weniger nach Casablancas.

Das fängt schon bei der Single "Human sadness" an, einem elfminütigen Ungeheuer, das seine Gewalt in mehreren hochambitionierten Schichten offenbart, durch die der einst schlaksig-schnodderige Strokes-Sänger nur noch stellenweise und leicht verschwommen durchschimmert. Stattdessen umarmt Casablancas hier die Künstlichkeit und wirkt dabei nicht selten unangenehm überheblich: Es ist offensichtlich, dass er möglichst experimentell klingen will, doch leider bleibt er dabei auf halber Strecke liegen. Eine Straffung des Stücks hätte womöglich schon ausgereicht: Hätte er die Hälfte abgeschnitten wie ungesundes Fett, dann hätte "Human sadness" nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ der Höhepunkt des Albums werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Wie gut, dass mit "Where no eagles fly" die Euphorie-Kurve wieder nach oben geht: Power-Pop trifft auf New-York-Punk, Casablancas windet und dreht sich, springt gegen die Wände und brüllt sich hier und da die Seele aus dem Leib, um sich gegen Ende sogar noch etwas zu steigern. Nicht weniger groß tönt "Johan Von Bronx" mit einem beinahe klassischen Strokes-Refrain, während das rhythmusstarke "Dare I care" wenigstens für den Augenblick durchaus tanzbar, dann letztendlich aber doch zu einfallslos ist, um langfristig im Ohr zu bleiben.

Es ist das generelle Problem von "Tyranny": Casablancas will hier viel und hoch hinaus, das merkt man, man hört es in fast jeder Note – nur hat man diese so schnell wieder vergessen, dass der wehmütige Blick auf das alte Frauenarsch-Poster der Strokes, mittlerweile leicht ausgebleicht und an den Rändern abgenutzt, ein wenig schmerzt. Da bringt es auch nichts, wenn Songs wie das brutale "M.utually a.ssured d.estruction" oder auch die Electropop-Nummer "Father electricity" mit seinem abgedrehten Beat im Moment des Zuhörens funktionieren. Und ausgerechnet am Ende, wo es so dringend nötig gewesen wäre, dass Casablancas das Ding doch noch dreht und beweist, dass aus dem Jungen von 2001, der mit "Is this it" ein kleines Kapitel Rockgeschichte schreiben sollte, ein Mann geworden ist, auf den auch 13 Jahre später noch Verlass ist, zerfließt er in "Off to war..." in der Melancholie seines Daseins, bläst Trübsal und singt in das längst leere Bierglas. War es das wirklich schon, Julian? Hoffentlich nicht.

(Jennifer Depner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • M.utually a.ssured d.estruction
  • Where no eagles fly
  • Johan Von Bronx

Tracklist

  1. Take my in your army
  2. Crunch punch
  3. M.utually a.ssured d.estruction
  4. Human sadness
  5. Where no eagles fly
  6. Father electricity
  7. Johan Von Bronx
  8. Business dog
  9. Xerox
  10. Dare I care
  11. Nintendo blood
  12. Off to war...

Gesamtspielzeit: 62:52 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MAXIMAN

Postings: 183

Registriert seit 24.11.2013

2016-06-04 13:46:08 Uhr
hab es mir im zuge der veröffentlichung der neunen strokes ep nochmal angehört, wurde sträflichst kleingehalten bei release, wie ich jetzt finde. 5/10 ist eine absolut ungerechtfertigte wertung, die einfach nur den generellen strokesbashing entsprechen soll, dass seit dem dritten album betrieben wird. ein sehr mutiges, kreatives album.

Rote Arme Fraktion

Postings: 2182

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-25 23:23:49 Uhr
für mich eines der Top 3-Alben des Jahres. Viel besser als die "Phrazes.."....

Achim

Postings: 5380

Registriert seit 13.06.2013

2014-10-03 00:33:33 Uhr
Seit 2 Alben beklagt man sich, dass die Strokes nicht mehr so innovativ und frisch klingen wie anno dazumal, aber andersherum ist es auch wieder nicht richtig.

das check ich auch nicht. als rezensent legt man es halt so aus, wie es einem passt. kein problem. aber casablancas' neue, recht mutige herangehensweise ätte man durchaus mit einer wertung von 6/10 oder 7/10 würdigen können.
@Review
2014-10-03 00:29:22 Uhr
Musik muss tanzbar sein und ins Ohr gehen, um zu gefallen?
Seit 2 Alben beklagt man sich, dass die Strokes nicht mehr so innovativ und frisch klingen wie anno dazumal, aber andersherum ist es auch wieder nicht richtig.

Rote Arme Fraktion

Postings: 2182

Registriert seit 13.06.2013

2014-10-02 17:48:47 Uhr
Hab es mir bestellt. Wo Casablancas draufsteht, ist normal viel Qualität vorhanden.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Surftipps

Threads im Plattentests.de-Forum