Sick Of It All - Last act of defiance

Sick Of It All- Last act of defiance

Century Media / Universal
VÖ: 26.09.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bewährt bartlos

Andauernd wundert man sich aufs Neue, wie schnell Tage, Monate, Jahre ins Land ziehen. Und irgendwann wohl wird man in diesem schleichenden Prozess alt und senil, sodass wahrscheinlich sogar das Wundern zu anstrengend wird. Über Sick Of It All wundern braucht man sich zum Glück schon lange nicht mehr. Die New-York-Hardcore-Helden um die Gebrüder Koller erschufen ihren Mythos, der bis heute für die Wut von mehr als einer Generation steht, im Jahr 1986 (!) und scheißen auch anno 2014 auf Alter und so manche gesellschaftlichen Konventionen. Im Grunde zurecht, denn die vier Endvierziger-Haudegen sind schließlich noch nicht einmal im 30. Bandjahr angekommen. Und mal ehrlich: Berichteten Lou und Pete Koller jetzt und heute von altersbedingten Gebrechen, wäre das nicht nur das eigens geschaufelte Hardcore-Grab, auch Mick Jagger würde wahrscheinlich herzlich lachen und die Band in vier Jahren zur nächsten Stones-Tour einladen.

Aber keine Sorge, denn auch die zehnte Sick-Of-It-All-Platte "Last act of defiance" rüttelt nicht am Status der NYHC-Heroen. Kann sie gar nicht, weil die Band noch immer genug zu sagen hat. Weil sie auf "Last act of defiance" neben klassischen Themen wie dem Anprangern wirtschaftskapitalistischer Machenschaften und damit verbundener, wachsender sozialer Ungerechtigkeit den Finger vor allem auf aktuelle Wunden drückt, wie etwa den Umgang mit der Flut an unreflektierten Informationen im digitalisierten Zeitalter und der wachsenden politischen Instrumentalisierung und Manipulation durch die Massenmedien. Viele meinen zurecht, bei einer Diskografie wie der von Sick Of It All brauche man nicht unbedingt neues Material. Natürlich hat die Band das Schema ihrer urtypischen Hardcore-Hymnen mit Punkrock- und Metal-Einschlag und den bekannten Shouting-Einlagen seit Klassikern wie "Scratch the surface" nicht bedeutend verändert. Daher ist dieses Album für Genre-Fans sicher nicht unverzichtbar, aber dennoch durchaus lohnend. Schlagzeuger Armand Majidi bezeichnete Hardcore sowieso unlängst als als "bewährten, aggressiven Folk". Und Bewährtes muss – und das ist ein klarer Unterschied zum Hipster – nicht zwangsläufig einen Bart haben.

Wichtig sei daher, Abwechslungsreichtum auch innerhalb des vertrauten Genrespektrums zu schaffen. Und tatsächlich klingt "Last act of defiance" zu 100 Prozent nach Sick Of It All, aber nicht nach reinem Selbstplagiat. Ob der alles niederwalzende Auftakt mit "Sound the alarm" und dem Shouting-Feuerwerk "2061", das punkig-direkte "Never back down", das düster-polternde "Outgunned", ein wuchtiger Brocken wie "Road less traveled" oder Hymnen wie "DNC" oder "Facing the abyss" – bei dieser Band ist das wie mit einem Lieblingsgericht: Vorbildlich zubereitet und mit Hingabe angerichtet ist Gulasch mit Klößen und Rotkraut eben immer noch ein Highlight – selbst in aufgewärmtem Zustand. Die New Yorker nehmen ihren längst zementierten Status als Väter einer wichtigen Bewegung auch im 28. Jahr noch ernst. Und haben noch einen Seitenhieb parat: "Falls wir eine der wenigen Bands sind, die nach wie vor empört und unzufrieden mit dem großen Ganzen sind, dann hat die Musik um uns herum irgendwann aufgehört, revolutionär zu sein", betont Majidi. Nun gut, echte Revolutionen erwartet man auch von Sick Of It All nicht mehr wirklich. Doch gerade wegen der wie im Fluge vergehenden Zeit sollte man diese gute halbe Stunde sinnvoll investieren – und ihnen ein weiteres Mal zuhören.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Sound the alarm
  • Road less traveled
  • Facing the abyss
  • DNC

Tracklist

  1. Sound the alarm
  2. 2061
  3. Road less traveled
  4. Get Bronx
  5. Part of history
  6. Losing war
  7. Never back down
  8. Facing the abyss
  9. Act your rage
  10. Disconnect your flesh
  11. Beltway getaway
  12. Sidelined
  13. Outgunned
  14. DNC

Gesamtspielzeit: 30:50 min.

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