Chicks On Speed - Artstravaganza

Chicks On Speed- Artstravaganza

Chicks On Speed / Disko B / Indigo
VÖ: 03.10.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kann das weg?

"Is this really art?" Melissa Logan und Alex Murray-Leslie sind skeptisch, seit ihnen der von Frau Muff und Herrn Pief geprägte Kunstbegriff an der zuständigen Münchener Akademie zu stinken begann. Als Chicks On Speed verlegten sich die zwei fortan auf grellen Electroclash, aggressive Performances und spektakuläre Ausstellungen, mit denen es bald ins Mumeum Of Modern Art oder ins Centre Pompidou ging. Die Ablehnung des kommerzialisierten Kunstbetriebs blieb beim Duo jedoch bestehen – Höhepunkt des Ganzen: "Art rules" vom Album "Cutting the edge", ein fulminanter Hybrid aus Indie-Elektronik, "Das Boot"-U96 und New-Order-Plöng, der die (Mach-)Werke chauvinistischer "artists" als "government-funded crap" entlarvte. Eine Vernissage des Schreckens für die dergestalt Angegangenen – und ganz nebenbei ein Hit.

Auf "Artstravaganza" begrüßen Chicks On Speed nun nicht nur langjährige Kooperationspartner wie die Webaktivistin Anat Ben David, sondern auch Yoko Ono und Julian Assange, sodass mancher darüber nachdenken mag, ob man zu diesem interdisziplinären Konstrukt aus Pop, (Netz-)Politik und Postfeminismus überhaupt noch tanzen kann. Man kann. Zumindest wenn man ein Herz für daddelige Dancehall-Variationen Marke "Utopia" hat und Andeutungen von "Pump up the jam" nicht nur beim zickigen Stampfer "Art dump" gerne hört. Der Technotronic-Heuler poppt nämlich mehrmals auf, auch wenn er nicht immer weiterhilft: Der breiige Zwölfminüter "Time (Strobe light)" emuliert den Schwitzkasten-Groove von LCD Soundsystem ansonsten jedenfalls derart erfolglos, dass ihn auch raffinierte Eurotrash-Verweise nicht zu retten vermögen.

Was womöglich sogar Absicht ist, denn Logan und Murray-Leslie stellen gleichzeitig sechs verschiedene Instrumenten-Apps bereit, mittels derer der Hörer die Songs modifizieren kann – der angesprochene Rohrkrepierer wäre ein heißer Kandidat. Okay: Die Spoken-Word-Gastprofessur des Medientheoretikers Peter Weibel bei "Peter on acid" oder die Assange-Interviewfetzen in "God" kriegt man wahrscheinlich auch damit nicht weg. Doch oft braucht man das Ding gar nicht: Der störgeräuschige Rumpler "Beat is happening" funktioniert auch ohne einwandfrei, und wenn sich Chicks On Speed beim Wie-böse-ist-Google-Diskurs "Wir sind Daten" auf eine zweifingrige Sequenz, Kratzgitarre und mahnende Mantras beschränken, sind sie wieder ganz nahe an einem Hit. Den sie natürlich sofort gegen einen wirksamen Shitstorm eintauschen würden.

Stürmisch wird es auch am Ende des Albums mit dem wenig subtilen Adbusting-Cover. Der launige Electro-Popper "Love bites" und die X-Ray-Spex-Bearbeitung "Plastic bag" holen die schweinigelnden Riot Grrrls raus, und danach gelingt gar bravourös das schwierige Unterfangen einer Talking-Heads-Coverversion: "Burning down the house" ziehen Logan und Murray-Leslie genauso famos auf links wie einst "Wordy rappinghood" vom David-Byrne-freien Ableger Tom Tom Club. Zwar ist die Veranstaltung mit fast 80 Minuten unverkennbar überdimensioniert – den zweiten Teil der Frage "Ist das Kunst oder kann das weg?" muss man deswegen aber noch lange nicht mit "Ja" beantworten. Man sollte sich – sofern noch nicht geschehen – nur schleunigst vom Gedanken verabschieden, Chicks On Speed als Band im eigentlichen Sinne zu betrachten. Dann machen sie schließlich immer noch genug Laune.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Utopia
  • Art dump
  • Wir sind Daten
  • Burning down the house

Tracklist

  1. Utopia
  2. Art dump
  3. Text, vodka & le rock 'n' roll
  4. Beat is happening
  5. Time (Strobe light)
  6. Coyote hustle
  7. Peter on acid
  8. Wir sind Daten
  9. The never ending pursuit of happiness
  10. Time ripples
  11. God
  12. Plastic bag
  13. Love bites
  14. Burning down the house

Gesamtspielzeit: 79:09 min.

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Armin

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