Jens Friebe - Nackte Angst zieh Dich an wir gehen aus

Jens Friebe- Nackte Angst zieh Dich an wir gehen aus

Staatsakt / Rough Trade
VÖ: 19.09.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schlawinenhund

Aus Ostpreußen zugewanderte Bewohner des Ruhrgebietes würden Jens Friebe vermutlich wohlmeinend als Lorbass, also als juvenilen Lümmel bezeichnen. Sein doppelbödiger, bisweilen gern angesauter Lausbuben-Pop verunsichert grantelnde Plattenkritiker, leichtfüßige Schallplattenkäufer und dienstbeflissene Forentrolle zugleich. Dabei ist die Musik Friebes der des jungen Max Goldt und seiner Band Foyer Des Arts nicht ganz unähnlich: Offenbar willkürlich auf Englisch oder Deutsch ausfabulierte Frotzeleien über das Bürgertum, ob nun gebildet oder nicht, treffen auf ein schräges Sammelsurium aus der musikalischen Mottenkiste, bar jedes simplen Schablonendenkens. Gewiss verfügt Friebe nicht über die phänomenale Eloquenz des Kollegen Goldt, doch seine Welt scheint deshalb nicht minder reich an Zitaten aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen zu sein. Verständlicherweise finden sich diese beim Wahlberliner Friebe vorwiegend in der Neuzeit, dafür sorgen sowohl der Altersunterschied, als auch die unterschiedliche Sozialisation der beiden. Doch Friebe nennt den aus Göttingen stammenden Goldt in Interviews nicht ohne Grund immer wieder als einen seiner wesentlichen Einflüsse. Dieser Nachhall tritt auf Album Nummer fünf offensichtlicher denn je zu Tage, der von Kollege Pilgrim zum Vorgänger "Abändern" noch diagnostizierte Techno-Schlager ist zugleich Geschichte. Heute ist eklektische Nachdenklichkeit gefragt.

Hochgekreppte Disco-Bassläufe zappeln demnach in "Hölle oder Hölle" über vom Boogie inspirierten Piano-Stakkati, welchen das angeschickerte Keyboard in "Dein Programm" noch einen letzten gutturalen Woogie-Rülpser hinterherschickt. So, als ob die Single "Schimmliges Brot" von Foyer Des Arts nicht fast 30 Sonnenumläufe in ihrem ewigen Kalender stehen hätte und ihre Kindeskinder keineswegs lärmend auf ihrem Schoße um die Nachfolge balgten. Die barocke Anmut des Titelstücks mit ihrer schwelgerischen Ruhe könnte ebenso von der 1988er LP "Ein Kuss in der Irrtumstaverne" von Goldt und seinem kongenialen Partner Gerd Pasemann stammen. Doch wo Goldt eher verhalten bis stark abstrahiert über die damaligen gesellschaftlichen Themen dozierte, wählt Friebe heute einen direkteren Weg: Das muntere Purzelbäume schlagende "(I am not born for) Plot driven porn" mit seinen fröhlichen Kinderchören oder "Sei einfach nicht Du selbst", das sich die Rockmusik zwischen Stehschlagzeug und Kaufhaus-Gitarre zurückerobert, sprechen eine eindeutigere Sprache. Friebes Anliegen fokussiert sich auf eine nachhaltige Sozialkritik.

Während sich der neoliberalisierte Rest der Welt in gnadenlosem Konsum, inbrünstiger Korruption und ebenso eifriger Sündenbocksuche ergeht, blickt der Künstler in seinem 35-minütigem Themenabend vordergründig auf das größte Tabu vieler Menschen, den Tod, jenen grimmigen Mäher. Dabei covert er nebenher "What will death be like" des Schotten Nicholas Currie alias Momus. Er schielt jedoch weniger unter die leprösen Geschwüre des Sensenmannes oder gar zwischen dessen morsche Rippen, sondern hört lieber seinem anekdotenreichen Röcheln zu. Was der Kerl doch alles zu berichten weiß! Denn: "Das Spiel heißt Hölle oder Hölle, machst Du mit, machst Du mit? / Die einen treten auf der Stelle / Die andere sind die Stelle, auf der man tritt." Der Tod offenbart sich als ein Gleichnis zum Ersterben der Empathie in uns allen, zugunsten eines unbarmherzigen Verdrängungswettbewerbs, der politisch immer weiter befeuert wird. Asozialität als Norm.

Es geht also gar nicht um den Abgang an sich, sondern vielmehr um die Ränke, wie man ihn wenigstens auch anderen bereiten kann, wenn man selbst schon irgendwann so jämmerlich verrecken muss. Natürlich dürfen potenzielle "Opfer" sich nicht wehren und stehen dabei günstigstenfalls weiter unten auf der sozialen Leiter. Dieser konstruierte Kampf wird mit riesigem Bohei als unumstößlicher Status Quo verkauft, an dem nicht gerüttelt werden darf. Eine derart negative Dauerbeschäftigung der Massen sorgt paradoxerweise bei den Verantwortlichen für ein sorgenfreies Leben abseits aller widrigen Zustände. Wie das bewerkstelligt wird? Mit einer Politik der Stimmungsmache, von der "Warum zählen die rückwärts Mammi" berichtet. Den Menschen bleibt in diesem Schreckensszenario nur die Furcht voreinander, sämtliche bestehenden Gemeinsamkeiten werden ausgeblendet. Die eigentlichen Erzeuger ihrer gemeinsam erlebten Angst werden weder erkannt, noch angegangen. Stattdessen lautet die Parole: "Zahlen zusammen gehen getrennt", denn für die Kosten dieses absurden Gesinnungskarnevals dürfen letztendlich diejenigen aufkommen, die schon darunter zu leiden haben.

Wir Menschen sind folglich zu einem Rudel aus Pawlowschen Hunden verkommen, das derartig angstgesteuert nun jeder gegen jeden, aber bloß nicht gegen die herrschenden Verhältnisse kämpfen soll. Da kann sich die nackerte Angst, wie im Titelstück besungen, noch so lieblich kleiden und Party machen, bis die Schwarte kracht. Dieses selbsterfüllende Verhängnis wird sie nicht vom Hofe treiben. Jetzt sage noch einer, Friebes Anliegen seien trivial und seine Musik oberflächlich! Das Gegenteil ist der Fall, lässt man sich erst auf seine Gedankenspielereien ein. Er ist ein smarter Revoluzzer, der lieber dezent "Sing mir ein kleines Arbeiterkampflied" zu Goldt herüberzwinkert, als die erzieherische Gutmenschen-Keule zu schwingen. Und um mit einem seiner bekanntesten Songs zu schließen: Er ist dabei nicht auf den Lawinenhund gekommen, der alte Sozial-Schlawiner.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • (I am not born for) Plot driven porn
  • Dein Programm
  • Sei einfach nicht Du selbst

Tracklist

  1. Hölle oder Hölle
  2. Nackte Angst zieh Dich an wir gehen aus
  3. (I am not born for) Plot driven porn
  4. Dein Programm
  5. Schlaflied
  6. Sei einfach nicht Du selbst
  7. Warum zählen die rückwärts Mammi
  8. What will death be like
  9. Ich wusste zuviel von Euch
  10. Guess which celebrity partied too hard on their 18th birthday (or not)
  11. Zahlen zusammen gehen getrennt

Gesamtspielzeit: 35:26 min.

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User Beitrag

Michael

Postings: 367

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-18 20:28:28 Uhr
Mal ganz spontan:

Vorher Nachher Bilder 8,5/10
In Hypnose 8/10
Das mit dem Auto ist egal... 5/10
Abändern 5/10
Nackte Angst ... 4/10

Cosmig Egg

Postings: 766

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-18 16:22:17 Uhr
da sind richtige hits drauf, die einem nicht mehr aus dem kopf gehen.
(i`m not born) for plot-driven porn bekommt zudem die Auszeichnung als bester songtitel des Jahres

Gordon Fraser

Postings: 1192

Registriert seit 14.06.2013

2014-10-17 17:53:22 Uhr
Bin ziemlich angetan. Ein richtig gutes Friebe-Album, fast schon ein kleines Best of.

Mixtape

Postings: 1925

Registriert seit 15.05.2013

2014-09-20 16:24:58 Uhr
Vorher Nachher Bilder 8/10
In Hypnose 7/10
Das mit dem Auto ist egal... 6/10
Abändern 5/10
Nackte Angst ... 6,5/10

Ich bin froh, dass es endlich wieder bergauf geht, aber Intelmann ist einfach kein guter Produzent, die Uptempo-Songs sind sehr unelegant in ihrem Teletubbie-Sound..

Gordon Fraser

Postings: 1192

Registriert seit 14.06.2013

2014-09-18 08:24:46 Uhr
Ranking der Friebe-Alben:

Vorher Nachher Bilder 7/10
In Hypnose 6/10
Das mit dem Auto ist egal... 8,5/10
Abändern 6,5/10

Auf dem Auto-Album waren definitiv seine besten Popsongs (Frau Baron, Neues Gesicht, Du freust dich ja gar nicht), das Debüt ist sicher das charmanteste Album.

Mal schauen wo sich das neue einpendelt.

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