Erasure - The violet flame

Erasure- The violet flame

Mute / GoodToGo
VÖ: 19.09.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vom Drehmoment

Für gewöhnlich ist nichts naheliegender, als Erasure per se zu verabscheuen. Seien es die ach so banalen Klimpereien des Schaltkreis-Bändigers Vince Clarke, zumeist geschmacksfreie Plattencover oder die gesangliche Extravaganz von Andy Bell – all das reibt sich gar vorzüglich an den Dogmen von Indie-Normalverbrauchern, die Wert auf unerschrockenen Lärm, gleichmütige Bekleidung und entrückte Hooklines legen. Und dennoch muss etwas dran sein an dieser merkwürdigen Symbiose zwischen moppeligem Paradiesvogel und vergrämtem Computer-Nerd, der ein solch steter Quell von zahnärztlich bedenklicher Populärmusik entspringt. Nur was, bitteschön?

Zugegeben: Bis Mitte der 1990er Jahre trafen viele ihrer Songs klanglich und kompositorisch offenkundig den Nerv der Zeit, doch spätestens seit sich das tanzende Volk ab dem neuen Jahrtausend in immer mehr kulturelle Nischen aufteilte, kam Erasures kindlich greller Dance Pop schneller aus der Mode, als den zwei Briten lieb sein konnte. In der Folge verhob sich das Duo allzu oft an profanen Klängen, zusehends identischen Strukturen und vor allem in seiner unbeholfenen Anbiederung an eine zeitgenössische Unterhaltungsmusik, die längst beider Möglichkeiten überstieg. Erasure wirkten angesichts der dominierenden Einflüsse aus schwarzen oder lateinamerikanischen Kreisen und deren lautstarker Betonung der körperlichen Vergnügungszentren heillos überfordert. Ein musikalisches Burnout-Syndrom also? Vielleicht.

Erst der Tod von Bells Lebensgefährten nach langer Krankheit im Frühjahr 2012 schien ihrer beider Blick auf das bunte Treiben im Musikgeschäft wieder etwas zurechtgerückt zu haben. "Snow globe", ihr letztjähriger, fragwürdiger Abgesang auf alle Weihnachtslieder dieser Welt, schlitterte zwar nicht nur bei Kollege Wehmeier dank unverfroren glattem Softeis am Ziel vorbei, war aber auch vielmehr als Testballon gedacht, ob die eigene Kreativität neu zu entfachen sei. Und "The violet flame" birgt tatsächlich etwas kathartischen Mut, ebendiese aus schierer Verzweiflung geborene, unbändige Energie. Die sich dennoch freilich in Grenzen hält, trotz aller Bemühungen des neuen Produzenten Richard X.

Selbstverständlich wird das emsig um seine Basslinie kreisende "Dead of night" keinen Preis für Originalität gewinnen. Trotzdem vermag es entgegen manch früherer Produktion einzelnen Schichten wieder etwas mehr an Luft zu gönnen, erstickt nicht an der drangvollen Enge von zuviel Perfektion. Kräftig und elegant, ganz in der Tradition der Pet Shop Boys, abzüglich ihrer einzigartigen Noblesse. Beim hymnenhaft wabernden "Elevation" kommt zwar kurz die Masche David Guettas durch, diese wird jedoch rechtzeitig schon vor dem berüchtigten Break aus versoffenen Rave-Fanfaren an der Tür abgewimmelt. Das Stück gemahnt stattdessen hernach unverhohlen an jene Tage, als sich der französische DJ noch an simplem Synthie-Pop versuchte. Ist schon verdammt lange her – ebenso wie die verhaltenen Arpeggios in "Reason", die dem 1981er Debüt von Clarkes alter Liebe Depeche Mode entstammen könnten.

"Promise" und "Be the one" erfüllen noch am trefflichsten den Tatbestand der aufgezwungenen Langeweile, während "Sacred" in greiser Eurodance-Manier manche Autobahnfahrt versüßen kann, wenn man denn ein erbarmungswürdiges Ohr für derartige Gebrauchsmusik besitzt. Bell, der abstruserweise erst vor gut einem Monat sein neues Soloalbum "Torsten the bareback saint" rausgehauen hat, das sich nur marginal von seinen Arbeiten mit Clarke unterscheidet, betont immer wieder sein Faible für Tanzmusik um die 127 bpm. "Under the wave" ist ein Paradebeispiel für dieses Ansinnen, leider fehlt ihm prompt das synapsenkitzelnde Etwas. Dieses lauert dann wiederum in "Smoke and mirrors", das exakt jenen Twist aufweist, den Kollege Clarke beim Komponieren sucht: eine spannungsgeladene Ballade mit unerbittlich bohrendem Filterspiel und einer winzigen Melodiesequenz, die sich in den Gehörgängen festbeißt, allem dramatischen Unken des Sängers zum Trotz. Leider steht sie in ihrer subtilen Pracht relativ alleine da. Dagegen können das erneut guettaeske "Paradise" und "Stayed a little late tonight" als Echolalie des Albeneinstiegs ebenso wenig etwas ausrichten. Es wird somit auch weiterhin nicht schwerer fallen, Erasure in den musikalischen Giftschrank zu verbannen und ihre Fans als Frottee-Unterhosenträger zu diffamieren. Menschen, die allerdings Zugang zu der gefühlsbetonten Tanzschaffe der beiden besitzen, dürfen sich auf eine weitere Runde im frisch lackierten Kinderkarussell freuen. Es schwenkt dieses Mal sogar ein wenig zu den Seiten aus, wenn auch unbedenklich.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • Dead of night
  • Sacred
  • Smoke and mirrors

Tracklist

  1. Dead of night
  2. Elevation
  3. Reason
  4. Promises
  5. Be the one
  6. Sacred
  7. Under the wave
  8. Smoke and mirrors
  9. Paradise
  10. Stayed a little late tonight

Gesamtspielzeit: 37:34 min.

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