Interpol - El pintor

Interpol- El pintor

Soft Limit / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 05.09.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hand in Hand

Ist Paul Banks schizophren? Diese nicht ganz ernst gemeinte Frage stellte ein Online-Magazin vor einiger Zeit in den Raum. Hätte ja mal sein können, dass der Interpol-Sänger nach je einem Soloalbum unter dem Pseudonym Julian Plenti und unter eigenem Namen nicht mehr genau weiß, wer er gerade ist – auch außerhalb der Musik. Denn Coverfoto und Design von "Banks" besorgte er höchstselbst, und zu allem Überfluss malt er auch noch. Nun wurde "El pintor" vor Erscheinen vermutlich öfter gestreamt, als sich eine Platte je wird verkaufen können – es sollte sich also herumgesprochen haben, dass der Titel sowohl ein Anagramm des Bandnamens ist als auch aus dem Spanischen übersetzt "der Maler" bedeutet. Listige Querverweise, die man erwarten kann von der – so jüngst der "Musikexpress" – besten Rockband Amerikas.

Nicht dass solche vollmundigen Superlative Interpol sonderlich interessieren würden. Die wissen ohnehin, wer sie sind und auch, wie viele: inzwischen nur noch drei, wenn man Behelfs-Keyboarder Brandon Curtis herausrechnet. Der steuert da ein paar sirrende Flächen und dort einen elektronischen Farbtupfer zu "El pintor" bei – doch drehen Banks' pastorale Stimme und sein von Carlos Dengler übernommener, akzentuierter Bass, Daniel Kesslers überschäumende Gitarrenfiguren und Sam Fogarinos präzises Schlagzeugspiel erst einmal auf, hat der Secret-Machines-Mann nicht mehr viel zu melden. Dann geben Interpol den Ton an – mit der bedrückten, dunkelgrauen Negation von Stadionrock, gereiztem Shoegaze-Raunen und Surfmusik für dunkelgraue Regentage. Und schon zum zweiten Mal hintereinander auch als verantwortliche Produzenten.

Mit Sicherheit also kein Zufall, wenn das auf versonnenen Licks dahergleitende "All the rage back home" als Opener die Messlatte direkt sehr hoch legt. Denn Interpol sind sich der Tatsache bewusst, dass sie längst nicht mehr zu den Bands gehören, die keine Ansprüche erfüllen müssen, weil ihr Publikum keine stellt. Gerade dieses fünfte Album wird man kritisch neben die blickdichte Düsternis von "Turn on the bright lights", den so tanzbaren wie ergreifenden Minimalkompakt von "Antics" und jede andere Platte ihrer Diskografie stellen. Beruhigende, wenn auch wenig überraschende Erkenntnis: "El pintor" hält diesen Vergleichen stand. Auch ohne Dengler als vierten Mann geht hier alles so selbstverständlich Hand in Hand wie auf dem gewohnt ikonischen, minimalistischen Cover. Und trotzdem schadet es nicht, ab und an energisch mit dem Fuß aufzustampfen.

Etwa im ungemütlichen, als zweite Single lancierten "Ancient ways", wo sich sich Fogarino zu knurrenden Raufaser-Gitarrenwällen mit vertrackten Backbeats wie ein missmutiger Schiffschaukelbremser auf Coney Island geriert und Banks' dazwischengebelltes "at the station" klingt, als wolle er den Bahn-Vorstand lautstark zur ICE-Bucket-Challenge bitten. Der Live-Vorbote "Anywhere" geht in ungefährer "Mammoth"-Tradition genauso souverän nach vorne, und der Frontmann mahnt dräuend: "Be kind to be babes / Cuz someday you might need them / At least they'll never suffer." Ganz im Gegensatz zu ihm selbst, auch wenn kurz der überzeichnete Hedonismus von "Our love to admire" um die Ecke lugt. Bei anderen Bands wäre eine Platte nach diesen drei vorab ins Rennen geschickten Volltreffern so gut wie abgefrühstückt – bei Interpol geht es jetzt erst richtig los.

Zum Beispiel mit dem fantastischen "My desire", das sich erst als bescheidener Loop tarnt, bald aber als in den höchsten Tönen frohlockendes Riffmonster über sich hinauswächst, wobei die Gitarre sogar noch schöner singt als Banks. "My blue supreme" braust im Spannungsfeld von instrumentaler Spitzfindigkeit und frenetischer Hymnik über den gleichen Highway wie "PT cruiser" vom O.Children-Zweitling "Apnea", während das prächtige "Tidal wave" den wunderbarsten Reverb-Tidenhub seit Elva Snows "Could ya" inszeniert. Angesichts dieser zehn dichten, oft berauschenden Songs eigentlich ein Treppenwitz, dass ein rotierender Rocker ausgerechnet "Everything is wrong" heißt und der elegische Ausklang es sich "Twice as hard" macht. Doch Banks grinst nur schief, legt die Hände in den Schoß und greift zum Pinsel. Kann er jetzt ja wieder.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • All the rage back home
  • My desire
  • My blue supreme
  • Tidal wave

Tracklist

  1. All the rage back home
  2. My desire
  3. Anywhere
  4. Same town, new story
  5. My blue supreme
  6. Everything is wrong
  7. Breaker 1
  8. Ancient ways
  9. Tidal wave
  10. Twice as hard

Gesamtspielzeit: 39:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Editor
2018-01-22 08:21:57 Uhr
My Blue Supreme und My Desire zähle ich zu ihren Besten.
Geb' beiden 9/10.

The MACHINA of God

Postings: 13779

Registriert seit 07.06.2013

2018-01-21 21:31:03 Uhr
Der Dreier ist toll, aber auch die ersten beiden. Und das geile "My love supreme". Schon ein tolles Album.

Croefield

Postings: 1079

Registriert seit 13.01.2014

2018-01-19 16:13:55 Uhr
Für mich ist der Einstieg mit All the rage und My Desire das absolute Highlight. In der Tat ein sehr rundes, stimmiges Album, welches immer wieder Spaß machen kann, aber im Vergleich zu den ersten beiden stinkt es natürlich trotzdem ab.

MopedTobias

Postings: 11327

Registriert seit 10.09.2013

2018-01-19 16:05:40 Uhr
Genau diese Sequenz ist für mich auch das absolute Highlight zusammen mit My Desire. Sonst find ich das Album nur gut, aber besser als seine beiden Vorgänger.
Silas Geaves
2018-01-19 15:22:24 Uhr
Der Dreier Breaker 1-Ancient Ways-Tidal Wave ist ein göttliches Machwerk, das auch die Ewigkeit überstehen wird.
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