Bleachers - Strange desire

Bleachers- Strange desire

RCA / Sony
VÖ: 15.08.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

An alle Geschmackspolizei-Einheiten

Man tune Elton Johns Piano, leihe ein bisschen Freddie-Mercury-Attitüde, nehme zwei Fünftel 'N Sync, dazu einen Autotune-Recorder und ganz viel "Toniiiiiiiiiiiiiight, weeeeeeee aaaaaaaare yououououng!" – fertig war Fun.s "We are young", für viele der Sommerhit 2012. Andere hingegen brachte das Lied eher dazu, mittelschwere Gewaltphantasien zu entwickeln. Und wer das Radio dann noch nicht gegen die Wand oder den Fernseher aus dem 4. Stock geschmissen hatte, bevor Fun.-Sänger Nate Ruess hingebungsvoll "Let's set the world on fiiiiiiiiiiire / We can burn briiiiiiiiighter than the sun" nachlegte, der war um die Fähigkeit zur inneren Entspannung durchaus zu beneiden.

Ok, die Musikgeschichte hat schon Schlimmeres hervorgebracht als dieses simple Liedchen über die Liebe und das Sich-jung-Fühlen. Platz eins der Billboard- und UK-Charts sowie der 2013er-Grammy für den besten Popsong untermauerten erneut: Die Fähigkeit, einen hartnäckigen Wurmfortsatz im Ohr zu parken, führt nicht selten zum Erfolg. Diese Formel scheint sich Fun.-Gitarrist Jack Antonoff tief hinter die Ohren geritzt zu haben, als er während der Fun.-Tour immer mal wieder im Kämmerlein verschwand, um an eigenen Songs herum zu werkeln. Sich damals wohl nicht mal halb bewusst, dass seine Ideen als "Strange desire" einmal das Licht der Welt erblicken könnten, haut Antonoff jetzt mit "I wanna get better" gleich mal den nächsten Sommerhit raus: luftiger Beat, hüpfende Pianotasten, euphorisches Keyboard, verzerrter Gesang, Falsett-Chöre – und dann trägt der wohl billigste 80s-Synthie-Teppich, den man sich vorstellen kann, den Refrain mitten durch den Pophimmel.

Und der Hörer? Ertappt sich spätestens jetzt dabei, wie ungläubige Fremdscham in grinsende Euphorie kippt. Denn "Strange desire" bewegt sich zwischen ebenjenen rezeptorischen Polen – und geschmacklich zwischen sommerlich-fruchtigem Eisbecher und hilflos überzuckerter Hochzeitstorte. "Wild heart" schreckt zunächst wohl diejenigen ab, denen schon Fun. zu kitschig waren, ehe der fiese "Rollercoaster" mit einer Mischung aus 80s-Disco und College-Rock die Geschmackspolizei endgültig auf den Plan ruft. Doch wer das Fell besitzt, diese ersten Antnoffschen Zuckerguss-Attacken zu überstehen, wird belohnt. Denn dieses Album ist ein hinterlistiges Teufelsding, das immer dann konsequent zuschlägt, wenn man kurz davor ist, lauthals "Ich muss weg!" zu schreien. "Shadow" etwa zieht seinem modernen Synthie-Beat eine lässige 80s-Kutte über und sofort in seinen Bann, während wohl nicht mal Whitesnake oder Survirvor einen besseren Stadionrock-Refrain hinbekämen, als Antonoff ihn mit der Hymne "Like a river runs" vorlegt.

Da bei aller Laune auch der beste Sommer mal Pause macht, darf es auch mal düsterer, melancholischer sein: "Take me away" etwa gewinnt durch elektronische Reduktion und Grimes' sehnsüchtige Stimme. "Reckless love" lässt Depeche Mode ins Haus; das schöne "Wake me" schnürt sich ein wenig The-Cure-Atmosphäre zurecht. Mit einem Potpourri aus 80s-Sounds und modernem Pop klöpft Antonoff häufig an die Tür mit der Aufschrift "Größenwahn" (bei dem auch Yoko Ono nicht fehlen darf!). Doch sein Vorhaben, nostalgische Momente von geschätzten Künstlern in modernem Klanggewand wieder zu beleben, gelingt – auch wegen der Produzenten John Hill (M.I.A., Jay-Z) und Vince Clarke (Depeche Mode, Erasure). Jubel oder Spott, Chart-Seller (wie in den USA) oder Mega-Flop – für ein Mittelding ist "Strange desire" nicht gemacht. Viele sind hier wohl raus. Alle anderen grinsen weiter. Und können sicher noch mal... "I wanna get better, betteeeeer, betteeeeer, betteeeeeeeer!"

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Shadow
  • I wanna get better
  • Wake me
  • Take me away (feat. Grimes)

Tracklist

  1. Wild heart
  2. Rollercoaster
  3. Shadow
  4. I wanna get better
  5. Wake me
  6. Reckless love
  7. Take me away (feat. Grimes)
  8. Like a river runs
  9. You're still a mystery
  10. I'm ready to move on/Wild heart (Reprise) (feat. Yoko Ono)
  11. Who I want you to love

Gesamtspielzeit: 38:55 min.

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eric

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Registriert seit 14.06.2013

2014-08-15 00:10:49 Uhr
Genau wie die Scheibe eine Pop Offenbarung sein kann, wenn man sie nur ein Mal im Monat eingeworfen und dann aber richtig hemmungslos feiert.

Genau in diesem Sinne waren die beiden Begriffe auch gemeint, keinesfalls rein negativ. Kommt gerade im Sommer echt gut, wenn man sich darauf einlässt. Muss man natürlich nicht täglich. Also sowohl die Torte, als auch diese Platte. ;)

Ich fand ja aber .fun auch schon super, muss ich gestehen.

An mich ging die irgendwie nicht so ran, damals...

pfzt

Postings: 19

Registriert seit 14.06.2013

2014-08-14 19:45:14 Uhr
Versteh mich nicht falsch, 7/10 geht für die Scheibe völlig in Ordnung, ich wehre mich nur gegen "zuckrig" und "kitschig" als abwertende Begriffe. Und Creme und Zuckerzeug soll man ja auch nicht dauernd essen aber nach einer langen Feier mit viel Bier und deftigem Essen ist halt nachts um 12 die Hochzeitstorte quasi eine kulinarische Offenbarung ;)

Genau wie die Scheibe eine Pop Offenbarung sein kann, wenn man sie nur ein Mal im Monat eingeworfen und dann aber richtig hemmungslos feiert. Ich fand ja aber .fun auch schon super, muss ich gestehen.

eric

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Registriert seit 14.06.2013

2014-08-14 12:09:06 Uhr
Was ist denn bitte an der Platte zuckrig oder kitschig(...)

Na die Songs sind zuckrig, zumindest einige davon sogar sehr konsequent. Andere nicht, aber auch die funktionieren. Daher 7/10.

und was ist an Hochzeitstorte eigentlich schlimm?

Diese Interpretation überlasse ich mal dir. Ich kenne solche Torten nur mit zu viel Creme und Zuckerzeug. ;)

pfzt

Postings: 19

Registriert seit 14.06.2013

2014-08-11 10:59:05 Uhr
Was hier in der Rezi wieder für Quatsch steht, unfassbar. Was ist denn bitte an der Platte zuckrig oder kitschig und was ist an Hochzeitstorte eigentlich schlimm? Zu der Einschätzung kann man wohl nur kommen wenn man sonst ausschließlich den typischen Plattentests Depri-Krams hört.

Das hier ist eine ganz und gar hemmungslose Pop Platte, sie will gar nichts anderes sein und das ist gut so, denn verschwurbelten neo 70s pseudo Prog gibt es derzeit wahrlich genug.
antibazi
2014-08-09 23:24:55 Uhr
"I wanna get better" ist ein bisschen bei Blink 182s "Dumpweed" geklaut.
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