Family 5 - Das Brot der frühen Tage

Family 5- Das Brot der frühen Tage

Paul / Zomba
VÖ: 26.08.2002

Unsere Bewertung: Ohne Bewertung

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Freispiel

Manche Menschen haben Prinzipien. Peter Hein zum Beispiel. Anfang der Achtziger brachte er mit den Fehlfarben mit "Monarchie und Alltag" eins der wohl besten und wichtigsten Alben in deutscher Sprache heraus und schlug Wellen, insbesondere die sogenannte Neue Deutsche. Damals war diese noch nicht zur unsäglichen Kasperei von Markus, Geier Sturzflug oder Trio verkommen, und so zündelten Heins Zeilen zwischen Resignation und Zorn an der betonierten Langeweile der Gesellschaft. Grandiose Songs wie "Paul ist tot" oder "Grauschleier" besitzen auch heute noch eine bedrückende Relevanz. Dann aber kam mit "Ein Jahr (Es geht voran)" der Erfolg, und Hein nahm sich angewidert eine Mittagspause.

Statt sich nämlich der verhaßten Industrie an den Hals zu werfen, verfolgte er weiter seine Vision einer glaubwürdigen Gegenkultur. In den bald wieder im Untergrund vibrierenden Kreativzellen stieß er schnell auf Geistesverwandte wie Xao Seffcheque. Das rastlose Kollektiv Family 5 war geboren, um gemeinsam durch die Absurdität des Daseins zu stolpern. "Im Leistungskurs Leben wird Dir nicht beigebracht / Daß Du alles, was sie Dir geben, später doppelt bezahlst." Ungeschminkte Einsichten für Gymnasiasten, deren große Brüder ein paar Jahre vorher Sicherheitsnadeln im Ohr hatten.

Der gelackten Popwirklichkeit setzten Hein und Co. gewitzten Spott und bissige Slogans entgegen. "Liebe wird aufs Ficken reduziert" beschwerte er sich. Schonungslos skandierte er seine Abneigung gegen faule Hippies, japanische Geldsäcke, gefühlskalte Yuppies und braune Klappspaten. Zwischen seine atemlosen Statements steckte die Familienbande einen sperrigen Bastard aus Ska, Dub, Funk und Rock. "Bring Deinen Körper auf die Party" preßte Hein hervor. Von einer zittrigen Hektik angetrieben pusteten ihm Bläser den Schaum vom Mund. Doch sein Zorn wurde nicht weniger: "Ist außer mir denn niemand da, dem das alles stinkt? / Bin ich die Ratte, die bemerkt, dieses Schiff versinkt?"

Es scheint nur Zufall zu sein, daß im Zuge des Jubels um Jürgen Teipels Proto-NDW-Rückblick "Verschwende Deine Jugend" und der ruhmreichen Wiederkehr der Fehlfarben gerade jetzt deren nicht weniger grandiosen Nachwehen in einer Zusammenstellung für Nostalgiker und Spätgeborene wieder auftauchen. Doch "Das Brot der frühen Tage" ist keine billige Abkoche, sondern ein musikalisch spannender, inhaltlich noch immer aktueller Aufschrei gegen die Zwänge des Hier und Jetzt. Selbst wenn die angenehm HiFi-freie Produktion manchem arg angestaubt erscheinen mag, fällt es schwer, sich von diesem Rückblick auf die andere Seite der Achtziger nicht faszinieren zu lassen. Für alle, die wissen wollen, was Blumfeld, die Sterne und die Tocos wirklich in ihrer Schultüte hatten.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Die kapieren nicht (Ran, ran, ran)
  • Japaner in Düsseldorf
  • Stein des Anstoßes
  • Du wärst so gern dabei
  • Wir bleiben

Tracklist

  1. Die kapieren nicht (Ran, ran, ran)
  2. Traumvers
  3. Japaner in Düsseldorf
  4. Muffgruff
  5. Der lange Weg
  6. Stein des Anstoßes
  7. Du wärst so gern dabei
  8. Katja
  9. 200.000 Stunden
  10. Mother night
  11. Gloria
  12. Schön ist anders
  13. Der Schaum der Tage
  14. Wir bleiben
  15. Nie mehr!
  16. Zweiundvierzig
  17. The backstreet boys
  18. 1987
  19. Bring Deinen Körper auf die Party
  20. Viererbande '83

Gesamtspielzeit: 72:27 min.

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