Coldplay - A rush of blood to the head

Coldplay- A rush of blood to the head

Parlophone / EMI
VÖ: 26.08.2002

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schauermärchen

Zu lieben bedeutet zu leiden. Wenn das jemand weiß, dann die Jungs von Coldplay. Schließlich haben sie sich schon vor zwei Jahren derartig herzzerreißend durch zwei handvoll songgewordene begossene Pudel getrauert, daß sowohl Fans als auch Fachjournaille am Ende gar nichts anderes mehr übrig blieb, als sich tränenüberströmt in den Armen zu liegen und diese Band zu feiern. Umso erstaunlicher, daß Coldplay in der Folgezeit ein ums andere Mal ähnlich grausam mit ihren Anhängern vom alten Kontinent umsprangen, wie man es eigentlich nur von den herzlosen Damen aus ihren Liedern kannte. Da wurden Europatourneen wegen stimmlicher Unstimmigkeiten abgesagt, gleichzeitig aber Auftritte in Amiland absolviert. Sehnlichst erwartete Ersatztermine wurden nicht eingehalten, und kloppte man auch noch fast fertiges Songmaterial einfach so in die Tonne. Don't panic? Everything's not lost? Zweifel schienen angebracht.

Die langerwartete zweite Platte ist dennoch fertig geworden. "A rush of blood to the head" heißt sie, und wieder hat man keine andere Wahl, als dieser Band mit Haut und Haaren zu verfallen und ihr jeden Fehltritt der Vergangenheit zu verzeihen. Die kleinen Folkspielereien und aufbrausenden E-Gitarren von "Parachutes" gehören derweil der Vergangenheit an. Dies ist eine Platte im 16:9-Format, voll prunkvoller Hymnen, die von süßen Pianos und zartbitteren Streichern naschen und einige Zentimeter über dem Boden der Tatsachen schweben. Ein Album, so schön wie die tränenreiche Versöhnung eines zerstrittenen Liebespaares.

Coldplay anno 2002 können es sich leisten, den einzigen lauten Moment ihrer neuen Platte gleich an den Anfang zu setzen. Ein tosendes Percussiongewitter zieht dem Hörer den Teppich unter den Füßen weg, während Chris Martin den Zeigefinger erhebt. "Open up your eyes" fordert er im eröffnenden "Politik", das aber trotz seines deutschen Namens kein Statement zum aktuellen Wahlkampf zwischen Gerd und Ede beinhaltet. Beim anschließenden "In my place" umgarnen den Hörer dann wieder zärtliche Gitarrentöne und die nach wie vor verklärt-melancholische Stimme Martins. Songs wie dieser lassen sich mit geschlossenen Augen ohnehin ungleich besser genießen.

"Nobody said it was easy / But no one ever said it would be this hard" gibt Martin wenig später im Piano-Monument "The scientist" zu Protokoll. Er scheint auf den unglaublichen Rummel zurückzublicken, der Coldplay vor zwei Jahren geradewegs überrumpelte und beinahe zerrissen hätte. Zum Ende des Stücks darf sogar noch mal eine E-Gitarre das Kommando übernehmen, aber selbst diese klingt weich wie der Sturz in ein dickes Samtkissen. Nichts an "A rush of blood to the head" ist Wut oder Empörung, alles klingt aufgeräumt, ungezwungen und nach einer wahrhaftigen Erhabenheit, die nur erlangt, wer mit sich selbst im Reinen ist. Der Trubel wird gewiß wieder kommen, aber ebenso gewiß werden Coldplay ihm diesmal gewachsen sein.

Schief gehen kann nach diesem furiosen Blitzstart natürlich schon längst nichts mehr. Zu was Coldplay aber tatsächlich fähig sind, zeigen sie erst auf der Zielgeraden von "A rush of blood to the head". Keine Band bastelt momentan aus warmen Klavierklängen, anschmiegsamen Akustikgitarren und der unfaßbar ausdrucksstarken Stimme ihres Frontmannes schönere Tränen-Epen als das wunderbare "Warning sign", und beinahe jede andere Band würde mit einem pathosgetränkten XXL-Drama wie "Amsterdam" gnadenlos baden gehen. Bei Coldplay jagt ein solches Stück dem Hörer den intensivsten aller erdenklichen Schauer über den Rücken. Zu lieben bedeutet eben zu leiden. Zum Glück ist es aber auch das schönste Gefühl auf der Welt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Politik
  • In my place
  • The scientist
  • Warning sign

Tracklist

  1. Politik
  2. In my place
  3. God put a smile upon your face
  4. The scientist
  5. Clocks
  6. Daylight
  7. Green eyes
  8. Warning sign
  9. A whisper
  10. A rush of blood to the head
  11. Amsterdam

Gesamtspielzeit: 54:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Aber
2017-09-02 21:47:08 Uhr
Unhörbar? Vertrackt ja auch schon nur mit riesigen Abstrichen. Finde das Album insgesamt gut hörbar. Teilweise keine genialen Sachen (insgesamt auch höchstens ne 7/10), aber schon nicht schlecht.

nörtz

Postings: 4246

Registriert seit 13.06.2013

2017-09-02 21:35:32 Uhr
Viva la Vida find ich zum Einschlafen. Vertrackt und unzugänglich ist nicht immer auch gleich besser. Diese "Experimente" dort finde ich teilweise unhörbar.

Mr. Orange

Postings: 1019

Registriert seit 04.02.2015

2017-09-02 21:26:01 Uhr
"The Scientist" empfand ich nie als besonders herausragend. Schon ein toller Song, aber kein Vergleich zu "In My Place".

Seh ich exakt genauso.

Insgesamt ist die ganze Platte aber generell eher 7/10. Ich finde im Endeffekt sogar die "Viva La Vida..." besser. Nicht die einzelnen Songs, aber insgesamt ein passenderes Album.

Seh ich ähnlich. "Viva La Vida" ist spröder, vertrackter, unzugänglicher, aber vielleicht tatsächlich besser.
Aber
2017-09-02 21:01:59 Uhr
"The Scientist" empfand ich nie als besonders herausragend. Schon ein toller Song, aber kein Vergleich zu "In My Place". Insgesamt ist die ganze Platte aber generell eher 7/10. Ich finde im Endeffekt sogar die "Viva La Vida..." besser. Nicht die einzelnen Songs, aber insgesamt ein passenderes Album.

Affengitarre

Postings: 2301

Registriert seit 23.07.2014

2017-09-02 11:03:24 Uhr
Bin da ganz bei MopedTobias, der dann einfach noch genau meine Highlights raussucht. Dennoch keine 9,5 für mich.
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