Klangkarussell - Netzwerk

Klangkarussell- Netzwerk

Vertigo / Universal
VÖ: 25.07.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zwei Diebe auf Bewährung

Da soll noch mal einer sagen, es wäre schwierig, einen internationalen Hit zu basteln. Wie ist halb Europa abgegangen auf Klangkarussells "Sonnentanz", diesen smoothen Sommertrack zum entspannten Kopfnicken, diesen jazzig angehauchten Kassenschlager elektronischer Chillout-Klänge. Dabei ist er ein Produkt grenzenloser Faulheit! Es braucht nur einen einzigen Ordner aus dem Samplepaket "Nu Jazz City" (von Big Fish Audio, $ 69.95), ein paar Klicks, um die richtigen Samples zu arrangieren, und fertig ist weit mehr als der halbe "Sonnentanz". Das Saxophon, die Gitarre, das Vibraphon, alles übernommen, eins zu eins, nicht mal am Pitch gedreht! Wer so unkreativ samplet, macht zwar nichts Verbotenes, widerspricht aber wohl jedem Künstlerkodex, den man sich vorstellen kann. "Dieb-House", schrie die bestürzte Szene. Das Klangkarussell drehte sich fröhlich weiter.

Und das ist wohl verständlich: Wer so einen billig gezimmerten Track in die weite Welt trägt und dafür nur schnell eine Version mit Gesangspart ("Sun don't shine") schrauben muss, hat definitiv etwas geschafft. Künstlerischer Wert hin oder her. Und: Trotz aller Meckerei ist "Sonnentanz" zumindest das vom Chillfaktor her beste Stück auf "Netzwerk", dem Debütalbum der Österreicher, denen die Anerkennung für ihren ersten Hit halt vielleicht nicht ganz alleine gebührt. Aber immerhin: Die Platte zeigt, dass das Duo mehr kann, als seine Lego-Figuren fertig aufgebaut aus dem Schaufenster zu klauen. Zumindest hat die Techno-Polizei bisher keinen zweiten Track des Billigsamplens überführt.

Jetzt aber nicht überschwänglich werden: Der Ruf der Möchtegern-Kreativen klebt den beiden Jahrmarktpferden Adrian Held und Tobias Rieser tief in den Schuhsohlen und daran kann auch "Netzwerk" wenig ändern. Wer einen okayen Track mit noch so viel Herzblut eigenhändig produziert, macht trotzdem nur einen okayen Track. Und davon gibt es auf diesem Debüt ziemlich viele. Die Version von Adam Freelands "We want your soul" ist sogar eher weniger okay mit ihren sinnlos aneinandergereihten Sprachfetzen und achteinhalb Minuten Abiparty-House. Auch "Celebrate" geht seinem Titelvorhaben eher plump nach. Ganz gut dagegen: das gemütlich wabernde "All eyes on you" sowie Titeltrack und Single "Netzwerk (Falls like rain)", eine schön gefällig-poppige Angelegenheit. Könnte in ähnlichem Umfeld funktionieren wie "Sonnentanz – sun don't shine" und ist rein namentlich natürlich der nächste heiße Kandidat für internationalen Erfolg (deutscher Titel plus englischer Untertitel). Zufällig gab es auch hier schon eine Instrumental-Version ohne Gesang und Untertitel, lange bevor die Single kam.

Ja, "Netzwerk" kann mehr, als "Sonnentanz" preiswert wieder aufzuwärmen, was nach dem Singleerfolg ja nicht wenige Neider versuchten. Schade nur, dass das Gros der neuen Stücke bloß versucht, auf andere Weise seicht zu unterhalten. Da gibt es spannendere Alternativen, was chilligen Elektro betrifft – fettarmer Joghurt ist ja auch nur zweckmäßiges Ausweichprodukt. Klartext: "Netzwerk" ist ein mittelmäßiges Album zweier mittelmäßiger Künstler, die ihren ersten Hit vielleicht lieber auf solidere Füße hätten stellen sollen. Ob der ohne Nu-Jazz-Samples überhaupt erst groß geworden wäre, ist eine andere Frage. Dass die beiden es aus eigener Kraft schaffen, noch einmal so ein Ding zu landen: eher unwahrscheinlich.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Netzwerk (Falls like rain)
  • Sonnentanz
  • All eyes on you

Tracklist

  1. Eistee aus der Dose
  2. Netzwerk (Falls like rain)
  3. Berlin
  4. We want your soul (feat. Adam Freeland)
  5. Sonnentanz
  6. Symmetry
  7. Celebrate
  8. Sternenkinder
  9. Moments (feat. Will Heard)
  10. All eyes on you
  11. Sonnentanz – sun don't shine (feat. Will Heard)

Gesamtspielzeit: 66:21 min.

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