The Tidal Sleep - Vorstellungskraft

The Tidal Sleep- Vorstellungskraft

This Charming Man / Cargo
VÖ: 25.07.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Leichteste der Welt

Was ist da nur passiert? Was fegte da eben gute 35 Minuten lang über einen hinweg? Fragen, die sich aufdrängen, hat man dieses Stück Musik erst einmal erfolgreich hinter sich gebracht. Ein Stück Musik, ach was, ein kleiner Monolith, den man so von dieser Band nicht erwarten konnte. Klar, das selbstbetitelte Debüt hatte mit "Serpent hug" diesen einen absoluten Übersong und so ganz nebenbei auch noch ein paar andere starke Tracks im Ärmel. Aber es war auf Dauer etwas eintönig und vor allem mit seinen schlappen sieben Songs viel zu kurz. Es zeigte schlichtweg ganz offen, dass hier eine Band noch in der Findungsphase ist.

Diese ist, daran lässt der Zweitling keinerlei Zweifel aufkommen, inzwischen vorbei. Elf Stücke — genau so viele, wie vor dieser Platte überhaupt offiziell das Licht der Welt erblickt hatten — werden hier aufgezaubert. Mit einer nicht zu verbergenden Liebe zu Postrock und feinen Melodiebögen. Gleichzeitig mit einer kompromisslosen Brachialität. Und nicht zu vergessen mit einer bemerkenswert starken Produktion. Manche würden vorschnell das "The Wave"-Etikett zücken und die Band zu den Artverwandten packen. Was mitnichten passend ist. Klar fühlt man sich erinnert an die Defeaters und La Disputes und Pianos Become The Teeths und Touché Amorés. Und doch pflegt diese Band ihren eigenen Habitus. Von der ersten Sekunde an, wenn "Old youth" die wilde Fahrt mit seinem getriebenen Drums eröffnet. Und nach guten 30 Sekunden plötzlich den Modus wechselt und die Teppei-Teranishi-Gedächntis-Gitarrenfigur auspackt. Ein Song, der in seinen lauten Momenten alles in Stücke bolzt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und sich doch stets eine fragile Anmut bewahren kann. Überhaupt, die Sache mit der Anmut: Hat diese Band in ihren Anfangstagen bevorzugt die Regler ganz weit nach rechts gedreht, versteht sie sich auf Platte Nr. 2 auch vorzüglich auf die atmosphärischeren Momente. Man nehme nur "Angst", das sich auf instrumentaler Seite in den Engtanz mit dem Postrock wagt und zwischendurch herrlich windschiefen Cleangesang serviert. Oder das gnadenlos gute Vorspiel "If you build it...", das sachte an das anschließende, wesentlich beherzter zulangende "...they will come" vorbereitet. Da kann man denn auch locker mal für gute drei Minuten auf den Text verzichten, sagt doch die Instrumentenfraktion ohnehin alles, was gesagt werden muss.

Am stärksten ist diese Band aber doch dann, wenn es richtig zur Sache geht. Wenn "Thrive and wither" einfach mal so den besten Basssound seit At the Drive-Ins "Quarantined" in die Runde wirft. Oder wenn das vorab veröffentlichte "Smoke and mirrors" die Intensitätsschraube in Sphären dreht, die nur wenige Bands bislang gesehen haben. Und wenn ganz zum Schluss "Lined skin, rotten hull" den Vorhang schließt, brennt sowieso endgültig die Luft. Alle, aber auch wirklich alle ihre Stärken wirft diese Band in diese sechs Minuten Hardcore. Ein behutsamer Aufbau, eine Menge zwingender Melodien, ein Outro, das die Nackenhaare auf Bergexpedition gehen lässt. Das muss man sich erstmal reintun. Und verdauen.

Und danach am besten direkt nochmal von vorne Anfangen. Was in diesen 35 Minuten abgezogen wird, kriegt schließlich so manche arrivierte Band auch auf der siebten Platte nicht auf die Kette. Und dann kommt da diese Truppe und löst auf dem Zweitling alle Versprechen ein, die sie mit den besten Momenten des Debüts gegeben hat. Als wäre es das Leichteste der Welt. Die Band heißt übrigens The Tidal Sleep. Das Album "Vorstellungskraft". Muss man sich anhören. Wieder und wieder. Unbedingt.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Thrive and wither
  • Angst
  • Smoke and mirrors
  • Lined skin, rotten hull

Tracklist

  1. Old youth
  2. Thrive and wither
  3. Angst
  4. Flood dreams
  5. Glass
  6. If you build it...
  7. ...they will come
  8. Fathomed
  9. Smoke and mirrors
  10. Twentyone
  11. Lined skin, rotten hull

Gesamtspielzeit: 35:10 min.

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User Beitrag

PartingTheSea

Postings: 9

Registriert seit 09.06.2016

2016-06-13 16:39:05 Uhr
thrive and wither ist ein ganz und gar unglaublicher song Oo

hab sie vor ein paar wochen (!?) in münchen gesehen, tolle band:)

Autotomate

Postings: 1025

Registriert seit 25.10.2014

2016-06-13 11:21:55 Uhr
Gestern wieder gehört. Für mich ein Musterbeispiel dafür, wie kreativ man im Rahmen von weitgehend ausdefinierten Sounds und Genres Musik machen kann. Gab's seit 2014 eigentlich irgendein auch nur halbwegs ähnlich großartiges Album aus dieser Schublade? Wie auch immer: Nachfolger wär mal schön...
Akim
2014-12-30 19:53:00 Uhr
"Smoke and Mirrors" ist phantastisch.

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-30 15:02:24 Uhr
Ein bisschen weniger Geschrei wäre aber auch okay gewesen.

+1

The MACHINA of God

Postings: 15465

Registriert seit 07.06.2013

2014-12-30 11:51:05 Uhr
Gefällt mir doch sehr gut. Ein bisschen weniger Geschrei wäre aber auch okay gewesen.
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