Helge Schneider - Live at the Grugahalle - 20 Jahre Katzeklo (Evolution)

Helge Schneider- Live at the Grugahalle - 20 Jahre Katzeklo (Evolution)

Polydor / Universal
VÖ: 20.06.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Sommer, Sonne, Katze

20 Jahre "Katzeklo". Ein Jubiläum, das man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen muss. Wobei das wahrscheinlich ziemlich eklig schmeckt. Aber dafür gibt's zum Nachtisch bestimmt lecker Kuchen und Tee. Überhaupt, Tee. Wenn man so alt ist wie Helge Schneider, dann kann man auch dem Schnappes den Rücken kehren und während eines Auftritts Unmengen von Tee in sich hineinschütten. Moment mal, Helge Schneider und alt? Ist das nicht gemein? Ist die singende Herrentorte aus Mülheim nicht mindestens 50 Jahre jünger als der trommelnde Dauerbegleiter Peter Thoms? Egal, wie man es dreht und wendet: Helge ist auf jeden Fall beinahe drei Mal so alt wie jenes kleine Lied über die ewig hungrige Katze und deren Toilette. Die Zeit geht, Helge Schneider bleibt. Und kommt immer wieder. Vielleicht nicht bis nach Amerika, aber zumindest nach Essen in die Grugahalle.

Dort zelebrierte Schneider im März 2014 das 20. Wiegenfest von "Katzeklo" mit einem über zweistündigen Auftritt. Im Gepäck: Das übliche Sammelsurium aus Jazz-Klassikern, Eigenkompositionen und kalauerdurchtränkten Zwischenansprachen. Und eine souverän agierende Begleitband: Die "Dorfschönheiten" lassen sich auch durch die wildesten Phrasierungen ihres Frontmannes nicht aus dem Takt werfen, besonderes Lob gebührt dem mit einigen brillanten Soli auftrumpfenden Carlos Boes an den Blasinstrumenten. Im Mittelpunkt steht aber natürlich Helge, der sich sarkastisch von Pointe zu Pointe frotzelt. "Katzeklo" wird gleich zu Beginn des Gigs mit einer fulminanten Neuinterpretation bedacht: Schneider spinnt sich eine Art Fortsetzung des Originals zurecht und täuscht sogar den Unfalltod des liebgewonnenen Tieres an. Doch just als die Katze plattgedrückt unter dem Auto verendet scheint, gibt Helge Entwarnung: "Happy End!" Die tote Katze war ein Betrüger, und der echte Stubentiger klingelt entspannt an der Haustür.

Wem das jetzt schon zu doof klingt, der wird auch mit dem Rest des Programms wenig anfangen können. Schon immer wusste der Mülheimer zu polarisieren. Entweder man liebt seinen zwischen Zote und Zotteligkeit pendelnden Anti-Humor, oder man hasst ihn. Oder man macht irgendetwas anderes. Die Ecken putzen, zum Beispiel. Gassenhauer wie "Es gibt Reis, Baby" oder "Der Meisenmann" mögen zwar ein wenig Staub angesetzt haben, die besten Lieder über Essen aus dem Kochbeutel und bedauernswerte Piepmätze sind sie aber trotzdem noch. Auch neuere Songs wie "Der Schönheitschirurg von Banania" und "Nachtigall, huh (Es zittert unser Haus, was ist nur draußen los?)" reihen sich nahtlos ein, wobei Letzteres nicht das Niveau früherer Meisterleistungen wie "Wurstfachverkäuferin" erreicht.

Es wäre allerdings falsch, Helge Schneider auf den puren Nonsens zu reduzieren. Natürlich ist er ein Clown, doch zwischen all den Witzen über Busenverlängerungen und Dinosauriern, die die Erde rund lecken, versteckt der Entertainer immer wieder präzise Beobachtungen in seinen Schilderungen, die das wahrscheinlich auch zahlreich zum Konzert erschienene Kleinbürgertum entlarven. So erzählt er vom "Oma Café", in welchem er sich in jungen Jahren als Begleitpianist für Torte schlemmende Greisinnen verdingen musste. Während die Damen empört auf "Smoke on the water" reagieren, goutieren sie die grässliche "Ballade pour Adeline" und loben den hübschen Klavierspieler für sein außerordentliches Talent. In eine ähnliche Kerbe schlagen die "Impressionen aus dem China-Restaurant Mykonos", in welchen Helge zunächst fast so etwas wie Mandarin zum Besten gibt, ehe sich ein deutsches Ehepaar exotische Köstlichkeiten wie Kohlrouladen und König Pilsener schmecken lässt.

Letzten Endes ist Helge jedoch vor allem Musiker. Ob an der Gitarre, dem "Klafünf" oder der roten Melodica: Der Mann kann so ziemlich jedes Instrument erstaunlich virtuos bedienen und haucht eigentlich totgenudelten Standards wie "Mood indigo" augenzwinkernd neues Leben ein. Auch die Aufführung des gruseligen "Feliz navidad" gerät so überzeugend, dass man Weihnachten förmlich im Geldbeutel spüren kann. Nicht einmal vor der alterwürdigen "Mondscheinsonate" macht er Halt – schade, dass Beethoven diese Version selbst dann nicht hätte hören können, wenn er sie noch erlebt hätte. Denn was auch immer dieser Schneider da eigentlich genau treibt: Imitieren kann ihn niemand. Und ihm das Wasser reichen sowieso nicht. Dafür aber sicher noch ein Tässchen Tee.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Impressionen aus dem China-Restaurant Mykonos
  • Abenteuer im Oma Café
  • Kunst solo auf der roten Melodica
  • Der Meisenmann
  • Mood indigo

Tracklist

  • CD 1
    1. Begrüßung
    2. The man I love
    3. Bodo schlabbert Tee!
    4. Ansprache I
    5. Katzeklo
    6. Es sind Kinder da
    7. Ansprache II
    8. Mr. Bojangles
    9. Ansprache III
    10. Applaus für Euch!
    11. Die Erde ist rund
    12. Dinosaurier lecken die Erde rund
    13. Ansprache IV
    14. Der Schönheitschirurg von Banania
    15. Ansprache V
    16. La pergola de la soul
    17. Impressionen aus dem China-Restaurant Mykonos
    18. Ansprache VI
    19. To be a man
    20. Ansprache VII
  • CD 2
    1. Abenteuer im Oma Café
    2. Ansprache VIII
    3. Beethoven
    4. Ansprache IX
    5. Der Meisenmann
    6. Hunderttausend Rosen
    7. Ansprache X
    8. Es gibt Reis, Baby
    9. Peter Thoms rastet musikalisch aus
    10. Kunst solo auf der roten Melodica
    11. Feliz navidad (live)
    12. Weihnachten
    13. Ansprache XI
    14. Nachtigall, huh (Es zittert unser Haus, was ist nur draußen los?)
    15. Lob für das Publikum
    16. Ansprache XII
    17. Mood indigo
    18. In a mellow tone
    19. Johann Strauss meets Helge / Schluss
    20. Verabschiedung
    21. Feliz navidad (Studioversion)

Gesamtspielzeit: 134:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
o
2014-06-28 02:46:21 Uhr
Herrlich!

Armin

Postings: 13814

Registriert seit 08.01.2012

2014-06-28 00:24:21 Uhr
Frisch rezensiert! Meinungen?
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