Sean Pineiro - Saved once twice

Sean Pineiro- Saved once twice

Ki / Rough Trade
VÖ: 20.06.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vor Sonnenaufgang

Sean Pineiro ist trotz seines recht jungen Alters weit herumgekommen. Aufgewachsen in Virginia, studierte er in Utrecht und New York und lebt nun in Berlin, wo er sich als Produzent elektronischer Musik verdingt. Als Absolvent einer Musikhochschule weiß er zwar bestens über Komposition und traditionelle Instrumentierungen Bescheid, Konzertsäle sind dennoch nicht sein Ding. Pineiro möchte in den Club, genauer gesagt in jene Oasen der kollektiven Vereinzelung, die besonders in den Morgenstunden zur Heimat all jener werden, die vergessen haben, nach Hause zu gehen. Bewerkstelligt wird das auf Pineiros Debüt "Saved once twice" mit größtenteils instrumentalen Tracks, die zwischen präzise zerhäckseltem 2-Step und atmosphärischer IDM pendeln.

Dass darüber hinaus Richard D. James alias Aphex Twin großen Einfluss auf den Wahlberliner hatte, hört man besonders den ruhigeren Tracks auf "Saved once twice" an. "Rope & ruins" ist ein Paradebeispiel für stilvollen Ambient, der nur einige Klangtupfer und Percussionsamples benötigt, um eine sinistre Atmosphäre zu schaffen. Auch die dekonstruierten Beats von Künstlern wie Scuba und Burial hallen auf dem Debüt des Globetrotters wider. Während die genannten Genregrößen jedoch nicht vor schrofferen Konstruktionen zurückschrecken, bleibt Pineiros Musik stets zurückhaltend und grüblerisch. Ungemein dicht sind die fragilen Miniaturen des Produzenten dennoch. Die immer wieder an die Oberfläche gespülten Gesangssamples verleihen hierbei Tracks wie dem stolpernden "Green copy" oder dem jazzigen "Victory & sorrow" ein menschliches Antlitz.

Pineiro verfährt mit den einzelnen Elementen seiner Musik wie mit Puzzlestücken: Er sichtet, sortiert und ordnet sie schlussendlich so an, dass aus der Summe der unscheinbaren Einzelteile etwas Neues, etwas Größeres entsteht. Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stehen Nebengeräusche und jene Schnipsel, die normalerweise beim Puzzlen vernachlässigt werden, da sie nicht recht zum Hauptmotiv passen wollen. Obwohl die meisten Tracks nur um wenige Akkorde kreisen und teilweise sogar nur auf einem einzigen Sound basieren, verkommen sie nie zu bloßer Funktionsmusik – dazu ist das Fundament, auf dem sie errichtet werden, viel zu solide. Melodien verteilen sich nicht selten auf mehrere Klangkörper und müssen vom Hörer en passant rekonstruiert werden. So setzt sich beispielsweise das Hauptmotiv von "After six minutes" aus Woodblock-Samples, Stimmfetzen und vereinzelten Glockenspielklängen zusammen. Reverse Engineering für die Ohren ist das.

Das zugänglichste Stück ist das flotte "Tunnel to castle", dessen knackiger Beat nach und nach von pulsierenden Klangflächen und Samples in den Hintergrund gedrängt wird, bis er schließlich ganz das Zeitliche segnet. Regelrecht elegisch wird es indessen im viel zu kurzen "Medallion", das mit Chorpassagen und kaum zu verortenden Störsignalen aufwartet. Trotz aller Fragmentierung und bewusster Verstümmelung bleibt "Saved once twice" erstaunlich homogen und ist sich auch nicht zu schade, den Hörer mit "Labrum" auf versöhnliche Weise in die erwachende Großstadt zu entlassen. So blass wie die Gestalten, die einem neuen Tag entgegentaumeln, so fahl ist auch das Licht. Die Unterschiede liegen in der Liebe zum Detail.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Tavern
  • Reaper
  • Tunnel to castle
  • Labrum

Tracklist

  1. Someday
  2. Grounds
  3. Freylock
  4. After six minutes
  5. Rope & ruins
  6. Tavern
  7. Green copy
  8. Victory & sorrow
  9. Grounds II
  10. Reaper
  11. Magnolias
  12. Tunnel to castle
  13. Medallion
  14. Labrum

Gesamtspielzeit: 42:46 min.

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