Idlewild - The remote part

Idlewild- The remote part

Parlophone / EMI
VÖ: 26.07.2002

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sein oder Nichtsein

"Am Anfang gab es Antworten / Dann kamen sie und veränderten / All diese Fragen, und all ihre Antworten scheinen sich zu verändern" - Derartige Sinnkeulen hätte man möglicherweise aus dem bedeutungsvoll aufgerissenen Munde eines lallenden, bierbedosten Langhaarigen im Park erwartet, nicht aber von Idlewild. Von jenen Schotten, die mit ihrem Debüt "Hope is important" noch unbeschwert dahergerumpelt kamen, aber bereits mit dem Nachfolger "100 broken windows" bewiesen, daß mehr in ihnen steckt als nur schrullige Krachmacher. Mittlerweile haben Idlewild genau jenen Ort, an dem R.E.M. Ende der Achtziger ihre Siebensachen packten und zum Mainstream loszogen, zu ihrem musikalischen Zuhause ernannt.

Und während die vier Schotten ihren Sound gefunden haben, suchen sie mehr denn je nach sich selbst. "The remote part" ist kein Album, es ist ein Gedichtband in Rock. Eine Werkschau über den Sinn des Lebens und das Leben des Sinns. Über die Hilflosigkeit der Existenz und die Existenz der Hilflosigkeit. Über das Schicksal der Menschen und die Menschen des Schicksals. Über Sein und Nichtsein. "(I am) What I am not".

Doch hinter "The remote part" steckt noch weit mehr als nur die Sinnsuche gescheiterter Musiker, die über kurz oder lang im Bücherregal zwischen Sartre und Nietzsche verstauben wird. Denn eines ist das dritte Album der Schotten zu keinem Zeitpunkt: verkopft. Egal, ob sie wie im Opener "You held the world in your arms" auf einer Welle von Streichern dem Horizont entgegensurfen, mit "American English" eine Hymne über - oder besser: gegen - den amerikanischen Traum anstimmen oder in "Love in a hiding place" ihren Hang zur großen Geste für einen Moment zurücknehmen. Die harte, lyrische Schale um den weichen Kern drängt sich zu keinem Zeitpunkt auf. Und wer sein Ohr vor den Texten verschließt, hat immer noch Grund genug, sich an der gefälligen, wenn auch nur bei drei bis vier Songs brillanten Musik zu erfreuen.

Schließlich gehen Idlewild doch noch einen letzten Schritt weiter. Das zweigeteilte "In remote part / Scottish fiction" beginnt als entzückende Akustiknummer, nimmt dann Fahrt auf und mündet in ein von Poet Edwin Morgan gesprochenes Gedicht, das sich mit dem Piano und den sägenden Gitarren zu einem ergreifenden Moment verbindet, der nichts als sprachlos macht. "Call it confusion in the best way possible!"

Was bleibt, ist das mulmige Gefühl, daß die Schotten gehörig auf Kriegsfuß mit der Welt als solches stehen. "Sing a song about myself / Keep singing the song about myself / Not some invisible world" Idlewild beantworten keine Fragen, sie werfen neue auf: "When you’re secure, do you feel much safer?" grübeln sie, oder auch "Is consideration more like an exception of consideration?" Nicht als Ratlosigkeit. Und dennoch setzen sich Idlewild die Pistole nicht an den Kopf, sondern auf die Brust: "Can you tell me ten words that you'd use, to describe the world?" Der Rest ist Schweigen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • You held the world in your arms
  • American English
  • In remote part / Scottish ficition

Tracklist

  1. You held the world in your arms
  2. A modern way of letting go
  3. American English
  4. I never wanted
  5. (I am) What I am not
  6. Live in a hiding place
  7. Out of routine
  8. Century after century
  9. Tell me ten words
  10. Stay the same
  11. In remote part / Scottish fiction

Gesamtspielzeit: 38:14 min.

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Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-03-05 09:26:10 Uhr
Kam bei mir letztens im Random-Modus mal wieder. Doch, hübsches Ding. Leider nur ziemlich schlecht abgemischt.

seno

Postings: 3333

Registriert seit 10.06.2013

2015-03-05 09:18:29 Uhr
Im Zuge des neuen Albums mal wieder gehört. Hach, das waren noch Zeiten.
jo
2007-01-17 10:46:33 Uhr
Oder auch 'Live in a Hiding Place'. Höre ich (nach ein paar Monaten "Pause") auch seit ein paar Tagen wieder, die Platte ;).
Pure_Massacre
2007-01-17 00:34:22 Uhr
Na denn: weiterhören und auch unter "i never wanted" und "scottish fiction" ein "für die ewigkeit" setzen ;)
mr.pink
2007-01-16 22:44:35 Uhr
komm gerade nicht drauf klar, wie großartig der opener und american english sind.

für die ewigkeit
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