James - La petite mort

James- La petite mort

Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 06.06.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Durch dick und dünn

Der Traum von der eigenen Band. Musik als Passion, als künstlerische Selbstverwirklichung. Und dann, mit etwas Glück und Geschick, vielleicht sogar Rockstar sein?! Klingt alles traumhaft. Was aber, wenn der Erfolg bestätigt werden will? Was, wenn auf einmal andere Dinge aufkommen, wenn Komponenten wichtig werden, gegen die man sich sträubt – die man aber des Geschäftes wegen einkalkulieren muss? Den Britpop-Ikonen James muss nach über 30jähriger Bandgeschichte niemand mehr etwas vom Pferd erzählen. Über 20 Top-40-Singles im UK, und natürlich darf auch die bis heute treue Fanbase nicht vergessen werden. Denn auch dieser Tage schwitzen zahlreiche Ü30 bis Ü35er in Erinnerung an die Hochzeit des Britpop, sofern nicht hauptamtlich Couch-Potatoe, auf dem angestammten Floor zu James-Hits wie "Sit down" oder "She's a star" T-Shirt und Jeansjacke durch.

Doch liegen auch schwierige Zeiten hinter der Band. Als es nach "Millionaires" und "Pleased to meet you" nicht mehr voranging. Als Sänger Tim Booth ankündigte, eigenen Projekten nachgehen zu wollen, und die Farewell-Tour der Band Ende 2001 nicht zu vermeiden war. "Getting away with it (all messed up)", die Über-Hymne der Abschiedstournee, währte allerdings – rein inhaltlich – nicht ewig. 2007 waren James wieder zurück. Und mit ihnen die treuen Seelen zu vielumjubelten Stadion-Konzerten. Zu nostalgischen Abenden mit Freunden, und das nicht nur am Vatertag oder zum Stufentreffen. Booth ahnte nicht, dass er die für ihn persönlich größten Verluste noch vor sich haben würde, und er mit dem 13. James-Album "La petite mort" versuchen sollte, sie zu verarbeiten: Innerhalb von nur wenigen Tagen verlor der James-Sänger seinen besten Freund und seine Mutter.

"Let's inspire / let's enflame / create dreams / from our pain / create songs / from our shame" spricht der elegische Opener "Walk like you" unmissverständlich aus, warum Booth sich nach der Flucht nach vorne sehnte, ja, sehnen musste. Doch so schnell und narbenfrei ist das nicht möglich. Und so hört man "La petite mort" auch an, dass James in den letzten Jahren auch mit Orchester arbeiteten und mit klassischen Instumenten zu tun hatten. Sie setzen immer dann das Piano prominent in Szene, wenn die nachdenklichen, trauernden Töne diese Platte dominieren, wie etwa bei "Quicken the dead". Zurückgezogenen, schwermütigen Songs wie "All in my mind" merkt man aber auch an, dass James durch all die Hochs und Tiefs der Jahrzehnte wieder nah zusammen gerückt sind. Und der Aufbruch wohl bevorsteht, wie die fast schon euphorische Single "Moving on" deutlich macht. Auch "Frozen Britain" steht da nicht lange hinten an und animiert als potentieller Hit in bester The Cure-Manier zum Tanz in gebrochenem Licht und Nebelschwaden.

Dass dieses Album dennoch etwas unhomogen wirkt, liegt in der Natur der Sache. Und die erklärt vielleicht auch die im James-Kontext ungewöhnliche Ekstase des mit Synthies bekleisterten "Curse curse". Auch so lässt sich Schmerz verarbeiten. Und auch der moderne Anstrich eines "Gone baby gone" lässt durchblicken, dass hier Max Dingel (The Killers, White Lies) an den Reglern saß. "Ein bisschen Verlust ist immer" – so lautet ein eher salopp daher geredetes Sprichwort. Für Booth hingegen wiegen die Dinge ungleich schwerer. Doch weiß auch er, dass die Erde sich weiterdrehen wird. "I love you. See you next time." Nicht nur diese letzten Worte aus "All I'm saying" machen Hoffnung, dass die Musik für Booth genug Potential zur Selbsttherapie bietet. Mit James durch dick und dünn. Wie so häufig schon.

(Eric Meyer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Moving on
  • Frozen Britain
  • Quicken the dead

Tracklist

  1. Walk like you
  2. Curse curse
  3. Moving on
  4. Gone baby gone
  5. Frozen Britain
  6. Interrogation
  7. Bitter virtue
  8. All in my mind
  9. Quicken the dead
  10. All I'm saying

Gesamtspielzeit: 46:17 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Rick Lüh

Postings: 212

Registriert seit 06.06.2014

2014-06-08 12:35:12 Uhr
James ist eine Band, dessen Alben mit jedem Hören besser werden. So auch beim Aktuellen, bei mir gerade eine gute 8/10. Anfangs dachte ich auch, dass die zweite Hälfte doch recht abfällt, was sich aber inzwischen mehr als relativiert hat. Hälfte 1 (Tracks 1-6) ist spektakulärer und dadurch eingägiger, Hälfte 2 eher ruhig und irgendwie dichter. Einziger Ausfall ist für mich "Bitter Virtue", welches die zwei Hälften dann auch irgendwie trennt.

Im Gegensatz zu dir, musie, bin ich der Meinung, dass "Whistleblower" überhaupt nicht aufs Album passt, schon gar nicht als Schlußsong. Da haben sich James mit "All I'm Saying" nämlich fast selbst Übertroffen und nochmal ein echtes Highlight hingestellt. Ein alles überragender, speziell fürs schwierige Grundthema wichtiger, weil positiver Abschluss.

Im Lyrics Book schreibt Jim Glennie als Kommentar: "The album's end. Melodic and uplifting..."
Und genau so empfinde ich das auch. Bei all der vorangegangenen Schwere wird man trotzdem mit einem guten Gefühl entlassen.

Diesen Balanceakt kriegen so nur James hin, wie auch immer die das machen...

Lichtgestalt

Postings: 4752

Registriert seit 02.07.2013

2014-06-08 00:00:07 Uhr
@ Musie: Anfangs dachte ich auch, dass das Album in der 2. Hälfte stark nachlässt. Höre dir das Album noch 2-3 an, die hinteren Tracks sind nicht so spektakulär, aber echte "Grower". :)

eric

Postings: 2146

Registriert seit 14.06.2013

2014-06-05 10:31:05 Uhr
Eine Bewertung zu geben, ohne das Album in echt richtig gehört zu haben, ist echt ne miese Nummer.

Hm?

Das zitierte Let's enflame / create dreams kommt so jedenfalls nicht auf dem Album vor.

Häufig gibt's keine Texte bei Promos, nur die Songs, und oft auch nur digital. So auch dieses Mal. gerne kannst du die Lyrics korrigieren, aber bitte nicht nur pöbeln.

Die zitierte Single heißt Moving on, nicht On my way.

Ja, richtig. Da war wohl der Refrain zu sehr im Ohr. ;) Wird geändert, danke.

Und warum fehlt bei den Surftipps die Überseite "oneofthethree"?

Die kenne ich natürlich... muss in den letzten Zügen versehentlich rausgerutscht sein.
Diener
2014-06-05 10:19:25 Uhr
Atemberaubend innovative Scheibe, die die Musikwelt auf den Kopf und alle Werke Radioheads und, ja, auch Gottes in den Schatten stellen wird.

musie

Postings: 2588

Registriert seit 14.06.2013

2014-06-05 09:14:50 Uhr
ich teile die bewertung von pt, für mich auch eine 6/10. sehr gefällt mir der einstieg, danach aber auch richtig mittelmässige lieder. und wie so oft gehört der bonus song zu den besseren.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify