Goodtime Boys - Rain

Goodtime Boys- Rain

Bridge Nine / Soulfood
VÖ: 23.05.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Glückspilze

Manchmal muss man sich beinahe fragen, womit die Harcore-Fangemeinde das alles eigentlich verdient hat. Gemeint ist natürlich die schier unüberschaubare Anzahl grandioser Bands, die dieses Genre Jahr für Jahr bereichern und ausschmücken. Da experimentieren Defeater, wie viel Konzept in den Hardcore passt, da loten La Dispute die Genregrenzen mehr und mehr in alle Richtungen aus, da schauen The Tidal Sleep mal, wie sich Anleihen aus dem Postrock mit dem ganzen Geschrei denn nun so vertragen. Und wenn man mal keinen Bock auf diese jüngsten Auswüchse hat, greift man halt einfach zu Bane oder Comeback Kid und lässt sich gepflegt vermöbeln. Ein Luxus, den man in dieser Form nicht überall genießen kann. Es ist fast zum neidisch werden.

Und jetzt kommt da mit den Goodtime Boys auch schon die nächste vielversprechende Band des Weges. Ausgestattet mit einer großen Menge Vorschusslorbeeren veröffentlicht der Fünfer mit "Rain" nun sein erstes richtiges Album. Und das hat es gewaltig in sich. Man wusste ja aufgrund diverser EPs bereits, dass diese Band vor Potential fast platzt, aber mit so einer köstlich produzierten Gratwanderung zwischen fragil und brachial konnte nun wahrlich niemand rechnen. Dabei lassen es die Goodtime Boys im Opener "Washout" geradezu gemächlich angehen. Zumindest eine gute Minute lang bestimmen zurückhaltende Gitarren und eine verletzliche Gesangslinie das Bild, bevor verschleppte Drums zupacken und Sänger Alex Pennie kräftig an der Intensitätsschraube dreht – und so klar macht, wohin die Reise von nun an gehen wird. In Richtung einer verdammt emotionalen Hardcore-Achterbahnfahrt nämlich. Exemplarisch für selbige steht das folgende "Wallflower" — ein komplexer Brocken, der aus gefühlt 18 Ideen und Parts geformt wird, stets zwischen Ausbruch und Ruhe pendelt und dennoch von einem sensationellen Gespür für Melodie zusammengehalten wird. Da muss man erst mal folgen können. Damit man es dabei nicht ganz so schwer hat, spendiert die Band glücklicherweise auch ein paar schlichtere Prachtstücke. Allen voran das unwiderstehliche "Dandelion", das geradezu eingängig voran prescht und doch keine Sekunde langweilig wirkt. Kompromisslos geht dieses Album nach vorne und bewahrt sich dabei doch seine clevere Hintersinnigkeit, um nicht in stumpfes Geknüppel abzudriften.

Und wenn es sein muss, wird die ganze Chose eben kurzerhand entschleunigt. Mit dem atmosphärischen Interlude "Daydreamer" etwa. Oder mit einem famosen Song wie "Newspaper sky". Ein Stück, das kurzzeitig vermuten lässt, auf einer Postrock-Platte gelandet zu sein. Behutsam schlichten die Goodtime Boys diesen Monolithen auf, Schicht um Schicht lassen sie ein unglaublich kraftvolles Stück entstehen. Und wenn ganz zum Schluss "Downpour" mit Nachdruck den Vorhang schließt, hat man schon völlig vergessen, dass es sich hier technisch um ein Debütalbum handelt. Schließlich klingt das alles, als ob diese Band schon immer da gewesen wäre. Das kann man ihnen eigentlich kaum hoch genug anrechnen. Und die Hardcore-Hörer haben schon wieder ein neues Highlight. Diese Glückspilze.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Wallflower
  • Dandelion
  • Newspaper sky
  • Downpour

Tracklist

  1. Washout
  2. Wallflower
  3. Doubt
  4. Life Moves
  5. Dandelion
  6. Hypocrisy
  7. Cloudbursts
  8. Moral Decay
  9. Daydreamer
  10. Folsom
  11. Newspaper Sky
  12. Downpour

Gesamtspielzeit: 32:59 min.

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