Bonaparte - Bonaparte

Bonaparte- Bonaparte

Warner
VÖ: 30.05.2014

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ein Geständnis

Hohes Gericht, verehrte Geschworene, ich bekenne mich in allen Punkten der Anklage schuldig. Ja, ich war ein Fan dieser wirren Zirkustruppe, die auf den Namen Bonaparte hört. Es stimmt, ich hatte die vielen Warnungen ignoriert. Richtig, auf dem Berlin Festival 2012 schleppte ich die ganze Clique zum Auftritt dieser bandgewordenen Hippiekommune. Ich zappelte, mein Umfeld gähnte. Ich versuchte meine männlichen Begleiter zumindest für die vielen nackten Brüste auf der Bühne zu begeistern – vergeblich. Als ich im Jahresverlauf 2013 probierte die Kollegen Depner und Holtmann für die multinationale Kombo zu begeistern, erntete ich blankes Entsetzen: Holtmann führte aus, weshalb Bonaparte für ihn "eine typische 3/10-Band" sei. Wahrlich, ich habe all diese Signale überhört, habe sie überhören wollen, erinnerte ich mich doch an diese beiden Shows, als ich nach Konzertende mein durchfeiertes Shirt auswringen musste. Euer Ehren, Sie müssen es mir nachsehen, mein linksalternatives Herz hatte immer schon einen Hang zur Bohéme, ich habe die Maskerade nicht durchschaut. Das vierte, selbstbetitelte Bonaparte-Studioalbum hat mir nunmehr die Augen geöffnet.

Auf den beiden ersten Platten, "Too much" und "My horse likes you", ließen Bonaparte bisweilen ja nun doch einige kritische Ansätze aufblitzen: "Anti anti", diese Nihilistenhymne im Indie-Schlafrock, oder auch das konsumanprangernde "Boycott everything" waren Songs in faszinierender Manier, gesponnen im Spannungsfeld von Aufbegehren, Weltschmerz und dem unbändigen Willen alles Schlechte in der Welt wegzufeiern, ohne dabei auch nur im Geringsten eine Verwechslungsgefahr mit den Atzen einzugehen. Auf "Bonaparte" hat die Truppe um Frontmann Tobias Jundt, dem selbsternannten Kaiser des Rock 'n' Roll, diesen besonderen Drive verloren. Während Jundt mehr und mehr in den Vordergrund tritt und dieses vierte Album zum ersten Mal auf einem Major Label veröffentlicht wird, schwindet die Energie, die Bonaparte einst auszeichnete. Die zwölf aktuellen Titel bringen, bis auf wenige Ausnahmen, eine ungewohnte Lieblosigkeit mit sich.

Da ist dieses "I wanna sue someone", welches zu gezielt den Singalong sucht und dabei den Sinn und Zweck des großen Ganzen aus den Augen verliert. Ein partyfizierter Bluesrock-Song voller Inhaltsleere, die in diesem Falle nicht ein mal satirisch zu interpretieren ist. "Two Girls" verfolgt das gleiche Schema, wartet im Chorus mit dicken Gitarren und Zappelaufforderungen auf, ist dabei aber wenig wirkungsvoll. Die charakterlose Erstauskopplung "Into the wild" mag eines der ruhigsten dieser berüchtigten Feierbieste sein, aber genau das geht ordentlich in die Hose. Jundts Stimme ist viel zu sehr Angus Young und viel zu wenig Elton John, um einem Song etwas tatsächlich anmutig-balladeskes einzuhauchen. Auch weitere ähnlich geartete Versuche wie "If we lived here" bleiben ein Griff ins Klo. Unsinnig betitelte Tracks wie Titel Marke "May the best sperm win" funktionieren in einer solchen Einfältigkeit auch nicht mehr als Geheimrezept.

Einzig "Me so selfie" sticht wirklich aus der Masse heraus, Jundts Zusammenspiel mit dem kongenialen Tim Fite, einem wahnsinnig witzigen, untersetzen Irren aus NYC, funktioniert blind und nimmt den verwirrenden Selbstporträt-Trend aus den sozialen Medien aufs Korn. Auch das Video dazu macht Spaß. Hohes Gericht, ich schwöre, es ist das einzige Stück, welches mich auf "Bonaparte" begeistern kann. Daher plädiere ich auf mildernde Umstände und hoffe meine Reumütigkeit findet Ihre Beachtung. Sehr geehrte Jury, hochverehrtes Forum, bitte sehen Sie mir meine Verfehlung nach und begnadigen Sie mich.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Me so selfie (feat. Tim Fite)

Tracklist

  1. 1-800
  2. I wanna sue someone
  3. Me so selfie (feat. Tim Fite)
  4. Two girls
  5. Into the wild
  6. Riot in my head
  7. Wash your thighs
  8. Out of control
  9. Yes dear you're right I'm sorry
  10. May the best sperm win
  11. Like an umlaut in English
  12. If we lived here

Gesamtspielzeit: 42:00 min.

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Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2014-06-03 00:49:25 Uhr
Bin ich ja so um 2011 ziemlich drauf abgegangen, lässt mich heute aber auch recht kalt.
Würde das Projektin seinen Ursprüngen auch nicht so sehr als Musikgruppe im eigentlichen Sinne sehen, was nichts daran ändert, dass Bonaparte 2014 einfach durch ist. Der Versuch Jundts nun ein recht konventionelles Album rauszuhauen, widerstrebt zusätzlich der ursprünglichen Haltung.

Langweilig.
Fred vom Jupiter
2014-06-02 16:27:55 Uhr
Komische, völlig überbewertete Theatertruppe für Hamburger Hipster, die schon keine mehr sind.

The MACHINA of God

Postings: 16413

Registriert seit 07.06.2013

2014-06-02 16:26:39 Uhr
also so ähnlich wie arcade fire seit "reflektor"?:)

Finde sie grad seit "Reflektor" wieder gut. "Suburbs" langweilte mich sehr.

Achim

Postings: 6289

Registriert seit 13.06.2013

2014-06-02 11:35:31 Uhr
Hauptsache weirde Kostüme, da kann der Rest gern belanglos sein. Pff.

also so ähnlich wie arcade fire seit "reflektor"?:)

Achim.

Frank Shankly

Postings: 374

Registriert seit 26.10.2013

2014-06-02 11:27:48 Uhr
Dito, Rezension trifft es super.
Der einstige Hype beruhte auf den wenigen guten Protest-Songs.
Hab die Band damals durch den Film "13 Semester" entdeckt, "Anti Anti" gehörte da zum Soundtrack.
Das entsprechende Bonaparte-Album konnte die entstandenen Erwartungen schon nicht erfüllen, seitdem wird es immer belangloser.
Für mich abzubuchen als "One-Hit-Wonder"
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