The Roots - ... and then you shoot your cousin

The Roots- ... and then you shoot your cousin

Def Jam / Universal
VÖ: 16.05.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zweidritteltrilogie?

"Fortsetzung folgt" – meist verheißt genau diese Ankündigung nichts Gutes. Das Anknüpfen an Erfolgsmaterial vergangener Tage ist einer der folgenschwersten Stolpersteine im Medienbetrieb. Im Kino gleichermaßen wie im Musik-Business, die Beispiele sind zahllos. Als The Roots im Vorfeld der Veröffentlichung ihres aktuellen Albums "... and then you shoot your cousin" bekannt gaben, dass der neue Langspieler das Konzept des grandiosen "Undun" fortführen sollte, blieb ein Aufschrei allerdings aus. Wieso denn auch? Schließlich sind diese Typen mit allen Wassern gewaschen, es wird bereits ihr elftes Studioalbum sein und das Coolness-Thermometer steht weiterhin jederzeit auf Anschlag, wenn die Truppe bei Jimmy Fallons "Tonight show" durch den Abend führt. Und tatsächlich: Auch auf der neuen Platte agiert die Kombo aus Philadelphia immer noch tight wie Sau.

Elf Tracks berichten in einer guten halben Stunde von verschiedenen Figuren und Charakteren, die da aufwachsen und sich dort bewegen, wo man sich nachts besser nicht auf die Straße trauen sollte. In der Erstauskopplung "When the people cheer (feat. Modesty Lycan & Greg Porn)" leitet eine Spieluhrmelodie durchs Geschehen, berichtet von der Ängstlichkeit des inneren Kindes. Modesty Lycan übernimmt die Hook und philosophiert in unverdorben-juveniler Tonlage über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit: "I live in a trap where things go crack / ... / Everybody acts like God is all that / ... / Nobody wins but nobody cares / ... / They just want blood when the people cheer". "The devil (performed by Mary Lou Williams)" nimmt ebenso Bezug auf Glaube und Irrglaube, im Choral, in dunkler Kulisse, während "Understand (feat.Dice Raw & Greg Porn)" das Thema in fröhlicherer Art und Weise angeht. Mit Kirchenorgel und Gospel-Handclaps erklärt Dice Raw zunächst "People ask for God, 'till the day he comes / See God's face – turn around and run." Es geht nicht darum, errettet zu werden, sondern darum, etwas aus seinem Leben zu machen. "I pray, I pray, all thoughts go to Heaven / Or to a new hell with a Wi-Fi connection / So I can pay for my sins on PayPal / Or own a holy ghost, a greyhound", fügt Greg Porn schließlich sarkastisch hinzu. Das Wesentliche gerät aus dem Fokus der Menschen, will er sagen.

Im einminütigen Instrumental "Dies irae (performed by Michel Chion)" (Latein für "Tag des Zorns") ist der Exitus erreicht: Sirene, Lasergeschosse, Geschrei und ein offenbar verwirrter Greis am Radioregler künden von der Apokalypse. Das Stück leitet das folgende "The coming (feat. Mercedes Martinez)" großartig ein: Im Vakuum erschallt ein zunächst hoffnungsfrohes Piano, Mercedes Martinez berichtet von der bevorstehenden Wiederkunft des Heilands. Doch alles kommt anders, zur Mitte des Tracks kollabieren die physikalischen Gesetze, der Boden wird zur Decke, es gibt kein Oben und kein Unten mehr, die Sängerin berichtet vom Gekeife aus dem Äther, infernale Geigen heißen das Jüngste Gericht willkommen. Mit "The dark (Trinity)" schließt sich ein weiterer angsterfüllter Track an, zum Abschluss geben sich The Roots dennoch freudvoll, "Tomorrow (feat. Raheem Devaughn)" sieht es ganz pragmatisch: "Cause nobody can last forever / Everybody has to die", das heißt aber noch lange nicht, dass man sich direkt ins Grab legen sollte. Mit "I say it's free to be yourself / ... / It costs nothing, to help sometimes", erklärt Raheem DeVaughn das Miteinander zum höchsten Kriterium der Lebensqualität.

Na, wer sagt's denn? Das hat doch ziemlich gut geklappt! "... and then you shoot your cousin" steht dem Meisterwerk "Undun" in nichts nach, erweitert höchstens noch den – ohnehin schon schier unendlichen – musikalischen Spielraum von The Roots. Das Konzept der Platte, der Blick auf das Einzelschicksal und die Verknüpfung desselbigen mit dem allgemeinen Seelenheil, geht auch drei Jahre nach der letzten Veröffentlichung auf. Mehr noch: Die Quelle der Thematik wird niemals versiegen, solange soziale Ungerechtigkeit Alltag bleibt. Bei sich weiterhin öffnender Gesellschaftsschere bleibt die Weltsicht des Schwachen das Maß aller Dinge, wenn sich etwas verändern soll. Wie wäre es also mit einer konzeptuellen Trilogie? Es wäre hinsichtlich der Aktualität von "... and then you shoot your cousin" geradezu angemessen. Fortsetzung folgt? Ja, gerne!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • When the people cheer (feat. Modesty Lycan & Greg Porn)
  • Understand (feat.Dice Raw & Greg Porn)
  • The coming (feat. Mercedes Martinez)
  • Tomorrow (feat. Raheem Devaughn)

Tracklist

  1. Theme from middle of the night (performed by Nina Simone)
  2. Never (feat. Patty Crash)
  3. When the people cheer (feat. Modesty Lycan & Greg Porn)
  4. The devil (performed by Mary Lou Williams)
  5. Black rock (feat. Dice Raw)
  6. Understand (feat.Dice Raw & Greg Porn)
  7. Dies irae (performed by Michel Chion)
  8. The coming (feat. Mercedes Martinez)
  9. The dark (Trinity) (feat. Dice Raw)
  10. The unraveling (feat. Raheem Devaughn)
  11. Tomorrow (feat. Raheem Devaughn)

Gesamtspielzeit: 33:22 min.

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