Mile Me Deaf - Holography

Mile Me Deaf- Holography

Siluh / Cargo
VÖ: 02.05.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Gretchenfrage

Wie hast Du's mit der Realität, Wolfgang? "Langweilt mich!" Die Realität? Schwieriger Begriff, wissen wir doch alle. Für Wolfgang Möstl, dem Kopf von Mile Me Deaf, scheint sie zu glatt, zu vorhersehbar zu sein. Nichts mehr, an dem man sich reiben kann, da die Ecken und Kanten lieber glatt geschliffen werden und Mensch zum schlängelnden Aal mutiert. Also was tun? Die Flucht antreten, ins Schrille, Bunte, Freche und Grobe. Trash up your life!

Mile Me Deaf sieht der umtriebige Möstl als ein Versuchsfeld an, um seine hirnverbrannten Ideen, die bei anderen Projekten nicht zünden, ausleben zu können. Dass sich dies nicht nur auf den musikalischen Output, sondern auch auf Artwork und Inhalt bezieht, wird schnell deutlich. Das Cover ist ein Schnappschuss der wohl legendärsten Party, die niemals stattgefunden hat. Die (un)coolsten Typen der 90er sind vertreten und feiern sich, den Kitsch und "Holography", das zweite Album der Österreicher. Geboten wird unfrisierter Lo-Fi-Krach, irgendwo zwischen Noise, Pop und Shoegaze, mit einem Gefühl für kratzige und besonders eingängige Melodien.

Homeswinger-Gitarre und Kuhglocke eröffnen die Party. Hundeikone Lassie und Yeti-Kenner Reinhold Messner schaukeln und zupfen sich gegenseitig an ihren langen Haaren. Wayne Campbell beobachtet dies voller Freude und beginnt die Luftgitarre zu schwingen. Mit dieser Ausgelassenheit startet "Shiver". Möstls Organ reibt sich an den Gitarrensaiten, um den unnötigen Frequenz-Ballast abzuschleifen und Wärme entstehen zu lassen. Nun ist's kuschelig, die ersten Hemmungen sind gelöst und "Artificial" bittet die Gäste mit Country-Feeling und shoegaziger Schwermut zum gediegenen Tanz. Ausflippen verboten.

Bei "Macrosleep" verzaubern Mile Me Deaf mit zum Krach prädestinierten, aber in süßer Leichtigkeit mündenden Sounds. Und so funkelt bei "Gold kid" ein klingeltonähnlicher Synthesizer, während Möstl bei "War bonding" mit behutsamer Stimme skurrile Liebesgeschichten gedeihen lässt. Wie jede gute Party hat aber auch "Holography" seinen ausrastenden Moment. "Cryptic boredom rites" entlädt den zuvor noch zurückgehaltenen Krach. Noisige Gitarren spielen verrückt, wetteifern mit den Drums um die Chaos-Krone und gehen schlussendlich als klarer Punktsieger hervor. Ausflippen erwünscht.

"Holography" klingt verwaschen und unscharf. Das ist natürlich gewollt. Die Ecken und Kanten sollen erhalten bleiben, die Authentizität gegenüber der verkopften Perfektion verteidigt werden. Dies gelingt dank Melodien, die zwar in den Gehörgang kraxeln, das Trommelfell schlussendlich jedoch feinfühlig streicheln. Von der Trash-Zeitschrift VICE wurde "Holography" bereits jetzt als Album mit dem schlimmsten Cover des Jahres ausgezeichnet. Größere Ehrerbietung kann es wohl nicht geben.

(Alexander Klett)

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Highlights

  • Shiver
  • Artificial
  • Macrosleep
  • War bonding

Tracklist

  1. Shiver
  2. Artificial
  3. Macrosleep
  4. Science fiction 1998
  5. Out of breath at ego death
  6. Domestics
  7. Motor down
  8. Gold kid
  9. War bonding
  10. True blood
  11. Cryptic boredom
  12. Third from the sun

Gesamtspielzeit: 43:37 min.

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