Sivert Höyem - Endless love

Sivert Höyem- Endless love

Hektor Grammofon / Rough Trade
VÖ: 30.05.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mikrosivert

Europa bietet ungeahnte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Zum Beispiel kann man die Plastikabfälle sämtlicher Industrienationen ehrenamtlich aus dem Meer fischen und sich dabei eingehend über die geistige Kurzarbeit der jeweiligen Entsorger echauffieren. Alternativ produziert man zur Ablenkung ähnlich synthetischen Unterhaltungsbrei mit austauschbaren Wackeldackeln und nennt das Ganze kühn "Eurovision Song Contest". Die von frühester Kindheit an Polymer-Spielzeug und Industriefraß gewöhnte Kundschaft wird sich schon damit zufrieden geben. Andernorts macht der integre Sivert Höyem derweil ruhigen Gewissens ein neues Album, das sehr wahrscheinlich komplett an all diesen Knallchargen vorübergehen, aber sicher nicht als Sondermüll enden wird. Für Plattentests.de also der triftigste aller Gründe, hier genauer hinzuhören. Immerhin war Höyem als sonore Stimme Madrugadas über viele Jahre hinweg eine Galionsfigur der skandinavischen Musiklandschaft – vielleicht sogar mehr als das.

Im Jahr 2007 warf der Tod seinen Schatten erstmals auf Höyems bis dahin unbeschwerte Laufbahn als Musiker und nahm ihm den Freund, Gitarristen und Songschreiber. Seither liegen sämtliche Zukunftspläne der gemeinsamen Band im Kühlfach. Zu Beginn dieses Jahres ist sein Manager und bisheriger Karrierehelfer nun ebenfalls den finalen Weg über den Styx gegangen. Gerade, als man für die Arbeiten an "Endless love" zu den symbolischen Trockentüchern greifen wollte. Was der Norweger allerdings nicht als Anlass für Rückzug und Selbstmitleid verstanden hat, sondern als dringliches Memento, jetzt bloß nicht aufzugeben. Schließlich weiß er selbst ebenso wenig, wie viel Lebenszeit ihm letztendlich für sein Wirken bleibt. Und womit kann man all dem Gram schließlich noch am ehesten begegnen? Richtig, mit der stärksten Waffe des Menschen: der Liebe.

Somit stellt "Endless love" zugleich Widmung und Leitmotiv der Platte dar. Natürlich im nordischsten Sinne, also unter archetypischem Lichtausschluss und von sachter Unterkühlung bestimmt. Wahrscheinlich eben die Form von Sinnlichkeit, die man bei dauerhaften Minustemperaturen überhaupt empfinden kann. Die Biographie Höyems führt mit Ende 30 als windelfrischer Vater obendrein in eine bescheidenere Richtung, als es die ungezählten Etappen zwischen Tourbus und Studiotür lange vermuten ließen. Wo einstmals ganze Hallen vor Verzückung brannten, reicht jetzt ein einzelnes Lagerfeuer, um sich am eigenen Erleben zu erwärmen: "Free as a bird / Chained to the sky" - der Erretter hat sich von seinen Fesseln befreit und den Prunk des Vorgängers endgültig ins Meer gekippt. Stattdessen gibt er sich lieber handzahm und zeigt uns voller Stolz sein eigenes Stück Himmel.

Der Ernst des Lebens hat diesen Künstler folglich zwar einholen, aber keineswegs unter sich begraben können. So tritt das Album sämtlichen Altersbeschwerden gleich zu Beginn mit einer aufrechten Drum-Maschine entgegen und erinnert in vielen Takten weiterhin sehr an die dunkle Eloquenz von Madrugada. Nur, dass deren aufmüpfigen, bisweilen psychedelischen Rockmuster einer reiferen und unaufgeregteren Güte weichen mussten, die ihre Ausbrüche eher über gospelartig jubilierende Chöre und verschämte Orgeln wie im tränendrüsigen "Handsome savior" oder dem nachdenklichen "At our evening table" generiert werden. Die Anflüge von Country oder Americana, die Höyem insbesondere während seiner Zeit mit den Volunteers ausleben konnte, zeigen sich beim verschmusten "Ride on sisters" nur mehr als geisterhafte Schemen am Horizont, die schnell verblassen. Der beziehungsdramatische Höhepunkt namens "Görlitzer Park", er beschwört hingegen exakt den skandinavischen Soul, den Kollege Ding bereits vor vier Jahren korrekt diagnostizierte und der nun endgültig seiner wahren Bestimmung zugeführt wird.

Wenn sich eines über Höyems Schaffen sagen lässt, dann, dass der Mann schon lange nach der richtigen Abstimmung zwischen lieblicher Melancholie und anrührender Instrumentierung sucht, die er mit dem neuen Album endlich gefunden zu haben scheint. Selbst wenn die Veränderungen oft in winzigen Messbereichen liegen: Niemand sonst interpretiert den Borealen-Blues so einschmeichelnd und bezaubernd wie er. Ein Nordlicht, das in alle Richtungen strahlt.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • Endless love
  • Görlitzer Park
  • Ride on sisters

Tracklist

  1. Endless love
  2. Enigma machine
  3. Handsome savior
  4. Inner vision
  5. Free as a bird / Chained to the sky
  6. Little angel
  7. Wat Tyler
  8. Görlitzer Park
  9. At our evening table
  10. Ride on sisters

Gesamtspielzeit: 44:18 min.

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