Westernhagen - Alphatier

Westernhagen- Alphatier

Kunstflug / Sony
VÖ: 25.04.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Freiheit für Theo

Marius Müller-Westernhagen ist eine deutsche Rockmusiklegende, soviel ist unstrittig. Mit seinen 65 Jahren ist Westernhagen genauso alt wie die Bundesrepublik, in der er schon als Teenager das Rampenlicht suchte, sodass ihm bereits mit Mitte 20 die ersten größeren Erfolge gelangen. Ja, Westernhagen ist ein Stück deutsche Nachkriegskultur. Er ist genauso alt wie das Land, dessen Fernsehpublikum er als Theo begeisterte und dessen Stadien er schließlich füllte, mit dem ihn eine besondere Hassliebe verbindet. Westernhagen hatte so seine Probleme mit der vielen Beachtung, nicht zuletzt die vielen Image- und Kurswechsel seiner Karriere zeugen davon. Irgendwo zwischen Rampensau und Selbstnichtversteher pendelte der Düsseldorfer stets, zeitweise konnte er seinen eigenen Namen nicht mehr hören, erklärt er in einem aktuellen Interview. Mit seiner neuen Platte "Alphatier", seinem 19. Studioalbum, möchte sich der Altrocker nunmehr losmachen von Erwartung und Erfüllung/Nichterfüllung. Eine "Befreiungsplatte" nennt er seine neueste Veröffentlichung also.

Zuletzt war Westernhagen wegen der Trennung von seiner langjährigen Frau Romney Williams in den Medien, derzeit befindet er sich mit seiner neuen Freundin, der 34jährigen Background-Sängerin Lindiwe Suttle auf Clubtour. Nur logisch, dass man daher besonders bei den Tracks "Liebe (Um der Freiheit Willen)", "Verzeih'", "Was ich will bist Du", "Liebeslied", "Halt mich noch einmal" und "Wahre Liebe" besonders die Ohren spitzt. Das hier ist allerdings nicht die Gala und nicht die Bild-Zeitung, daher sollte die schmalspurpsychologische Interpretation der Songs dem Boulevard überlassen werden. Musikalisch macht Westernhagen auf "Alphatier" vor allem sauberen Blues- und Hard-Rock. In "Liebe (Um der Freiheit Willen)" und "Wahre Liebe" aber verfällt der Sound ins ausnahmsweise Balladeske. "Was ich wirklich will bist Du", ist ein zackiger Bluessong mit Stakkatogebrabbel und einigen "Yeah"-Einwürfen. Dort wird vom gemeinsamen Durchbrennen geträumt: "Lass uns endlich Koffer packen / Auf die Konventionen kacken."

"Hereinspaziert, hereinspaziert" ist wohl der rockigste Song des Albums, eröffnet selbiges mit Gitarrenaufreißer und westernhagenschem Kehlkopfgekrächze. Schönste Stelle hier: "Hereinspaziert, hereinspaziert / Gehirn ist nicht von Nöten / Ich liebe Deine flache Stirn" – Gitarrensolo – Gekeife. Es scheint dem Mittsechziger am liebsten zu sein, man bewertet ihn und seine Musik gar nicht weiter, sondern lässt einfach auf sich herab prasseln, was der Krösus von der Bühne rotzt. Andererseits sucht der Rocker auf seiner Clubtour ja gerade die Nähe zum Publikum – wieder so ein Widerspruch in sich, den Westernhagen da produziert. Im Titelsong "Alphatier", der mit staubigen Gitarrenlines und eingestreuten Pickings daherkommt, wagt der Düsseldorfer einen Erklärungsversuch für das Leben. "Das Leben ist leiden / Das Leben ist Gier / Zu leben heißt sterben", schlüsselt er auf und macht eine klare Ansage zur Lösung des Dilemmas: "Folge mir, ich bin ein Alphatier / Alphatiere können nicht verlieren." Also doch Rampensau.

Westernhagen schwankt auf "Alphatier" zwischen Narzissmus und Devotion, wobei einem Narzissten per Definition ja immer eine Bipolarität zu bescheinigen ist. Wo ist also die Befreiung, die "Alphatier" für Westernhagen bedeuten soll? Wahrscheinlich liegt diese in der Abkehr von der Scham davor ein Freak zu sein, darin den Superheldenanzug, der dem Sänger von der Gesellschaft übergestreift wurde an den Nagel zu hängen. Der Theo von damals, der wollte er schon lange nicht mehr sein, schon kurz nach der Veröffentlichung des Films ächzte er: "Der Theo hängt mir bald zum Hals raus". Nun hat er sich endgültig von den ihm auferlegten Rollenbildern freigemacht und sich so einmal mehr selbst neuerfunden. Seine Musik allerdings hinkt dieser Entwicklung größtenteils hinterher, bringt doch keiner der zwölf Tracks etwas wirklich Innovatives mit sich. Das hat aber auch keiner mehr erwartet.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Hereinspaziert, hereinspaziert
  • Was ich will bist Du

Tracklist

  1. Hereinspaziert, hereinspaziert
  2. Alphatier
  3. Liebe (Um der Freiheit Willen)
  4. Oh, Herr
  5. Clown
  6. Engel, ich weiß...
  7. Verzeih'
  8. Was ich will bist Du
  9. Liebeslied
  10. Keine Macht
  11. Halt mich noch einmal
  12. Wahre Liebe

Gesamtspielzeit: 56:39 min.

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User Beitrag
laut.de
2014-05-01 22:21:34 Uhr
4/5.
Herr D
2014-04-29 16:29:47 Uhr
Album des Jahres!
Das härteste MMW Album ever. Harte Zeiten erfordern harte Musik. Nix für Warmduscher und Weicheier.
MMW nicht schön singt, sondern geil und laut;)

Armin

Postings: 13817

Registriert seit 08.01.2012

2014-04-29 13:55:58 Uhr
Frisch rezensiert! Meinungen?
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