The Menzingers - Rented world

The Menzingers- Rented world

Epitaph / Indigo
VÖ: 18.04.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bei Anruf Punk

Irgendwann während seiner lautesten Tage des letzten Jahres: Jonathan Low muss sich vorgekommen sein, als hätte er das falsche Ticket an der Kasse gelöst. Von links bringen Bratz-Gitarren seinen Schnurrbart zum Vibrieren, die Sufjan Stevens nie in einem Aufnahmestudio losgelassen hätte, von rechts brät ihm das Schlagzeug eins über den Kopfhörer, das The National nie in Lows Studio mitgeschleift hätten und von hinten bohrt sich Low eine kratzige Stimme in die Hörmuscheln, die er von all den Künstlern, mit denen Jonathan Low mittlerweile Platten gemacht hat, noch nie gehört hat. Wo zur Hölle ist er da nur hineingeraten? Und vor allem: Wie zum Kuckuck kommt er da nur wieder raus?

Anfang 2012: The Menzingers veröffentlichen "On the impossible past", die am dramatischsten unter Wert verkaufte Platte in der Geschichte von Plattentests.de: ein Schatzkästchen an gut abgehangenen Punksongs für viele, denen The Gaslight Anthem zu übertrieben melodramatisch geworden sind – und eine Wundertüte aus im Schnitt vier bis fünf Akkorden pro Song für alle, für die nichts zählt als die Musik. Ohne blöden Gesten, ohne Bullshit, nur Sound, Melodie und die Liebe zu beidem. Für alle, die "On the impossible past" trotz der obligatorischen 7/10 in der Rezension und trotz des Hängebusens auf dem Cover die Platte in den Einkaufswagen gewuchtet haben, wurden die folgenden zwei Sommer noch etwas heißer – und die sich ihnen anschließenden Wochen, Monate, Jahre noch ein bisschen farbenfroher.

2013: Mit Mitte Zwanzig sind The Menzingers immer noch keine alten Hasen, aber für "Rented world", das all die Lebensfreude ihres Busen- und Hitwunders "On the impossible past" erst mal schultern muss, legten sie ihre Schwimmärmchen ab, paddelten nach draußen und suchten helfende Hände, wo sie noch nie helfende Hände gesucht hatten: beim dauerbeschnurrbarten Jonathan Low, der sonst eher Americana in den Sattel hilft statt Punkmusik auf Trab zu bringen. Sie klingelten bei ihm durch und riefen – er kam. Es ist vielleicht ein verstecktes Kompliment, aber man hört den Mann kaum. Zum Glück aller Fans von The Menzingers, vielleicht: Die fröhlich knarzenden Akkorde im Auftakt-Stück "I don't wanna be an asshole anymore" machen schrubb-schrubb-schrubb-schrubb, als hätten The Menzingers ihren bisherigen Punkrock-Produzenten nie verlassen. Wenn die Nummer "Bad things" von der Fernweh-Strophe in ihren melancholischen Refrain umschaltet, wäre sie auch auf "On the impossible past" nicht verhaltensauffällig geworden. Das quer durch den Song spazierende Basslick von "Where your heartache exists" wandelt auch Low nicht in Rhythm and Blues um, bloß weil man ihn als einen Spezialisten für traditionelle amerikanische Musik kennt.

Weiter gehen The Menzingers und Low, bis dahin spürbar mittendrin und auch dabei, erst später auf "Rented world". In "Transient love" spielt das Schlagzeug kein Uffda-uffda mehr, die Gitarre hallt wie in einem Badezimmer – oder einem Abwasserkanal zwanzig Meter unter Pennsylvania – und The Menzingers sind vielleicht drei Takte und zwei bisschen Sound davor, Postrock zu spielen. Ansonsten: Die Hitdichte von "On the impossible past" bleibt für The Menzingers hier außer Reichweite. Und auch den Akustik-Rausschmeißer "When you died" lässt Low so stehen, wie er ist: mit Greg Barnett alleine an seinem Griffbrett und seiner Kratzstimme. Noch ein wenig Hall drauf vielleicht, das wars. Aber meist müssen sich The Menzingers auch bei den Aufnahmen von "Rented world" wie zuhause gefühlt haben, denn all der freundliche Krach in Punksongs wie "The talk" oder "Sentimental physics" bleibt auch auf dieser Platte vom Mann an den Reglern weitestgehend unbegradigt. Apropos: Da ist er jetzt, dieser Jonathan Low. Mitten zwischen den überlebensgroßen Amps, die diese fröhlichen Krachgitarren bei Laune halten. Der Holzboden in den Räumen seines Studios "Miner Street Recordings" ist frisch gewienert, die Strahler der hohen Decke spiegeln sich im Parkett. The Menzingers haben derweil die Aufnahmeräume längst verlassen und feiern in der Kellerlounge ab, in der es Küche, Badezimmer und Schlafquartiere gibt. Low steht aus seinem Ledersessel auf, der Bezug knarzt, wie es nur echtes Leder tut. Dann fährt er sich durch den Schnurres, wischt sich die Schweißperlen von der breiten Stirn. Es war Lows bislang letzter, womöglich sein schwerster Auftrag – geschafft.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Where your heartache exists
  • In remission
  • Sentimental physics

Tracklist

  1. I don't wanna be an asshole anymore
  2. Bad things
  3. Rodent
  4. Where your heartache exists
  5. My friend Kyle
  6. Transient love
  7. The talk
  8. Nothing feels good anymore
  9. Hearts unknown
  10. In remission
  11. Sentimental physics
  12. When you died

Gesamtspielzeit: 39:05 min.

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User Beitrag

Petr

Postings: 65

Registriert seit 14.06.2013

2014-05-13 23:49:34 Uhr
nach ebenfalls gewissen Anpassungsschwierigkeiten gefällt mir die neue Scheibe mittlerweile sehr gut...klar, so gut und tief wie die letzte ist sie wohl nicht und mit "Transient Love" kann ich irgendwie nichts anfangen, aber trotzdem, wunderbare Punk-Rock-Platte mit guten Texten, die man nicht mehr aus dem Ohr bekommt.

haben mir beim "Pirate Satellite" mit am besten gefallen, und auch da hat man gesehen, dass die wirklich das Zeug haben, in unseren Breitengraden die nächsten Gaslight Anthem zu werden, nur schon mit dem gleichberechtigten Doppelgesang... unglaublich wie die abgefeiert wurden, nachdem ich sie letztes Jahr noch vor 50 Leuten in einem besetzten Haus in St.Gallen spielen gesehen habe.. ;)

Armin

Postings: 13815

Registriert seit 08.01.2012

2014-05-12 17:45:14 Uhr
THE MENZINGERS
special guest: THE SMITH STREET BAND & THE HOLY MESS
präsentiert von SLAM & Ox-Fanzine/livegigs.de
MENZINGERS
ON TOUR
09.10.2014 Hamburg Hafenklang

11.10.2014 Berlin Cassiopeia

16.10.2014 Wiesbaden Schlachthof

17.10.2014 Essen Cafe Nova



THE MENZINGERS - VIER WEITERE KONZERTE IM OKTOBER


THE MENZINGERS aus Pennsylvania haben das geschafft, wovon viele andere Punkbands nur träumen können: Seit 2011 sind sie bei Epitah unter Vertrag, einem der renommiertesten Independent-Labels Kaliforniens.

Dort erschien im April dieses Jahres ihr neues Album "Rented World", das sie ihren Fans bereits im Mai beim Monster Bash im München und ihren Auftritten in Hannover und Köln präsentierten. Im Oktober kommt das Quartett für vier weitere Konzerte zurück nach Deutschland.

Mit dabei im Vorprogramm sind THE SMITH STREET BAND und THE HOLY MESS.

Der VVK startet am 14.05.2014 um 10:00 Uhr
Tickets gibt es bei www.ticketmaster.de oder am günstigsten über www.x-why-z.eu
Ralph
2014-04-30 19:12:17 Uhr
Ich kann meine harte Kritik leider bislang noch nicht wirklich revidieren, denn irgendwie habe ich nach ein paar weiteren Durchläufen dann aufgegeben.
Vielleicht war meine Erwartungshaltung nicht nur zu groß, sondern auch ein bisschen an der Sache vorbei.Ich wollte, dass sie noch mehr in Richtung Weakerthans oder auch Lucero gehen. Die Jungs wollten wohl ganz woanders hin. Aber da bin ich leider nicht mehr so richtig daheim. Traurig, passiert aber leider. Das nächste Album werde ich mir natürlich trotzdem wieder gespannt anhören.

eric

Postings: 1950

Registriert seit 14.06.2013

2014-04-29 11:03:53 Uhr
Stimmt schon. Die Melodien sind nicht so euphorisch wie beim Vorgänger; Barnett singt nicht so facettenreich und mitreißend wie auf "On the impossible past" - dennoch hat es gute Songs, die nach und nach wirken. Weiß nicht, was Viele hier gegen "In remission" haben. Für mich auch mit der beste Song. Neben der Hymne "Where your heartache exists" und dem Opener.

Kann die Kritik über mir schon nachvollziehen, aber nun ja, "On the impossible past" ist auch einfach ein Brett, das sich nicht so leicht übertrumpfen lässt.
Ralph
2014-04-23 17:25:42 Uhr
Nach dem ersten Durchgang von einer Enttäuschung zu sprechen, wäre untertrieben. Der Vorgänger war eines der besten, wenn nicht sogar DAS beste Pop-Punk-Album der letzten Jahre. "Rented World" klingt auf den ersten Eindruck wie gänzlich belangloser, gelangweilt runtergespielter By-The-Numbers-Punkrock ohne irgendein Gespür für die großen Melodien, die einen auf OTIP noch förmlich weggespült haben. Das hier ist fast schon schockierend banal. Und auch Greg Barnetts Stimme bleibt über die volle Distanz komplett unter ihren Möglichkeiten.
Ich muss mir das jetzt nochmal anhören - vielleicht reißen es die Texte noch ein bisschen raus. An einen so dermaßenen Reinfall will ich einfach nicht glauben. Sieht aber leider danach aus...
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