Dieter Meier - Out of chaos

Dieter Meier- Out of chaos

Staatsakt / Rough Trade
VÖ: 11.04.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schweizer These

Behauptung des Tages: Dieter Meier ist, getreu eines frühen Theorems von Helge Schneider, ein "alter, faltiger Dauersack mit abgeknickten Haaren", dem in einem lichten Moment mit Mitte 90 letztlich doch wieder aufgegangen ist, dass er früher bereits Drummer in einer Band war. Also hat er sich vor seinem Pflegeheim notgedrungen die Tränensäcke glatt gerieben und drinnen in Greiseseile alles zusammengetrommelt, was den Bandbegriff in seiner Mittagssuppe überhaupt noch buchstabieren konnte oder aber Lautstärke als notwendige Basis zur alltäglichen Verständigung betrachtete. Das stimmt zwar nicht, doch wenn's so wär, dann wär das Leben halb so schwer. Mit diesem stillen Verweis auf Max Goldt geht es also von der geriatrischen Abteilung aus einige Stufen hinunter in die schummerige Bar, an der sich Meier sein allererstes Solowerk nach 35 Jahren Yello zusammengequalmt hat.

Drinks braucht es dazu keine, denn "Out of chaos" ist der schier unerschöpfliche Quell an süffigem Branntweinverschnitt, der so nicht unbedingt zu erwarten war. Meier hat es jedoch geschafft, einen Tross unterschiedlichster Typen von anfänglich zufälligem Tun mit wesentlich mehr Spucke als Geduld letztendlich in eine kompositorische Entität zu verwandeln, die sein krächzendes Lamento tragen kann und seinem väterlichen Flair zu ungeahntem Glanz verhilft. Und das, obwohl er selbst seit jeher mehr Autodidakt denn berufener Sänger gewesen ist und sich nun vornehmlich von Leuten umzingelt sieht, die zu seinen ersten Aufnahmen allerhöchstens als Quark bei Aldi gelegen haben können. Die aber eben Bescheid wissen, wie sie ihre Instrumente zu bedienen haben, gerade in der Summe der einzelnen Teile.

So braucht der beteiligte Berliner Elektroklüngel um Patrick Christensen alias Nackt von den clashenden Krautpunks Warren Suicide, Ben Lauber aus der Liveband zu Sascha Rings Apparat und der als Begründer von Shitkatapult obligate Marco Haas, besser bekannt als T.Raumschmiere, seinen Gerätepark nicht allzu lange zu verkabeln. In Sekundenbruchteilen ist das Klangkollektiv komplett auf Phase geschaltet und Meier instinktiv mittendrin statt nur dabei. Der stark alkoholisierte und schwitzige Feinripp-Tango von "Lazy night" hockt sich ohne Umschweife zum geistigen Saufkumpanen Tom Waits in den Rinnstein, um die aus der Imagination zuprostende Grace Jones bei "Paradise game" ebenfalls mit unter den nächsten Gullideckel zu saufen. Die verkaterte Rechtfertigung "Busy going nowhere" geht am nächsten Morgen folglich mit einigen Sprachschwierigkeiten und den bohrenden Nachfragen eines extrem misstrauischen Synthesizers einher, jedoch keineswegs am Arsch des Publikums vorbei.

Zugleich fällt dieser musikalische Vollrausch bewundernswert detailliert und trotz aller synthetischer Sperenzchen immer noch vorrangig organisch aus. Also keinerlei dröges Gefrickel mit dem Elektronikbaukasten, welches Kollege Boris Blank bei Yello ja für die Massen überhaupt erst begreiflich gemacht hat. Hier hängt der Abendhimmel durchaus voller Geigen und Geklimper, weniger voller Bits und Bytes. Ein Szenario, das Dieter Meier ausgezeichnet zu Gesicht steht und das er spätestens im epochalen "Loveblind" zu einem ungewohnten Gefühlsausbruch nutzt. Der alte Schelm und Lebenskünstler, er darf endlich einmal eine kleine sentimentale Träne ins Knopfloch drücken. Den nächsten Schabernack trägt er dabei schon unweigerlich vor seinem geistigen Auge spazieren. Das ist spätestens nach Genuss von Haifischbar-Exzessen wie dem lallenden "Buffoon" oder dem vor lauter Dada-Einflüssen schon ganz bradykarden Drone-Finale "Schüüffele" Fakt - und keine verquaste Theorie mehr. Oh yeah!

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • Lazy night
  • Loveblind
  • Schüüffele

Tracklist

  1. Lazy night
  2. Paradise game
  3. Busy going nowhere
  4. Night porter
  5. Loveblind
  6. The ritual
  7. Another day
  8. Jimmy
  9. Buffoon
  10. Fat fly
  11. Annabelle
  12. Schüüfele

Gesamtspielzeit: 46:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Philipp Mainländer
2014-04-15 22:48:49 Uhr
Musikalisch ist Dieter Meier mittlerweile ohne substanzielle Relevanz, aber man muss sagen, die argentinischen Rindersteacks (nach der Niedriggarmethode im Beef-Wagen zubereitet) in seinem Restaurant "Ojo de Agua" in Frankfurt sind echt sehr empfehlenswert. Mittlerweile wirkt er ja irre entspannt und saturiert.

Gleich nochmal "Yello live at the Roxy NY" auflegen.

Armin

Postings: 13137

Registriert seit 08.01.2012

2014-04-15 22:38:31 Uhr
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