Marcus Wiebusch - Konfetti

Marcus Wiebusch- Konfetti

Grand Hotel Van Cleef / Indigo
VÖ: 18.04.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Anders als gedacht

Mensch Marcus, Du auch noch? Diese Ich-mach-jetzt-solo-Schose greift in Grand-Hotel-Kreisen ja geradezu um sich. Erst Uhlmann, jetzt mit Wiebusch der zweite Frontmann einer GHvC-Steckenpferdband, The Weakerthans bzw. John K. Samson nun mal ausgenommen. Ach, Sinn und Unsinn des Ganzen zu diskutieren ist so verdammt müßig, die Früher-war-alles-besser-Fraktion hat viel zu selten Recht, das bestätigt allein der Blick in die Politik. Also Marcus, mach das. Den Plattentests.de-Segen hast Du. Urbi et orbi, in Rom und dem Erdreich, in Hamburg, Berlin und sonstwo. Hau raus, Digga! Und was machen die übrig gebliebenen Kettcar-Recken? Erik Langer sagt scherzhaft, er setze auf das Ersparte seiner Frau, Reimer Burstorff sitzt ja weiterhin am verwaltungstechnischen GHvC-Hebel und auch die restlichen Jungs haben sicher ihre Pläne für die Auszeit. Das machen die schon. Jetzt aber volle Konzentration auf "Konfetti".

Was bereits beim erstmaligen Lauschen von Wiebuschs erster Solo-VÖ auffällt, sind die schlimmstenfalls eigenwilligen, bestenfalls unüblichen Instrumentierungen. Der Opener kommt mit Coldplay-Piano daher, "Nur einmal rächen" packt die Fanfarlo-Trompete aus, "Was wir tun werden" hat kurzerhand Uhlmanns Band geliehen. Dieses Geklimper, dieser Tobias-Kuhn-Chor, das kennt man so vom Label-Buddy. "Haters gonna hate" mäandert durch den Synthiehades: "Unendliche Weiten / Die Meute mit Meinung / Ein uralter Hass / In neuer Verkleidung" – Wiebusch widmet sein Augenmerk der gesichtslosen Hassfreiheit im neuen Medium. "Gib diesem Typen Anonymität / ... / Du kriegst das dümmste Arschloch", führt der Hamburger drastisch aus. "Haters gonna hate", ist ein lautes Scheißdrauf für Internetverleumdete, für die Markus Lanze der Nation, die im Gegensatz zum Namensgeber die Kritik nicht verdient haben, für die Teens, die vor lauter Cybermobbing nicht mehr weiterwissen und ein Aufruf an alle: Nehmt Euch nicht so sehr zu Herzen, was ein buchstäblicher Niemand sagt, lasst Euch Eure Andersartigkeit nicht verbieten. Auch "Jede Zeit hat ihre Pest" packt das Thema der Unterschiedlichkeit an.

"Springen" mit seinen Dreampop-Anleihen ist eine weitere Durchhalteparole an den Geächteten: "Da hinten in der Ferne siehst Du Land", singt Wiebusch mutmachend, "Und egal welche Stürme toben / Halt den Kopf oben". "Schwarzes Konfetti" zeichnet eine ähnliche Komposition mit düstererem Einschlag. Wie der Löwe sich brüllend aufbäumt und schließlich als Bettvorleger endet, ist eine der Endzeit-Episoden, die Wiebusch in infernalischem Arrangement aufzeigt. Schließlich aber bleibt der Hoffnungsschimmer auch dann, "Wann die Dunkelheit endet / ... / Und man sich wiederfindet." Es sind so einige Tracks, die auf "Konfetti" herausstechen. Einer aber überstrahlt sie alle: "Der Tag wird kommen". Der Sieben-Minuten-Hammer berichtet vom Werdegang eines homosexuellen Fußballspielers. Der stampfende Beat begleitet den Weg des F-Jugend-Buben zum ersten Profi, dem das Outing gelingt – "Der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben / Durch die Decke schweben / Mit 'nem Toast den hochleben lassen / Auf den ersten, der's packt / Den Mutigsten von allen." Wie Bob Dylans "Hurricane" schafft Wiebusch eine Hymne an die Freiheit und das Leben, setzt dem zu Unrecht Angeklagten ein Denkmal. Der Tag wird kommen und dann heißt es schlicht: "Jeder liebt den, den er will." Der Hamburger, selbst hetero, versetzt sich scharfsinnig in die Lage eines Andersartigen, der von Angst zerfressen nicht zu sich selbst stehen kann, bis es schließlich aus ihm herausplatzt. Wiebusch vergleicht Homophobie und Rassismus offen und treffend, bringt das asozial-unmoralische, reaktionäre Element im Fußball-Zirkus herzzerreißend auf den Punkt.

Mit ...But Alive war Wiebusch einst prägend für die deutsche Punkszene, mit Kettcar erfand er den deutschsprachigen Befindlichkeitsrock, der verliebte Pärchen genau wie schlecht gelaunte, aber im Herzen weiche Ex-Metaller begeistern konnte. Jetzt nähert er sich als Geschichtenerzähler soziogesellschaftlichen Aspekten, die mit weniger Ich-Bezug und Gehts-gut-oder-schlecht-Philosophie punkten, sondern stattdessen im God-Mode aufs Geschehen blicken, sichten, bewerten, ansprechen und erklären. Wiebusch als alter Hase lässt sich nicht lumpen, bleibt ein Herzens-Punk, rüttelt, zuckelt, klappert am rostigen Gestell eingefahrener Strukturen, genau wie am Kettcar-Konstrukt, welches er zumindest zunächst einmal aufs Abstellgleis schickte, vielleicht aber ja auch nur zur notwendigen Inspektion, um es wieder fit zu machen für Kommendes. Wie dem auch sei, manchmal ist es Zeit, etwas Neues zu wagen, ob es nun das stolze Einstehen für die eigene Andersartigkeit im Allgemeinen, ein Outing im sexuellen Sinne oder eben der Bock auf ein Soloprojekt ist. Marcus, alles richtig gemacht!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Der Tag wird kommen
  • Jede Zeit hat ihre Pest
  • Haters gonna hate
  • Schwarzes Konfetti

Tracklist

  1. Off
  2. Der Tag wird kommen
  3. Nur einmal rächen
  4. Jede Zeit hat ihre Pest
  5. Was wir tun werden
  6. Haters gonna hate
  7. Der Fernsehturm liebt den Mond
  8. Das Böse besiegen (Der Exorzismus des David R.)
  9. Wir waren eine Gang
  10. Springen
  11. Schwarzes Konfetti

Gesamtspielzeit: 49:45 min.

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User Beitrag
Quatsch
2015-04-01 11:12:50 Uhr
Das haben schon die Punker von Deichkind gemacht
bbb
2015-03-26 19:16:24 Uhr
Ob er wohl auch mit frei.wild heute beim Echo saufen wird, der Punker?
kann nicht wahr sein
2015-03-22 10:38:52 Uhr
Jetzt auch noch für den Echo nominiert. Kotz. Na ja da gehört er hin. Zu den Helene Fischers, Andreas Bouhrani und Deichkinds dieser Welt.
Völlig überbewertet de Typ
abc
2015-02-04 12:49:57 Uhr
Meine Mama hat sich das angehört und gesagt es hört sich wie Unheilig an. Und Mama hat immer recht.
abc von 12:19
2015-02-04 12:32:42 Uhr
Was jedoch keine Rolle spielt und nur eine Nebelkerze ist, um vom Inhalt des Postings abzulenken. :)))
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