Sohn - Tremors

Sohn- Tremors

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 04.04.2014

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Am Ende der Nacht

Der hat Nerven! Erscheint wie aus dem Nichts, haut der Musikwelt ein Oberbrett von einer EP um die Ohren und lässt die über Nacht formierte Fangemeinde mit Schaum vorm Mund zurück. Sohn hat es geschafft, mit einer Hand voll Tracks die gelangweilte Indie-Electro-R'n'B-Hörerschaft so kollektiv aufhorchen zu lassen, dass die Musik-Blogosphäre ihr nächstes großes Ding quasi auf dem Silbertablett serviert bekam. Dass eine Karriere unter solchen Voraussetzungen gewaltig schiefgehen kann, braucht Sohn niemand zu erklären. Der Mann ist vorsichtig, lässt nur vereinzelt Tracks an die Öffentlichkeit, probt seinen ersten Auftritt wochenlang. Da sollen die hungrigen Fans lieber warten, zu groß ist die Angst zu scheitern. Aber Vorschusslorbeeren hin, Erfolgsdruck her, dieses Debüt ist fantastisch.

Nur wer steckt dahinter? Der Wahl-Wiener mit dem ungooglebaren Namen gibt sich alle Mühe, die eigene Person im Hintergrund zu halten. Seine Promo-Strategie besteht größtenteils aus sorgfältiger Informationszurückhaltung. Abgesehen von einigen verschwommenen Bildern und London als Herkunftsort war lange Zeit überhaupt nichts bekannt. Dass Sohn auch einen bürgerlichen Namen hat, ist inzwischen aber durchgesickert: Toph Taylor heißt der Mann mit der Falsettstimme, der sich am liebsten nächtelang im Studio einsperrt. Für ihn klingt "Tremors" wie der Heimweg nach einer solchen Nacht, dem kalten Sonnenaufgang entgegen.

Kühl und nachdenklich wirkt die Platte tatsächlich, allein schon wegen Sohns packenden, wehmütigen Gesangs. Dazu kommen ausgefallene, häufig verquer-polyrhythmische Beatgebilde und Synthie-Sounds, die im 90er-Dance kaum aufgefallen wären. Zu Zeiten von "James Blake" hätte all das hypebedingt wohl auch den Stempel Post-Dubstep aufgedrückt bekommen, aber das trifft es nur am Rande. Nennt es Sadtronica, nennt es R'n'Beat, was vorne draufsteht, ist so egal wie der Privatmann dahinter. Der Vergleich zu Blake ergibt aber durchaus Sinn. Gerade das Zusammenspiel von Stimme und minimalistischer Begleitung funktioniert hier ähnlich und auch Sohn liebt das Spiel mit Atmosphären und kleinsten Details.

Insgesamt ist "Tremors" aber mehr Pop, der Sound dichter, die Songstrukturen definierter. Und Sohn belässt seine Hauptgesangsstimme fast immer unbearbeitet. Stattdessen schnappt er sich häufig Stimmsamples, wirft Gesangsfetzen wild durcheinander und benutzt sie wie einen Drumcomputer. Darüber liegen Melodien, die wunderbar catchy sind und leicht zu begreifen, niemals aber trivial. Beides findet sich zum Beispiel in "The wheel" wieder, dem Titelstück aus Sohns Debüt-EP und hauptverantwortlich für den ersten Hype vor anderthalb Jahren. Auch "Bloodflows" und "Lessons" hat er schon vor geraumer Zeit veröffentlicht und "Artifice" ging als Album-Teaser Anfang 2014 an den Start. Wer auf Luxusprobleme steht, beschwert sich darüber, "Tremors" böte zu wenig Neues. So gut wie hier alles ineinandergreift, ist das aber Schwachsinn. Dieses Album gehört so und nicht anders.

Und es gehört gehört. Am besten auf guten Boxen, laut, mit freiem Kopf. Die Beben, die der Albumtitel verspricht, wollen gespürt werden. Der Titeltrack macht diesem Credo erwartungsgemäß alle Ehre. Da schlägt nach den ersten zurückhaltend begleiteten Gesangszeilen eine Wand aus Synthesizern aus den Boxen, verflüchtigt sich, baut erneut auf und der letzte Chorus geht durch Mark und Bein. "Tremors" ist wahnsinnig knackig und detailverliebt produziert, macht vieles auch körperlich erfahrbar. Der Songwriter, der Musiker, der Produzent Sohn war vorsichtig, wollte alles richtig machen. Und hat das verdammt noch mal geschafft. Wie so jemand mit den Erwartungen der Musikwelt an ein nächstes Album umzugehen plant, fragen wir ihn lieber nicht. Ist ja auch 'ne blöde Frage. Aber gerade ist wohl ohnehin der falsche Moment für Planung - das Hier und Jetzt ist viel zu schön.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • The wheel
  • Artifice
  • Veto
  • Tremors

Tracklist

  1. Tempest
  2. The wheel
  3. Artifice
  4. Bloodflows
  5. Ransom notes
  6. Paralysed
  7. Fool
  8. Lights
  9. Veto
  10. Lessons
  11. Tremors

Gesamtspielzeit: 41:11 min.

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myx

Postings: 468

Registriert seit 16.10.2016

2016-12-27 19:24:46 Uhr
Heute zum ersten Mal gehört. Habe Freude an dem Album. Nicht zuletzt, weil sich die Lautsprecher (Bässe) mal wieder so richtig austoben dürfen. Eine 8/10 würde ich für diese schöne Elektropop-Scheibe auf alle Fälle vergeben (die 9/10 ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen).

"Conrad", "Rennen" und vor allem "Signal" machen gespannt auf das neue Album, das ja schon bald erscheinen wird (13.1.).

koekoe

Postings: 677

Registriert seit 13.06.2013

2014-05-12 21:40:05 Uhr
Der ist auf 4AD? Oh gott.

Neytiri

Postings: 215

Registriert seit 14.06.2013

2014-05-12 19:17:11 Uhr
starkes Album und Veto ist mit Sicherheit einer der drei besten Songs des bisherigen Jahres
TOCHTER
2014-05-12 17:44:48 Uhr
Richtig beschissener Dreck ist das. Verhält sich zu James Blake oder The Weeknd wie Mumford & Sons zu Grizzly Bear. Was ist nur aus 4AD geworden?
jetzt erst entdeckt
2014-05-12 17:40:48 Uhr
gleicher artist:
http://www.plattentests.de/rezi.php?show=5696
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