Andreas Kümmert - Here I am

Andreas Kümmert- Here I am

TVOG / Universal
VÖ: 04.04.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die nächste Peinlichkeit?

Man soll ja immer vorsichtig sein mit so etwas. Doch es ist durchaus möglich, dass "The Voice of Germany" im vergangenen Oktober ein Stück deutscher Fernsehgeschichte geschrieben hat. Zu später Stunde kam da ein Sänger auf die Bühne, der so gar nicht zum Klischeebild des kommenden Popstars passen wollte. Andreas Kümmert, ein unscheinbarer und etwas schüchterner Kerl mit Bierbauch, Zauselbart und Halbglatze schmetterte eine inbrünstige Version des Elton-John-Klassikers "Rocket man", die nicht nur binnen Sekunden allen vier Coaches den Kopf verdrehte, sondern in den sozialen Medien für eine amtliche Hysterie sorgte. Tatsächlich holte der schnell zum Geheimfavoriten avancierte Unterfranke mit der mächtigen Stimme später den Sieg. Fast schon nebenbei platzierte sich seine Eigenkomposition "Simple man" auf Platz zwei der Charts.

Das ganz große Castingshow-Märchen also? Natürlich nicht. Kümmert war ja kein Anfänger, dessen Talent bei "The Voice" zufällig entdeckt wurde, sondern verdiente sich schon seit vielen Jahren seine Sporen in Grunge-, Punk- und Bluesbands. 2012 veröffentlichte er mit "The mad hatters neighbour" in Eigenregie ein starkes Bluesrock-Album. Kümmert ist ein gestandener Musiker und das lässt die Erwartungen an sein Major-Debüt "Here I am" sicherlich nicht sinken. Doch zum Glück wird schnell klar, dass Kümmert viel zu geerdet ist, um sich die ganze Popstar-Sache zu Kopf steigen zu lassen.

Auf dem von Justin Stanley produzierten Album denkt der Sänger nicht mal eine Sekunde daran, zeitgenössische Konsensmucke im Stile der DSDS-Abfallprodukte zu machen. Stattdessen suhlt er sich wie schon auf seiner Hitsingle in Soul, Pop und Rock aus einer längst vergangenen Ära. Die Sixties-Fixierung dient aber nie als Selbstzweck, vielmehr passt Kümmert der schwingende, euphorische und manchmal tieftraurige Sound jener Zeit wie ein warmer Mantel. Mit klassischen Instrumentierungen und Arrangements werden die ganz großen Gefühle besungen. Im Mittelpunkt steht dabei selbstverständlich das Organ des Protagonisten, das in den besten Momenten des Albums durchaus positiv an Joe Cocker erinnert.

Zwar erweist sich die Vorabsingle "Just like you" als eher banal, zwar verliert das Album in der Mitte kurzzeitig an Schwung, doch Songs wie die sommerliche Mitklatsch-Nummer "Solid gold" oder die schwermütigen Balladen "Faith" und "Avalanche" reißen das Ganze locker wieder heraus. Selbst die obligatorischen Coverversionen gehen in Ordnung: "Jordan" (Rival Sons) bringt Kümmert gefühlvoll herüber und im eigentlich ausgelutschten "To love somebody" steckt angenehm wenig Kitsch. Trotzdem bildet eine alte Komposition Kümmerts den Höhepunkt des Albums: "Sky is calling (Like my daddy said)", das als dreckiges Bluesrock-Brett bereits das Vorgänger-Album eröffnete, stellt auch auf "Here I am" den rauhbeinigsten Moment dar. Hier brüllt Kümmert mit Bläsern und Gitarren um die Wette, dass es eine Freude ist und schlägt dem Hörer direkt im Anschluss ein Schnippchen: als das Album mit dem wunderschönen "Avalanche" besinnlich auszuklingen scheint, wippt mit "Nothing from nothing" plötzlich noch ein Gute-Laune-Tanzbodenfüller daher.

Natürlich ist auch eine vergleichsweise angenehme Sendung wie "The Voice of Germany" in erster Linie eine Castingshow, die man kritisch betrachten darf und sogar muss. Doch selbst der größte Kulturpessimist sollte anerkennen, dass diesmal ein sympathischer und talentierter Musiker mit Leib und Seele gewonnen hat. Kümmert enttäuscht seine mittlerweile zahlreichen Fans auf "Here I am" nicht. Und mag dabei auch keine Musik für die Geschichtsbücher herausspringen, so doch zumindest ein mehr als solides Album, das auch nach Abklingen des Hypes garantiert nicht peinlich klingen wird. Welcher andere Castingshow-Sieger kann das schon von sich behaupten?

(Mark Read)

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Highlights

  • Solid gold
  • Sky is calling (Like my daddy said)
  • Avalanche (I find my way to you)

Tracklist

  1. Here I am
  2. Simple man
  3. Just like you
  4. Solid gold
  5. Faith
  6. For so long
  7. To love somebody (feat. Joy Denalane)
  8. Open eyes
  9. Jordan
  10. Sky is calling (Like my daddy said)
  11. Avalanche (I find my way to you)
  12. Nothing from nothing

Gesamtspielzeit: 45:59 min.

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User Beitrag
Hhhhh
2015-07-04 08:12:20 Uhr
Geht bald auf Tour
Sollte
2015-05-07 19:35:35 Uhr
Sollte mal in die Psychiatrie gehen!
Das Bild-O-Meter der Emotionen
2015-05-07 19:25:16 Uhr
Ihre Reaktion zu diesem Thema

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Wut 406
Staunen 28
Wow 18
Läuft
2015-05-07 19:21:31 Uhr
Gönn dir, Bruder!
fungi v in
2015-05-07 19:04:36 Uhr
Sollte sich mal etwas Ruhe gönnen, der Andreas.
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