Hape Kerkeling - Ich lasse mir das Singen nicht verbieten

Hape Kerkeling- Ich lasse mir das Singen nicht verbieten

Ariola / Sony
VÖ: 04.04.2014

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Nelson lacht

"Demenz erhöht die Zuneigung zur Schlagermusik!": Eine Schlagzeile, die vor einigen Jahren lautes Lachen erzeugte. "Haa-haa!", triumphierten all jene, die schon immer wussten, dass Schunkeln und geistige Umnachtung so eng nebeneinanderstehen wie Cindy & Bert. Dass diese Abschätzung dann auch noch wissenschaftlich belegt wurde: Ein Fest für alle Wächter über Anspruch und Tiefsinn. Wer auf der Welt, der noch bei klarem Verstand ist, braucht schon Textzeilen wie "Im Wagen vor mir fährt ein ..."? "Haa-Haa!": Es ist das Lachen des Nelson. Denn so tumb und missgünstig wie diese mit scharfer Schere mitten aus der Gesellschaft geschnittene Simpsons-Figur, die stets stumpf mit dem Finger auf andere zeigt, ist diese Lesart der Schlagzeile.

Die lässt sich nämlich schlüssig auch gegensätzlich interpretieren: Wenn die musikalische Sozialisation des Durchschnittsdeutschen mit Rolf Zuckowski und seiner Weihnachtsbäckerei beginnt und mit Heino und seinen krautigen Pflanzen endet: Dann muss doch irgendetwas dran sein, an dieser von "Fachleuten" allenfalls milde belächelten musikalischen Gattung. Die, klar, meist aus denselben drei Akkorden besteht und so eingängige wie sinnfreie Textzeilen wie "Ja, ja, so blau, blau, blau blüht ..." in Serie produziert. Hape Kerkeling stellt sich nun mit dem programmatischen Titel "Ich lasse mir das Singen nicht verbieten" offensiv den genannten Vorurteilen entgegen. "Was überall auf dieser Welt / Den Menschen Freude macht / Darüber rümpfen sie doch nur die Nase / Auf das Getue sagen wir / Freunde, nun ist mal genug", lautet die klare Ansage an alle Kritiker im selbstbewusst vom gemeinschaftlichen "Wir" auf das einsame "Ich" umgedichteten Titelsong.

Kerkelings Herangehensweise an seine (abgesehen von Spaßkanonen wie "Hurz" und "Das ganze Leben ist ein Quiz") erste Musikveröffentlichung mag hier und da ein wenig überambitioniert sein: Das Filmorchester Babelsberg begleitet gleich zwei Drittel der Lieder mit all seiner – mitunter erschlagenden – Wucht. Und auch ein intensives Vocal-Coaching mit Jane Comerford (neben Michelle Hunziker, Mary Roos und Kim Fisher auch eine der Duett-Partnerinnen des Barden) kann aus einer auffällig schlechten Singstimme letztlich nicht mehr herausholen als eine, die etwas unauffälliger schlecht klingt. Doch die Auswahl der Stücke und ihre hingebungsvolle Interpretation lässt vermuten, dass es dem Komiker wirklich ernst ist mit seiner Hommage an den Schlager. Denn er wählt vornehmlich solche aus der zweiten Reihe, die ihm selbst am Herzen liegen. Songs wie "Feuer" und "Herzen haben keine Fenster" begleiten den Entertainer nach eigener Auskunft seit Kindertagen. Sie verkaufen jedoch sicherlich weniger Platten als populäre Gassenhauer à la "Ein bisschen Spaß muss sein".

Deshalb wirkt "Ich lasse mir das singen nicht verbieten" durchaus aufrichtig und weniger kommerziell motiviert, als dies im Vorfeld zu vermuten war – weil hier immerhin einer, der in seiner Karriere wirklich alles zu Geld und Gold machte, eine weitere Käuferschicht erschließt. Wer nicht die beiden in dieser Rezension angerissenen Textzeilen vervollständigen kann, der ist vermutlich weder jung noch alt genug, um sich – und sei es mit Hilfe alkoholischer Getränke – auch nur temporär der verstandsbefreiten Freude hingeben zu können. Glückwunsch! Alle anderen dürfen, auch dank Kerkelings grundklugem Beitrag zur Daseinsberechtigung der seichten Unterhaltung, guten Gewissens weiterschunkeln. Denn (um noch einmal den großartigen Text des Titelsongs zu zitieren): "Ein bisschen Schinderassassa und Bums-Faldera / Gehörte doch schon alle Zeit zum Leben." Eben!

(Andreas Beckschäfer)

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Highlights

  • Feuer
  • How do you do
  • Ich lasse mir das Singen nicht verbieten

Tracklist

  1. Feuer
  2. Herzen haben keine Fenster
  3. Und du willst gehen (Porque te vas)
  4. Liebeskummer lohnt sich nicht
  5. Komm ein bisschen mit nach Italien
  6. Schmidtchen Schleicher
  7. Chanson d'amour
  8. Das ganze Leben ist ein Quiz
  9. How do you do
  10. Jetzt geht die Party richtig los
  11. Fahrende Musikanten
  12. Quando, Quando, Quando
  13. Hurz
  14. Ich lasse mir das Singen nicht verbieten
  15. Porque te vas

Gesamtspielzeit: 50:41 min.

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Armin

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