Gallon Drunk - The soul of the hour

Gallon Drunk- The soul of the hour

Clouds Hill / Rough Trade
VÖ: 07.03.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Ausweg zum Schafott

Krach und Schmutz und Staub – beliebt bei Alt und Jung. Andererseits sind der zitierte Säulenheilige des deutschen Indie-Geschrammels und der Brite James Johnston für diesen Gegensatz genaugenommen gar nicht weit genug auseinander: Beide trennen nicht einmal zehn Jahre. Wahrscheinlich kommt es einem bloß länger vor, da Johnston schon seit Ende der Achtziger ganz unten ist mit Garage, Noise-Rock und wüstem Rohkost-Blues – als Frontmann von Gallon Drunk, zeitweiliger Gitarrist von Nick Cave & The Bad Seeds und neuerdings gar bei den Krautrockern Faust oder im Lydia-Lunch-Dreier Big Sexy Noise. Dreck genug gefressen hat der Mann zeit seines Musikerlebens also zweifellos, und es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis alles ausgespuckt ist. "The road gets darker from here", warnte bereits der Vorgänger zu Recht.

Der Abstieg ins Seelenbergwerk war allerdings auch wegen des frühzeitigen Ablebens von Bassist Simon Wring vor drei Jahren vorprogrammiert, und zunächst klingt "The soul of the hour", als trauten sich Gallon Drunk nicht recht wieder nach oben. Der Opener "Before the fire" lässt sich mit improvisiert mäanderndem Piano nebst später dazustoßenden Tröten über neun Minuten Zeit, während Johnstons argwöhnisches Grummeln Schwerverdauliches verheißt – bis das Gekokel ein Ende nimmt und "The dumb room" zu grantigem Pöbelgesang die Keule aus grobschlächtigen Riffs und weit nach vorne gemischten Hauruck-Drums kreisen lässt. Ein schaurig schöner Zimmerkampf in Swamp-Rock, an dessen Ende pulverisierte Möbel stehen.

Und spätestens ab jetzt gibt es sowieso nichts mehr zu verlieren. Johnston sieht das genauso, knurrt missmutig "Why worry when it's too late anyhow / When you know that the time has come and the time is now" und sucht vergeblich "The exit sign". Er wird der einzige sein, der diesem rasant durchdrehenden Bastard aus Country-Swing und verzerrtem Psychobilly zu entfliehen sucht. Sein Organ macht die Verachtung für die Leiden des Daseins auch bei den flirrenden Reverbs und sich hinterrücks hineinwälzenden Bläsern des Titelstücks förmlich mit Händen greifbar – und steht so dem stimmlich ähnlich disponierten Tod Ashley von Cop Shoot Cop respektive Firewater mehr als nur nahe. Auch wenn der sich zumeist über vergleichsweise harmlose Dinge aufzuregen pflegt. Der Glückliche.

Und erst, als man sich an diese furiose Ausweglosigkeit gewöhnt hat, legen Gallon Drunk mit "Dust in the light" plötzlich einen behutsam durchtrommelten Balladenschleicher nach, der sich ausgerechnet der Melodie von Razorlights "Wire to wire" bedient. Droht Erlösung? Nicht doch: Es handelt sich lediglich um eine gottlob vorübergehende Episode. Zumindest im Gallon-Drunk-Sinne. Wie viele schwarze Seelen genau im bösartig schlürfenden Fegefeuer von "The soul of the hour" vergehen, bleibt letztendlich ungewiss – zu wenige sind es aber sicher nicht. Wie vor allem die waghalsigen Bremsmanöver im abschließend noch einmal auf die Tube drückenden Brecher "The speed of fear" nahelegen und dem Hörer nebenbei einen Rat für den Weg zum Schafott mitgeben: Fahr nie schneller, als die Muffe saust. Es ist nämlich dunkel da draußen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • The dumb room
  • The soul of the hour
  • Dust in the light

Tracklist

  1. Before the fire
  2. The dumb room
  3. The exit sign
  4. The soul of the hour
  5. Dust in the light
  6. Over and over
  7. The speed of fear

Gesamtspielzeit: 42:46 min.

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  • Gallon Drunk (8 Beiträge / Letzter am 09.12.2008 - 10:38 Uhr)