Heisskalt - Vom Stehen und Fallen

Heisskalt- Vom Stehen und Fallen

Chimperator / Sony
VÖ: 21.03.2014

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Post-Emo-Hop

Das Jahr ist lang, vergeht wie im Flug. Und doch kehrt ein Problem über die Monate immer wieder: Ob Weihnachten, Geburtstag oder auch der Valentinstag – viel zu spät macht man sich auf, um ein Geschenk für die Lieben zu besorgen. Klar, dabei gibt es doch so viele andere Tage im Jahr, an denen man den Menschen, die man mag, Nettigkeiten entgegenbringen könnte. Wäre auch alles nicht so schwer, wenn man denn überhaupt mal eine Idee hätte! Vielleicht sollte man einfach die Jungs von Heisskalt fragen. Die fallen im Intro ihrer Debütplatte gleich mal mit einer 22-fachen(!) Danksagung durch die Haustür. Ein geballtes Dankeschön an die Künstler ihrer musikalischen Sozialisation, audiovisuell festgehalten. Wer es schafft, tatsächlich alle Reminiszenzen aufzuspüren, den darf das Plattentests.de-Forum einen Tag lang mit Emowitzen hänseln – unmoderiert!

Obwohl noch recht frisch, machten sich Heisskalt in den vergangenen zwei Jahren das Festivalvolk und die sozialen Netzwerke gefügig – und das mit gerade mal sechs veröffentlichten Liedern –, fünf davon auf der EP "Mit Liebe gebraut". Nun also 11 Episoden "Vom Stehen und Fallen", denn die Menschen haben es "Nicht anders gewollt", wie es die erste Auskopplung auf den Punkt bringt. Guter Basslauf, tiefe Gitarren, fette Produktion – sitzt. Auch "Sonne über Wien" schlägt in die Kerbe zwischen Melodie und Druck. Zeitgemäße Rockmusik, irgendwo zwischen Post-Hardcore und dem Massen-Appeal von Kraftklub. Doch Vorsicht: Wer nun etwa auf ihren Hit "Hallo" – immerhin mit mehr als 280.000 Video-Aufrufen versehen – oder etwas Ähnliches hofft, schaut in die Röhre. Wohin also geht der Weg? Vorhersehbar, aber dennoch gut – oder bemüht-kreativ, aber etwas konfus? Für die jungen Musiker eine sicherlich unbewusste Angelegenheit, doch die Band entscheidet sich für Letzteres. Und mischt ihren energischen Sound überraschenderweise mit gewagten, atmosphärischen Elementen aus Post-Rock, Streichern und Casper'schem Sprechgesang. Das funktioniert leider immer dann nicht, wenn Heisskalt ihre Kompositionen zu krampfhaft strahlen lassen wollen, ihre Ideen nicht bündeln können oder die Songs in mächtigere Sphären pressen, als sie es vertragen.

Was dann dabei herauskommt? Spannungsarm Dahinplätscherndes wie "Zweifel", das auch die Todesschreie am Ende nicht mehr retten können. Oder pop-punkige Pennäler-Mucke nach dem Merkel-Motto "Alles gut" und Herzschmerz-Gewinsel wie "Bestehen". Aber häufig gelingt das auch prima. Nämlich immer dann, wenn die Stuttgarter einen Spannungsaufbau hinlegen wie im bahnbrechenden Postpunk-Finale von "So leicht" oder in "Gipfelkreuz", das schon wegen der Chöre eigentlich gar nicht geht – aber trotzdem nachhaltig wirkt. Ebenso "Identitätsstiftend", wo man sich nach 58 Sekunden gar euphorisch bedanken möchte, dass Heisskalt ihr bis dahin schwülstiges Lied im Punk-Galopp niederknüppeln, um hinten raus ihre Message zu positionieren. Eins wäre noch zu klären: Ist "Vom Stehen und Fallen" nun die recht gelungene Neukreation des Genres "Post-Emo-Hop"? Oder manchmal gar zu möchtegern-erwachsen? Fest steht: Trotz der manchmal halbgaren und sprachlich konventionellen Textfragmente frohlockt die Netzgefolgschaft, das Majorlabel hat angebissen und die Tour ist beinahe ausverkauft. Die Rockposter-Boys von Heisskalt gehen vielleicht bald schon durch die Decke. Hoffentlich konservieren sie ihre Energie. Und vielleicht schenkt ihnen das Schicksal ja dann auch irgendeinen, der ihre dicke Wühlkiste an Ideen ein bisschen aufräumen und strukturieren kann.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Nicht anders gewollt
  • So leicht
  • Gipfelkreuz

Tracklist

  1. Das bleibt hier
  2. Nicht anders gewollt
  3. Sonne über Wien
  4. Identitätsstiftend
  5. So leicht
  6. Kaputt
  7. Alles gut
  8. Nicht gewinnen
  9. Gipfelkreuz
  10. Bestehen
  11. Zweifel

Gesamtspielzeit: 46:17 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22033

Registriert seit 07.06.2013

2020-01-23 17:40:05 Uhr
Danke, Machina, für die unterbewusste Weiterempfehlung.

Hey, das freut mich. Tolle Band. Geb dir auf jeden Fall den Nachfolger. Die dazugehörigen Emotionen gibt es auch noch in einer Session. :D

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2309

Registriert seit 14.06.2013

2020-01-23 17:27:37 Uhr
Die erste Platte ist in den Popsongs fast näher bei Kraftklub, die Zweite sogar näher bei Fjørt. CP höre ich da auch nicht, weil letztere eigentlich absolut eigenständig klingen.

Hoschi

Postings: 338

Registriert seit 16.01.2017

2020-01-23 16:51:13 Uhr
Captain Planet ?!
Ernsthaft !?

Krass wie Empfindungen auseinandergehen :)

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7308

Registriert seit 23.07.2014

2020-01-23 07:49:40 Uhr
Ja, die Parallelen höre ich auch nicht unbedingt.

Autotomate

Postings: 2182

Registriert seit 25.10.2014

2020-01-23 07:47:12 Uhr
Mag die Band auch – Captain Planet als Vergleich finde ich aber irgendwie unpassend.
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