Brace/Choir - Turning on your double

Brace/Choir- Turning on your double

Tapete / Indigo
VÖ: 21.02.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Aufgewühlt

Es gibt Bands, da fragt man sich, wie die teilweise über Jahre als Gemeinschaft funktionieren. Denen man anmerkt, dass sich jedes Mitglied für den geilsten Hengst im Stall hält. Denen man bei Interviews kaum zuhören kann, weil die Spitzen, die sie untereinander austeilen, schon für Außenstehende zu viel des Guten sind. Bands, nach deren nicht gerade überraschender Auflösung im Streit mehrere Memoiren eine andere Sichtweise der Dinge präsentieren. Und dann gibt es eben auch noch eine kleine Formation namens Brace/Choir, die aus drei US-Amerikanern und einem Deutschen besteht und in der Gleichberechtigung nicht nur in riesengroßen Lettern geschrieben, sondern auch entsprechend gelebt wird. Die Instrumente tauschen die Mitglieder untereinander aus, Songs werden nicht für den Einzelnen, sondern für alle geschrieben.

Nach ihrer selbstbetitelten EP aus dem Jahr 2010 erscheint nun mit "Turning on your double" ein Album, dem man dank seiner schwebenden Leichtigkeit kaum anmerkt, dass daran zwei Jahre gearbeitet wurde. Doch der Schein trügt: Die acht Stücke, die irgendwo zwischen Avantgarde-Pop, Trance-Rock und Psychedelic-Folk angesiedelt sind, behandeln sich vorrangig mit schweren psychischen Problemen, quasi Geisteskrankheiten, die sich nicht nur auf die persönliche Existenz beschränken, sondern auch im sozialen und sogar politischen Umfeld für Aufruhr sorgen. Drogenmissbrauch, körperliche Gewalt, sogar sexuelle Abnormitäten - "Turning on your double" ist sicher nicht der passende Soundtrack für Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag. Ausgedrückt wird das nicht ausschließlich über die Texte, sondern auch durch die stellenweise (alb-)traumwandlerische und wabernde Art, wie Brace/Choir die Songs aufgebaut haben. "Enemy's friend" etwa klingt nach einem LSD-gesteuerten Trip in die Hölle, dessen schwermütiger Abgang gleich doppelt so lang zu sein scheint, wie die Spielzeit glauben lassen will.

Das messerscharfe "Coil" erinnert an die Alternative-Rock-Versuche von Bands wie The Jesus And Mary Chain oder auch Ride, wohingegen ausgerechnet der Opener "Biond" zunächst auf eine falsche Fährte führt: Zwar versuchen sich Brace/Choir hier an angenehm poppigen Spielereien, wie man sie auch schon von Yo La Tengo gehört hat, offenbaren dem Hörer aber jedoch noch nicht wirklich, worauf er sich in den kommenden 50 Minuten einlassen wird. Womöglich ist aber genau das gewollt, ebenso wie das scheinbar von Störgeräuschen durchzogene und nicht nur deshalb äußerst bockige "Fallmen", das sich mit der Jagd und der letztendlichen Tötung von Osama Bin Laden beschäftigt. Noch nicht aufgewühlt genug? Dann hilft nur noch der Abschlusssong "1 is 2", dessen vermeintlich romantische Liebesgeschichte sich stückchenweise als unheimliche Stalker-Ballade entpuppt, nach welcher man das Bedürfnis hat, die Fenster in der Wohnung zu überprüfen. Zum Glück sind sie längst geschlossen. Aber ist der wahre Horror nicht schon längst drin?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Biond
  • Five fingered leaf
  • Coil

Tracklist

  1. Biond
  2. Five fingered leaf
  3. Enemy's friend
  4. Fallmen
  5. Be let down
  6. Coil
  7. Satisfier
  8. 1 is 2

Gesamtspielzeit: 50:02 min.