Tante Polly - Macht hitzefrei

Tante Polly- Macht hitzefrei

billboardmcS / Membran
VÖ: 28.02.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Klimaschefski

Uwe Klimaschefski war im Fußball früher meister Zweitligatrainer, insbesondere des ominösen FC Homburg, aber als Trainer niemals Meister. Doch die Zeiten wandeln sich, das Klima und Uwes früher meist angesäuerte Visage auch. Denn Benno Möhlmann hat ihn längst als meister Trainer überholt - und die allseits unbekannten Tante Polly aus der bald meisten Fußball-Zweitligastadt Hamburg machen auf ihrem erstaunlich zweiten Album meistens Pause von all der Erderwärmung. Wer all die Anspielungen und meisten Nicht-Fehler in diesem ersten Absatz bemerkt, ja, ihn als solchen überhaupt in seiner erstaunlich komplexen Beschmiertheit begreift, darf jetzt frohen Mutes weiterlesen. Es wird einfacher, nach einer kurzen Pause.

Herzlich willkommen, liebe LeserInnen - zu dieser wunderbaren Schallplattenkritik. Kennt jemand Tante Polly? Nein? Dann wird es die höchste Eisenbahn. Tante Polly sind drei Hamburger Jungs, allesamt charmante Kneipenmusikanten. Und die spielen schmissig bluesige Abriss-Chansons mit swingender Jazz-Goldkante. Verortet irgendwo zwischen der behäbigen Melancholie von Element Of Crime mit ihrem chronisch angesäuerten Mittelfeldmotor Sven Regener, den so gerne gegen den Strich grübelnden Erdmöbel und der leichtfüßigen Ironie eines Stephan Hiss. Verweise auf den morbiden Schlager von Max Raabe oder auf die sich mehrfach schüttelnden Reime einer Judith Holofernes sowie die verbalen Abseits-Fallen eines Funny Van Dannen sind ebenso vernehmbar. Alles klar?

Hier treffen sich demnach bittersüße kleine Lieder in klassischer Pop/Rock-Instrumentierung mit devot anklopfenden Gästen wie dem Herrn Akkordeon, seinem vorlauten Sohn Saxophon oder der Frau Klarinette von nebenan auf ein großes Glas Buttermilch. Die Streicher streichen dazu gemächlich ums Probe-Kabuff, und die meisten Synthesizer müssen wegen des Krachs ganz draußen bleiben. Das Ganze ist so plastisch und erdwarm abgemischt, dass man meint, den Musikern während ihres Tuns über die Schulter hören zu können. Kaum zu glauben, dass ihr nicht weniger griffiges Debüt "Herzkotze" von 2012 an den eigenen Ohren vorbeiflutschen konnte. Dabei ist es weniger der einzelne Song, der herausragt, sondern mehr eine bündige Masse ebensolcher, die die Glücksrakete zündet. Wie im Fußball zählt hier allein die Mannschaft, nicht der Star. Meistens jedenfalls.

Dort, wo früher die Kinder auf der Straße gerauft und gekickt haben, suchen sich Tante Polly ihre Themen - zwischen Altonaer Bahnhof und dem angrenzenden Kiez, mitten aus dem prallen Leben, gerne im Jackett, aber immer mit dem Geschmack des Rinnsteins auf der Zunge und einem dummen Spruch hinterher. Wie sagt ein zum Schluss der Platte zitierter Dichter? "Die besten Ideen hab' ich beim Wichsen, beim Kochen und auf'm Klo". Aber nein, ihre Musik wirkt dennoch nicht burlesk oder gar männerhaft primitiv, sondern vielmehr distinguiert, fein gekleidet und vielschichtig. Man weiß sich auszudrücken, und von der hohen Kunst des Weglassens hat die Band mehr als "schon einmal gehört". Eben deshalb fallen die an dieser Stelle eigentlich fälligen Weglass-Frotzeleien über den Noch-Bundesliga-Club HSV schlicht und ergreifend weg. Ist sicherlich besser für das Stadtklima - und das Timing dieser Rezension.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • Kamerunkai
  • Du bist schön wenn Du nackt bist
  • Nirgendwohingehen
  • Sankt Pauli bei Nacht

Tracklist

  1. Der Reisende
  2. Kamerunkai
  3. Sieben Jahre
  4. Du hast studiert
  5. Du bist schön wenn Du nackt bist
  6. Nirgendwohingehen
  7. Der Zweifel
  8. Hitzefrei
  9. Im Radio liefen CCR
  10. Gib auf
  11. Tanti Polli
  12. Sankt Pauli bei Nacht

Gesamtspielzeit: 47:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Jungejungejunge
2014-02-26 08:22:05 Uhr
Mal reingehört und laut gelacht! Made my day! Unter den Referenzen könnte auch Udo auftauchen, riecht nach Kippen, Bier und Schnappes!

Armin

Postings: 9743

Registriert seit 08.01.2012

2014-02-26 00:00:44 Uhr
Wir eröffnen dann mal wieder lustig ein paar Threads zu frisch rezensierten Alben.

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