WhoMadeWho - Dreams

WhoMadeWho- Dreams

Darup Associates / Indigo
VÖ: 28.02.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Spurrillen

Die dem dänischen Rockforschunginstitut WhoMadeWho gegenüber bislang auf Plattentests.de kolportierte Skepsis bleibt eine nicht vom Bildschirm zu weisende Tatsache. Sicherlich torkelte ihr gleichnamiges Debüt "WhoMadeWho" noch blind und ungestüm durch die zugemüllten Kunstkatakomben New Yorks, doch schon auf "The plot" erhoben sich erste Songs sachte zur Größe der alten Mutter Europa empor. Umso unverständlicher, dass weder das konsequent wuselige Tanzmonstrum "Knee deep" noch die Majestätsbeteuerung "Brighter" mitsamt realitätseintrübender Videoclips wie "Every minute alone" oder "Inside world" hier überhaupt Erwähnung fanden. Deshalb: Asche auf unsere Redaktionshäupter, den mosernden Chef ins Forumsklo weggesperrt und die Butze aus Gründen der Reizüberflutung kurzerhand für eine Woche dichtgemacht. Ausreichend Zeit, die neue Wuchtbrumme namens "Dreams" eingehend von allen Rundungen aus zu befummeln. Lechz!

Sex beiseite. "Dreams" bringt die Körpersäfte ganz ohne bildgebende Aphrodisiaka zum Fließen. Das Trio spart sich lästige Vorspiele und kommt unumwunden zur Sache. Zu einer staksigen Gitarre, die gerade erst das Gehen zu lernen scheint, erheben sich im eröffnenden Titelstück schwelgerischste Flächen und mächtigste Bässe, entnommen natürlich dem alten Kumpel Synthesizer. Gemeinsam beobachten sie gelassen die putzigen Racker aus der Abteilung Schlagzeug/Perkussion, die im Hof herumtollen dürfen. Ja, es muss ein Traum sein, niemals sind das WhoMadeWho! Oh doch, sie sind es. Und sie machen endlich Ernst, respektive gehaltvolle Popmusik - was man beim NME schon 2007 hinlänglich befürchtete. Auch wenn Sänger und Gitarrist Jeppe Kjellberg gleich mal rechts ranfahren muss, um sich ungläubig am Kopf zu kratzen: "I'm on the right track?!" Ja, Mann, das bist Du. Und jetzt gib Gummi.

Vorbei ist es also mit dem "Ey, ich hab' hier schnell 'nen lässigen Dancetrack gebaut, sing mal irgendwas Sinnloses dazu"-Bohei früherer Tage. Da WhoMadeWho an das grenzenlose Wachstum ihrer Fangemeinde glauben, nehmen sie sich selbst mit der Doktrin "Double or die" die höchst bescheidene Wahrnehmungs-Verdoppelung eines jeden neuerlichen Werkes vor. Ob nun gehobene Daumen bei Facebook, getürkte Klicks auf YouTube oder tatsächliche Abverkäufe ihrer gebrauchten Unterhosen, vollkommen wurscht. Schaffe man dieses tolldreiste Vorhaben nicht, sei es innerhalb eines Jahres vorbei mit der Band. Ein Schelm ist, wer sich schnell noch ein Ticket für die kommende Abschiedstournee kaufen geht.

Scherz beiseite: Man darf sich folgerichtig nicht mehr allein auf die "In irgendeinem bräsigen Indie-Club funzt das schon"-Masche verlassen. Tomas Hoffding, Jeppe Kjellberg und Tomas Barfod haben sich also tatsächlich auf den Arsch gesetzt und richtig gute Songs geschrieben. Songs, die bleiben möchten. Songs, die ihnen beim Spielen Freude bereiten und nicht bloß stumpf abgespult werden wie das Backingtape einer Justice-Show. Lieber begegnet man der wilden Zappelwut früherer Tage mit der Gelassenheit des Älterwerdens. Der Tag hat doch keine 96 Stunden und durchgemachte Nächte manifestieren sich eben in den Gesichtszügen. Also wurde kurzerhand eine App geschrieben, die die Vorab-Single "The morning" in die Weckfunktion des eigenen Handys integriert. Der Aufruf, das eigene Erwachen so begleitet abzulichten, war da nur noch Makulatur. Letztendlich wurde dieses Bildmaterial für das offizielle Video zur Verfügung gestellt - virales Marketing 2.0 vom Allerfeinsten.

So fortschrittlich dieser Werbegedanke auch war, so herrlich unmodisch und zeitlos präsentiert sich "Dreams" in seinem Inneren. Sei es die verspulte Friemeligkeit von LCD Soundsystem, das epische Moment bei Gus Gus oder die Intimität von Zoot Woman: WhoMadeWho picken ausschließlich nach den Rosinen populärer Gegenwartsmusik, welche dann in aller Ruhe im Stimmungskessel ziehen können. Morten Harket von A-Ha sitzt derweil still schmunzelnd am Rand und darf umrühren. Hier herrscht keine Eile, keine Angst. Diese Band weiß, dass sie eigentlich längst gewonnen hat.

Und so nimmt die Scheibe mit dem liebreizend-klöppeligen "Another day" oder den einträchtig ineinander geschlagenen Pfauenrädern "Traces" und "Heads above" ihren Lauf, unaufhaltsam wie ein ganzes Bergmassiv. Voller Sehnsucht schmachtet der vertraute Falsettgesang dann wieder in "New beginning" - direkt neben einer stolzen Gitarrenfigur, die das signifikante Pianoloop aus Erdmöbels "Vergnügungslokal mit Weinzwang" zurück ins Gedächtnis bringt. Alles wirkt sehr aufgeräumt, sehr klar. Und trotzdem bleibt im herbstfarbenen "Indian summer" wie auch seinem trauten Sangesbruder "Hiding in darkness" genügend Zeit, hier noch ein winziges Arpeggio und dort eine rhythmische Miniatur einzuflechten. Die Musik der Dänen kann endlich frei atmen und muss nicht mehr krampfhaft nach Luft schnappen.

Dralle Gefühle und behutsam pochende Bässe durchziehen "United", das den wunden Schlusspunkt dieser Reise in die Seele ritzt, ohne dabei unangenehm weh zu tun. Eine traurig lächelnde Herzenswärme durchströmt die gesamte Platte, ungewohnt zwar, aber verdammt nachhallend. WhoMadeWho wollen nicht mehr nur konsumiert und anschließend weggeworfen werden. Nein, sie möchten erobert und geliebt sein, möglichst selbst dann noch, wenn die Rillen ihrer Songs längst zu knistern und zu knacken begonnen haben. Schließlich ist das hier der Soundtrack zu einem etwas größeren Leben.

(Andreas Knöß)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Dreams
  • Another day
  • New beginning
  • Indian summer

Tracklist

  1. Dreams
  2. Right track
  3. The morning
  4. Another day
  5. Traces
  6. Heads above
  7. New beginning
  8. Indian summer
  9. Hiding in darkness
  10. Your better self
  11. United

Gesamtspielzeit: 47:42 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
steff
2015-05-16 07:51:50 Uhr
ember ep! seit 15.05. draußen, ember ist sehr schmissig, der Rest ist mehr elektronisches Allerlei, aber lohnt sich trotzdem irgendwie, dreams Album natürlich oberste Topklasse und bestes Album der Dänen ...

koekoe

Postings: 679

Registriert seit 13.06.2013

2015-05-16 01:44:50 Uhr
Keine Ahnung warum das so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Eines meiner Lieblingsalben des letzten Jahres.


Gibt mittlerweile auch einige gute Remixe davon.

https://soundcloud.com/shantiradio/whomadewho-heads-above-robag-wruhme

koekoe

Postings: 679

Registriert seit 13.06.2013

2014-06-03 14:53:54 Uhr
Klasse Album, gestern erst mitbekommen, es gibt einige richtig gute Songs.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2014-04-13 02:17:50 Uhr
Vollkommen großartiges Konzert heute in Hamburg. In meiner persönlichen Top 5 vielleicht. Lag wohl zum einen am Mojo, der sehr gut geeignet ist und einen tollen Sound hatte, aber eben auch an der Band, die sehr gut drauf war, tolle Stimmung erzeugt und sich nicht auf reines Nachspielen beschränkt hat. Songs sind ineinander übergegangen, mal waren Jam-Parts drin und vom neuen Album war gefühlt alles doppelt so schnell. Ich hab mich schon lang nicht mehr so verausgabt auf einem Konzert.
Thinkman
2014-03-05 11:46:14 Uhr
Die ersten Hördurchgänge sind sehr nett. Allerdings wird die Scheibe zumindest bei mir nicht an "Brighter" rankommen. Da waren so viele Hits und Kracher drauf - unerreichbar. "Dreams" ist eher ruhig und sphärisch, was ja auch nicht verkehrt ist.

Freue mich schon auf das Konzert im April in Köln. :-)
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum