Pascow - Diene der Party

Pascow- Diene der Party

Rookie / Cargo
VÖ: 28.02.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Beschissenheit der Dinge

Liebe Politiker, liebe Wohlhabende in diesem Land, wir wissen auch nicht, woher diese Kritik am Großen und Ganzen eigentlich kommt. Dürfen wir Ihnen dennoch ein paar Statements nach dem Muster "Wie sehen sie das eigentlich?" abverlangen? Ok. Dann mal los. Aufschwung der Rechtspopulisten in Europa und mehr patriotischer Populismus auch in Deutschland? "Ja, ähm, nein. Schauen Sie doch mal nach Frankreich oder Holland, da ist das viel schlimmer!" Armut und wachsende soziale Ungerechtigkeit? "Also, das kann man so nicht sagen! Außerdem: Mir sind keine Fälle bekannt." Missachtung des Grundrechts über den Schutz persönlicher Daten durch die Geheimdienste? "Nicht so wild, und wenn schon – kein anständiger Bürger hat etwas zu verbergen." Wie jetzt? Diskussion schon beendet? Nun gut, wir möchten die Debatte nicht überstrapazieren – denn dafür gibt es schließlich Jauch, Maischberger, Will oder Plasberg. Liebe Hörer, kümmern wir uns lieber um Pascows Beitrag zum schönen S(ch)ein. Die Punkrock-Urgesteine aus dem kleinen Saarland besuchen zwar kaum irgendwelchen pseudo-aufklärerische Talkrunden, aber Seitenhiebe und Denkanstöße verteilen sie auf ihrer fünften Platte "Diene der Party" gleich reihenweise – man muss ihnen nur auf die Schliche kommen.

Sowieso ist schon zu viel Zeit vergangen, seit dieses großartige "Alles muss kaputt sein" wie ein wütender Mähdrescher über das auch damals frisch gesäte Wohlfühlgras der Republik donnerte, und dabei keinen noch so biegsamen Halm verschonte. Doch weil Mutti Merkel heute sagt, "den Menschen geht es gut", und anscheinend doch noch nicht alles kaputt ist, ist man froh, dass sie wieder da sind. Wenig Zuckerbrot, viel Peitsche – das ist nach wie vor das Rezept der vier Krawallbrüder: Schlagstockinferno, klassische Punkrock-Riffs, sich förmlich ins Ohr fräsende Gitarrenrefrains – und dazu die Stimme Alex’, der hier und da keift wie ein wütender, angeschossener Wolf. Und er hat allen Grund zum Jaulen. Zunächst servieren Pascow der meinungs- und orientierungslosen "Merkel Jugend" ihre etwas anderen Beobachtungen auf der zerkratzen Euro-Palette. Alles für die Karriere, alles für den Job? Bitteschön, doch seien Sie sich stets bewusst: "Die Hölle heißt Karriere-und-doch-dabei-sein-Falle." Und wo andere sich selbstverwirklichend ergeben, reißt der zynische Titelsong in Auflehnung die Mauern ein – ein wenig über das Altern, mehr gegen das Schwinden von Einstellung und Haltung: "Es geht voran, zwölf Stunden Schicht, gereizter Magen / Hast Du den Takt gefunden? / Magst Du das Pumpen? / Es schlägt in Dir, doch Dein Herz – das ist es nicht / Und wenn DJs hängen / Dank' ich nicht allein den Smiths."

Klar, manches gehört einfach ignoriert, und auch Alex Pascow mag den "Ekeln aus Tirol" in "Lettre noir" eigentlich keine Plattform bieten, aber die Existenz und vor allem der Erfolg der freien und wilden Deutschtümelei bietet Gelegenheit dazu: "Weil Dummheit dann gefährlich ist / Wenn sie für Dich von Heimat spricht." Auch wenn "Diene der Party" nicht vollends mit der Vehemenz des Vorgängers "Alles muss kaputt sein" um sich schlägt, eignen sich viele dieser Texte abermals, um damit Wände zu beschmieren. Da genügt schon ein Blick auf die Tracklist. Pascow sind und bleiben die Band, für die das Auskotzen über die Scheinheiligkeit, über spießige und doppelmoralische Menschen und über die seelenlose Fassade zwischenmenschlicher Beziehungen keine aufgesetzte Attitüde ist, sondern eine dringend notwendige Herzensangelegenheit. Für ihre Sicht der Dinge braucht es keine von Lowtzowsche Verschrobenheit, für ihre Musik keinen hippen 80s-Retro-Sound – und für ihre Relevanz kein Instagram oder Tumblr. Also, Liebe Hörer dort "Unten am Fluss" und anderswo, heben wir die halbvollen Gläser des Kulturpessimismus und stoßen an! "Ein letztes Hoch auf die Beschissenheit der Dinge!" Denn solange es die gibt, sind Pascow hier noch lange nicht fertig.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Die Realität ist schuld, dass ich so bin
  • Diene der Party
  • Lettre noir
  • Zeit des Erwachens
  • Unten am Fluss

Tracklist

  1. Die Realität ist schuld, dass ich so bin
  2. Im Raumanzug
  3. Diene der Party
  4. Lettre noir
  5. Fliegen
  6. Fluchen und Fauchen
  7. Castle Rock
  8. Verratzt
  9. Zeit des Erwachens
  10. Briefe an Patti Smith
  11. Merkel Jugend
  12. Unten am Fluss
  13. Smells like twen spirit
  14. Zwickau sehen und sterben
  15. Gespenster

Gesamtspielzeit: 35:03 min.

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AVMsterdam

Postings: 115

Registriert seit 13.03.2017

2017-11-09 15:34:35 Uhr
@eric
Der Bekanntheitsgrad im Vergleich zu den wirklich "großen" deutschen Bands, die geistig tausende Mal kleiner sind, meine ich.

Dabei haben Pascow durchaus das Zeug zum Pop-Phänomen, wirklich sperrig ist ihre Musik nicht.

eric

Postings: 1995

Registriert seit 14.06.2013

2017-11-08 21:54:34 Uhr
Ich bin der festen Überzeugung, es wird Ende 2018 sein. :)

Autotomate

Postings: 953

Registriert seit 25.10.2014

2017-11-08 18:04:26 Uhr
Und ich bin schon jetzt auf das neue Album gespannt, das sie nach meinen Berechnungen im Jahre 2023 veröffentlichen werden.

eric

Postings: 1995

Registriert seit 14.06.2013

2017-11-08 12:49:06 Uhr
Ernst gemeint? Zumindest der Bekanntheitsgrad in der Szene ist absolut nicht gering. Konzerte in 500-Mann-Läden sind ohne Plakate/Werbung schnell ausverkauft, Anfang 2017 haben sie den (großen Raum des) Schlachthofs Wiesbaden beinahe ausverkauft, da passen über 2.000 Leute rein.

AVMsterdam

Postings: 115

Registriert seit 13.03.2017

2017-11-08 12:16:00 Uhr
Eine sehr belesene Band, die es schafft, das intellektuelle Niveau von Blumfeld in ihren Texten zu erreichen, ohne auch nur halb so anmaßend zu klingen. Und dabei zwischendurch auch noch emotional sehr berührend und auch wuchtig im Klang. Sind in ihren besten Momenten völlig auf Augenhöhe mit englischen (Post-)Punk-Größen, wie The Sound oder The Replacements.

Traurig unbekannt.
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