The Notwist - Close to the glass

The Notwist- Close to the glass

City Slang / Universal
VÖ: 21.02.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Im Wandel konstant

Mit der gleichen Verlässlichkeit, mit der Sonntag für Sonntag ein Tatort über den abendlichen Bildschirm flackert – es sei denn, wir schreiben ein Polizeiruf-Wochenende –, wiederholen sich alle vier Jahre die Olympischen Spiele oder Welt- und Europa-Meisterschaften im Fußball. Der Mensch ist eben im Innersten ein Gewohnheitstier und genießt die Wiederholung. Die Gewissheit, dass da draußen etwas ist, was immer wieder und wieder und wieder erscheint und zur eigenen Unterhaltung beiträgt, ist zutiefst befriedigend und geriert immer wiederkehrende Vorfreude. Wir brauchen Stetigkeit, Verlässlichkeit, Sicherheit. In dieses Raster passt die Wiederkunft von The Notwist, nach der man auch die Uhr stellen kann. Sechs Jahre dauert es von Album zu Album, was für die Jahre 2009 bis 2013 eher schlecht war, 2014 aber zumindest in diesem Punkt schon mal zu einem speziellen Jahr macht. Menschen, die in pubertärer Sinnsuche ihr sehnsuchtsvolles Kreuz auf dem "Neon golden"-Cover machten, sind mittlerweile Anfang 30 und stehen womöglich sogar schon mit beiden Beinen im Leben! Die Zeit vergeht sowieso, aber um irgendwie das selbsttäuschende Gefühl der Kontrolle über sie zu bewahren, strukturieren wir unser Leben mitunter anhand von Tatorten, Weltmeisterschaften oder The-Notwist-Alben. Je nachdem, welcher Betrachtungszeitraum sinnvoll erscheint. Die Wohnung säubern? Nun, das wäre doch bitte in der Zeit zwischen zwei ARD-Krimis zu erledigen. Haus, Frau, Kind und Baum? Dafür ist vielleicht noch bis zum übernächsten Album der Weilheimer Zeit.

"Close to the glass", das merkt man schnell, sobald die Platte läuft, ist ein weiterer Schritt in der stetigen Wandlung von The Notwist. Begannen die Oberbayern Ende der 80er Jahre noch als schnoddrige, punk-sozialisierte Noise-Rabauken, bewegten sie sich nach und nach in Richtung Indie, wahlweise mit dem Suffix -rock oder -tronica. Zuletzt ließen sie es gemächlich-melancholisch angehen, auf "The devil, you + me" kultivierten sie ihren Sound weiter in Richtung Leisetreterei. Nun erfolgt der vielleicht nicht unbedingt zwingend notwendige Sprung in unterkühlte, mechanisch brummende und zischende Electro-Gefilde, die man mit den kargen Soundlandschaften von Boards Of Canada vergleichen könnte, wäre da nicht Markus Acher, dessen sanfte Stimme stets gegen die im Zickzackkurs zwischen Hymnenhaftigkeit und Postapokalypse oszillierenden Beats von Martin Gretschmann ankämpft.

Die Platte beginnt mit den blinkenden Beats von "Signals", das als langsamer, unheilvoll schwelender Opener die ungefähre Marschrichtung vorgibt. Der repetitive Titelsong wäre in früheren Zeiten durch eine aufspielende Gitarre oder einen hymnischen Refrain erlöst worden, läuft hier und heute aber drei Minuten durch und gibt sich betont eigensinnig, refrainlos, zickig. The Notwist inszenieren sich auf ihrem nunmehr siebten regulären Studioalbum als freigeistiges Electro-Kollektiv, dessen Gedanken in alle Richtung ausschwirren. "Kong" und "Casino" beweisen nämlich auf der anderen Seite, dass die Acher-Brüder und Console immer noch ein feines Gespür für tolle Melodien haben. Vor diesem Hintergrund ist "Close to the glass" mit Sicherheit eines der grenzenlosesten, selbstbewusstesten Platten, die The Notwist zu diesem Zeitpunkt komponieren konnten, da es die facettenreichen Möglichkeiten der Band auf schonungslose Weise darstellt. Es wird jeden fordern, manchen enttäuschen und bleibt ein etwas anderes Meisterwerk, das sich hier noch eine ganz knappe 8/10 verdient hat.

"Seven hour drive" vermengt auf großartige Weise Electro, Pop und Noise und steht als Song vielleicht symptomatisch für den neu austarierten Sound. Im folgenden "Run run run" schlagen The Notwist die ästhetische Brücke zum direkten Vorgänger, noch am ehesten hätte dieser Song dort stattfinden können. Am auffälligsten dürfte hingegen "Lineri" sein, ein fast neunminütiger, instrumental gehaltener Balanceakt zwischen Ambient, krautiger Electronica und industrieller Pop-Art. The Notwist schießen sich damit selbst ins All und kommen mit einigen interessanten Impressionen zurück, die sie im abschließenden "They follow me" verarbeiten. Ein nachtschwarzer, kalter Trip an Orte, an denen kein Leben möglich ist. Kein Leben zumindest, dem man mit Gewohnheiten, Strukturen und Wiederholungen beikommen kann. Kein Leben, das durch Krimis, Sport-Events oder anderen Quatsch seinen Sinn erhält.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Kong
  • Casino
  • Seven hour drive
  • Lineri

Tracklist

  1. Signals
  2. Close to the glass
  3. Kong
  4. Into another tune
  5. Casino
  6. From one wrong place to the next
  7. Seven hour drive
  8. The fifth quarter of the globe
  9. Run run run
  10. Steppin' in
  11. Lineri
  12. They follow me

Gesamtspielzeit: 47:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Fiep()
2016-10-18 11:20:05 Uhr
Sicher auf einer stufe mit Neon Golden. Ob besser, hm... kann ich nicht sagen. Müsst ich wieder reinhören.

Aber letztens erst wieder Naked Lunch - Songs for the Exhausted wieder gehört.
ich verbinde Neon golden und SftE immer miteinander, muss aber sagen, das mir jetzt erst auffiel wie mies seine englischen texte auf dem Album sind.

Die Songs gefallen trotzdem.
(Anspieltips: God, First man on the sun, Man without past)

The MACHINA of God

Postings: 13084

Registriert seit 07.06.2013

2016-10-18 11:08:30 Uhr
Für mich wohl sogar ihr bestes.

MopedTobias

Postings: 10992

Registriert seit 10.09.2013

2016-10-18 11:01:39 Uhr
Würde es wohl auch toll finden, komm aber immer noch nicht mit Achers Stimme respektive seinem Englisch klar. Aber Lineri ist riesig.

Felix H

Postings: 3048

Registriert seit 26.02.2016

2016-10-18 09:04:35 Uhr
Für mich mit ihr bestes, zusammen mit "Shrink" und "Neon Golden".
Fiep()
2016-10-18 08:48:47 Uhr
Eines der alben, das sich am konstantesten gehalten hat in den letzen jahren. hörs heut noch immer wieder mal.
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