Marteria - Zum Glück in die Zukunft II

Marteria- Zum Glück in die Zukunft II

Four / Sony
VÖ: 31.01.2014

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Vergangenkunft

Marten Laciny hat bislang alles richtig gemacht. Den Fußball ließ er Fußball sein, bevor ihm der Sport zu Kopfe stieg oder womöglich auf die Socken gehen konnte. Von Rostock emigrierte er über den Umweg der schnellen Modestadt New York ins benachbarte Berlin-Friedrichshain und erfand dort den Deutschrap neu. Für sein Debüt "Base Ventura" ließ er abgrundtief böse grunzende Bässe in handverlesener Auflage züchten und zeigte, wie man Wut transformieren kann, ohne sich deswegen zum Aggro-Vollhonk der Stadt zu machen. Beim konsequent auf Hit, 2, 3, 4 getrimmten Nachfolger "Zum Glück in die Zukunft" gab es das passende Eingängigkeitspotential gratis dazu und die zuletzt veröffentlichte "Lila Wolken"-EP ging dermaßen durch die Stratosphäre, dass es auch ihm selbst mehr schwindelte als sonstwas. Doch nun beginnt die neue Bundesligasaison bei Null und es heißt "Hefte raus, Klassenerhalt" für Marteria.

Das Runterkommen aus der bekifften Kurzfristigkeitswolke des zurückliegenden Erfolges geschieht jäh und ziemlich ruppig. "Zum Glück in die Zukunft II" sperrt die verführerischen Hooks des Vorgängers tunlichst aus und schaut sich vielmehr kopfschüttelnd im Block um. Was ist passiert, wo sind all das Aufbegehren, die Leidenschaft und der Elan von früher hin? "Kids" gibt per plärrendem Görenchor die schmerzliche Antwort. Wenn Du wissen willst, warum Deine Kinder nicht mehr auf Demos oder Parties rennen, sondern lieber zielstrebig nach einem Ferienjob suchen, um sich ihren natürlich vegan und koscher gefertigten iPod überhaupt leisten zu können, dann schau in Deinen Spiegel von Villeroy & Boch.

Es ist die satte Sedierung einer resignativen Konsumgesellschaft, die sich an ihrem Betroffenheits-Geseire labt und die Marteria so süß-sauer aufstößt. Während andere stupide weiter inzwischen deckungsgleiche Volksparteien wählen und sich gefühlt rein gar nichts mehr zum Besseren ändert, ergreift er lieber Partei für das Volk und schaut sich nach guten Ideen auf der ganzen Welt um. Wie gehen die Menschen anderswo mit diesem scheinbar unabdingbaren Verfall der Paradigmen um? Woraus kann man in der heutigen Zeit noch echte Hoffnung schöpfen?

Marteria wäre natürlich kein Endboss geworden, wenn er sich diese Frage nicht schon längst gestellt hätte. Also gerät seine Arbeit in der Schlussfolge zu einem rigorosen Verzicht auf Opulenz, Pathos und Anmaßung. Stattdessen hört man allerorten die Aufbruchstimmung heraus, spürt aber zugleich eine entschiedene Rückbesinnung und teilt den angebrachten Zweifel am kollektiven Menschenverstand: Ob sich nun lässig-abhottende Jazz-Loops und rassige Handclaps mit dicken Jeep-Beats zur Sinnfindungsmaschine "OMG" zusammenfügen oder die raren Groove-Schatten über der bedrängenden Wortlastigkeit von "Die Nacht ist mit mir" lauern - einem Abgesang auf die urbane Suchtkultur mit Studioexperte Campino am hinteren Mikrofon. Überall sind die knisterigen Stilmittel des Hip Hops gegenwärtig, bevor dieser zum erklärten Massenkonsens verquoll - und auf denen Marteria sein ganz eigenes Haus aus klugen Worten erbaut hat. Sein kritischer Blick auf die globalisierte Gesellschaft ergibt sich zudem aus den Erfahrungen, die er bei seinen Reisen um den Globus sammeln konnte. Er ist keiner, der sich vor der Welt verkriecht, sondern einer, der sie mit allen Sinnen erfassen und begreifen lernen will.

Das klaustrophob zerfasernde "John Tra Volta", der fiese Zeitlupen-Banger "Auszeit" und auch die unerbittlich pulsierende Widerstandshymne "Bengalische Tiger" zeigen Marteria als zutiefst politisiert. Er versteht Staatsführung aber eben nicht allein als Manifestation eines Status Quo für selbsternannte wirtschaftliche Eliten, sondern vielmehr als zwischenmenschliche Verantwortung und vor allem tägliche Fragestellung für jeden Einzelnen, der man sich weder mangels Willen noch durch Flucht entziehen kann. Dazu schmeißt er uns diesen irritierenden Klotz von Album vor die Füße. Ein Brocken, der weder satt noch zufrieden macht, aber vielleicht wieder etwas empfindsamer für eine Zukunft, die uns alle betreffen wird. Und die schon gestern begonnen hat.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • OMG
  • Die Nacht ist mit mir
  • Bengalische Tiger
  • Auszeit
  • Welt der Wunder

Tracklist

  1. Intro
  2. Kids (2 Finger an den Kopf)
  3. OMG!
  4. Die Nacht ist mit mir
  5. Alt & verstaubt
  6. Pionier
  7. John Tra Volta
  8. Bengalische Tiger
  9. Eintagsliebe
  10. Gleich kommt Louis
  11. Glasklar / Herzglüht
  12. Auszeit
  13. Welt der Wunder
  14. Mein Rostock

Gesamtspielzeit: 54:13 min.

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User Beitrag

Castorp

Postings: 2792

Registriert seit 14.06.2013

2014-06-10 15:35:01 Uhr
Wir spritzen ab, bis die Eier wieder lila sind...

=)

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2014-06-04 16:01:45 Uhr
"Aufstrebende Jungstars und alte Bekannte: Der "Bundesvision Song Contest" bietet 2014 eine Mischung aus Pop, Rock und Rap. Zu den Favoriten für den Wettbewerb des Entertainers Stefan Raab dürfte der Rapper Marteria gehören, der für Mecklenburg-Vorpommern antritt. Er war schon 2009 dabei, belegte aber nur den 12. Platz."

http://www.spiegel.de/kultur/musik/bundesvision-song-contest-marteria-und-bourani-treten-an-a-973286.html

Vielleicht gibt er ja seinen Track mit Campino himself zum Besten. DAFÜR würde ich sogar aus Jux anrufen =D

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2014-05-28 22:47:42 Uhr
captain crunch hat gesprochen! =D

Achim

Postings: 6167

Registriert seit 13.06.2013

2014-05-28 18:51:04 Uhr
und king ist einfach fantastisch.

hihi.

captain kidd

Postings: 1676

Registriert seit 13.06.2013

2014-05-25 11:53:03 Uhr
marteria ist nun mal wirklich dreck. kollegah ist der einzige deutsche rapper, den man hören kann - und king ist einfach fantastisch. es ist klar, dass ihn in sachen punchlines keiner schlägt, als sei er abel...
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